Vieles an der Großstadt liegt ihm nicht besonders, sagt er, vor allem dort nicht, wo es größere Menschenansammlungen gibt. Da bricht Michael Dangl, Schauspieler und Schriftsteller, gern aus, raus aus der Stadt in die Natur, oder wenn die Zeit fehlt, in den Stadtpark. Die Wiesen sind verwaist, die Bänke nur vereinzelt besetzt, die Blätter teilweise schon bunt gefärbt: Untrügliche Zeichen, dass der Herbst auch in Wien angekommen ist. „Den Stadtpark“, sagt Dangl, während er rund um den Ententeich spaziert, „habe ich erst vor einiger Zeit für mich entdeckt. Für mich ist das ein sehr stimmiger Ort, das kann ich nicht von jedem Park in Wien sagen.“ Den Volksgarten etwa schätzt er nicht so sehr, „da gefällt mir die Atmosphäre nicht, und man sieht den Park vor lauter Rosen nicht“. In der warmen Jahreszeit übt Dangl gern im Park seine Rollen – oder schreibt.
Der Institution Park hat Dangl (44) auch in seinem eben erschienenen zweiten Roman „Schöne Aussicht Nr.16“ (Braumüller Verlag) eine wunderbare Hommage geschrieben. Wobei der Park im Roman, in dem sich ein älterer, einsamer Mann und eine Frau langsam näherkommen, nicht der Wiener Stadtpark ist. Oder nicht nur. „Das ist ein Extrakt aller Parks, in denen ich jemals war“, sagt Dangl. Und das sind gar nicht so wenige: Immerhin ist Dangl, gebürtiger Salzburger, ein „Reisender“, wie er sagt, der lange in Hamburg und Köln Theater gespielt und gelebt hat. Immer wieder ist er auch in Moskau und St.Petersburg, wo seine Frau, eine Musikerin, arbeitet. 1998 verschlug es ihn nach Wien – „ich hatte davor nie daran gedacht, hier zu leben“ –, weil ihn das Theater in der Josefstadt zunächst für zwei Stücke holte, längst ist er festes Ensemblemitglied. Nach den hymnischen Kritiken für „The King's Speech“ in den Kammerspielen – Dangl spielt die Hauptrolle des stotternden späteren Königs George VI. – ist Dangl derzeit viel beschäftigt und erfolgsverwöhnt: Eben wurde er auch für den Nestroy-Publikumspreis nominiert.
Ausbrechen aus der Großstadt – das gelinge aber auch, sagt Dangl, während er vom Stadtpark zurück auf den Ring taucht, wenn man sich hinaufbegibt, über die Stadt. Ein Ort, der das möglich macht, ist noch relativ unbekannt: Die Dachterrasse des vor Kurzem eröffneten Nobelhotels Ritz Carlton am Schubertring, die sich „Atmosphere Rooftop Bar & Lounge“ nennt. Vom achten Stock aus hat man einen Rundumblick auf die Stadt. Was viele nicht wissen: Die Terrasse ist – wie auch das Restaurant Dstrikt – explizit auch für Wiener und nicht nur für die Hotelgäste gedacht. Dangl nimmt im Café in der Hotellobby Platz. Er sei gern in Hotels, erzählt er bei einer Melange. „Die Menschen in den Hotels sind mit sich beschäftigt, man wird in Ruhe gelassen. Ich mag auch die gediegene Vornehmheit guter Hotels – noch lieber aber mag ich es ganz einfach.“ Nur das Zwischendrin, das Dangl „das zutiefst Bürgerlich-Wollende“ nennt, mache ihn nervös.
Stichwort Schlichtheit. Der Schauspieler spaziert weiter in Richtung Stubentor. Nur wenige Minuten Fahrzeit und zwei U-Bahn-Stationen weiter liegt ein weiterer Lieblingsort: die Minoritenkirche am gleichnamigen Platz. Seinem Interesse an Bauwerken und Architektur ist es zu verdanken, dass Dangl die Kirche, eine der ersten gotischen Bauten in Ostösterreich, für sich entdeckt hat. Hier komme er oft vorbei, erzählt er, wenn er aus der Josefstadt in den Ersten spaziert. Wenig bekannt ist, dass sich in der Kirche die größte Nachbildung von da Vincis „Letztem Abendmahl“ befindet, die einst von Napoleon in Auftrag gegeben wurde. Da die Mosaikkopie des Originals für das Belvedere zu groß war, landete sie schließlich in der Minoritenkirche. Für Dangl ist die Kirche „ein Ort der Heimkehr und Kontemplation“, besonders das Fresko von Franz von Assisi spreche ihn „zutiefst“ an. „Für mich ist das von einer ergreifenden Stille und Schlichtheit.“
Schlichtheit, ein gutes Stichwort: Wiewohl Dangl mittlerweile nicht mehr gern auswärts isst („zu teuer, zu kleine Portionen, zu unfreundliche Kellner“), macht er für einen „sehr unprätentiösen“ Italiener eine Ausnahme: die kleine „Osteria del Salento“ im Achten, unweit des Theaters in der Josefstadt, in die das Ensemble nach Vorstellungen gern einkehrt. „Eine bodenständige Küche wie in Italien auf dem Land“ gebe es hier, sagt Dangl. Als Vielgereister weiß er wohl, wovon er spricht.
Am Montag diskutiert Dangl mit Musiker Gidon Kremer über „Musik als Ressource“ (TU Wien, 18 Uhr). Am 17.10. liest er aus „Schöne Aussicht Nr.16“ (Nationalbibliothek, 20 Uhr). Derzeit ist er in „The King's Speech“ in den Kammerspielen und in „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ im Theater in der Josefstadt zu sehen. www.josefstadt.org
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2012)
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