Wien. Die Wiener Charta ist ein Großprojekt, das das Zusammenleben in Wien verbessern soll. Hofft zumindest die Wiener Stadtregierung. Im März wurden in der Bevölkerung Themen gesammelt, die für Konflikte im Alltag sorgen. Am Sonntag wurde das Herzstück, die Chartagespräche, abgeschlossen. In 651 Gruppen diskutierten 8500 Wiener seit April insgesamt 12500 Stunden darüber, wie das Zusammenleben in Wien besser funktionieren könnte.
Dabei beschäftigten sich die Gruppen unter der Leitung von Mediatoren mit unterschiedlichsten Problemen. Ein großes Thema war laut Stadt Wien „Jung gegen Alt“, also der Generationenkonflikt. Aber auch Wege für ein besseres Zusammenleben von Migranten und alteingesessenen Wienern wurde diskutiert – ebenso wie die Frage, wie Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer besser miteinander auskommen könnten, mehr Sauberkeit in die öffentlichen Verkehrsmittel zu bringen wäre.
Beteiligung von Austria, Rapid
Diese Gesprächsgruppen wurden von Partnern der Stadt organisiert. Darunter waren beispielsweise die Fußballvereine Austria und Rapid, zahlreiche Jugendorganisationen, die Caritas usw. Die Ergebnisse dieser Gespräche fließen nun in die Wiener Charta ein, die Ende November präsentiert wird. Sie soll eine freiwillige Selbstverpflichtung aller Wiener für ein besseres Zusammenleben in der Stadt sein.
Was haben die Gespräche ergeben – was ärgert also die Wiener? Ursula Struppe, Leiterin der MA 17 (Integration) zur „Presse“: Beispielsweise hätten Pensionisten Jugendliche in einem Gemeindebau ständig beschimpft, weil diese spät in der Nacht noch im Ballspielkäfig gelärmt hätten. Im Rahmen der Gespräche hätten sich die Jugendlichen verpflichtet, ab sofort leiser zu sein – während die Pensionisten versprachen, die Jugendlichen nicht mehr zu beschimpfen. Oder: Wiener Taxler ärgerten sich oft über die Fahrweise von Lenkern der Wiener Linien. Nun haben sich die Verkehrsbetriebe mit einem Taxiunternehmen darauf geeinigt, dass im Zuge der Ausbildung zum Taxilenker die Teilnehmer einen Tag mit einem Lenker der Wiener Linien mitfahren – um dessen Verhalten besser zu verstehen.
Für Struppe sind die Gespräche in den Gruppen das Wichtigste im Charta-Prozesses. Denn durch die Gespräche würden Konfliktparteien lernen, den anderen besser zu verstehen. Und man könne so freiwillige Regeln aushandeln, damit das Zusammenleben künftig besser funktioniert.
Obwohl es auch kritische Stimmen gibt, sieht Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger das Projekt als Erfolg – es wird überlegt, die Charta (nach ihrer Präsentation im November) laufend weiterzuentwickeln. Was das heißt, ist allerdings noch offen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2012)
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