Wien. Der Konflikt zwischen Palästina und Israel schwappt nun (in abgeschwächter Form) auf Wien über. Das Logo der israelischen Botschaft auf der Homepage des Kulturfestivals Salam.Orient erzürnt arabische Musiker. Seit 2001 lädt die Kulturveranstaltung Musiker, Tänzer und Poeten aus dem orientalischen Raum ein, um den Dialog zwischen den Kulturen zu fördern. Doch zum ersten Mal muss sich der Veranstalter Norbert Ehrlich mit Absagen herumschlagen.
Ehrlich lud eine Musikgruppe aus Israel ein, die von der israelischen Botschaft Wien gesponsert wird. Daher befindet sich das Logo der Botschaft auf der Homepage der Veranstaltung. Seitdem kursiert in der arabischen Internetwelt das Gerücht: Israel finanziert Salam.Orient. Prompt sagten fünf arabische Musiker ihre Auftritte ab. Mitschuld trägt die palästinensische Gruppierung „Palestinian Campaign for the Academic and Cultural Boycott of Israel“ (PACBI). Sie ruft zum Boykott gegen Veranstaltungen auf, die mit dem Staat Israel in Verbindung stehen. So auch gegen Salam.Orient, das von 16. Oktober bis 10. November in Wien stattfindet.
Der palästinensische Rapper MC Boikutt war der erste Künstler, der seinen Auftritt, der für den 2. November im Wiener „Ost Klub“ geplant war, strich und zum weiteren Boykott aufrief. So sagten die libanesische Rapperin Malikah, der palästinensische DJ Sotusura und die syrische Sängerin Lena Chamamyan ebenfalls ihre Auftritte bei Salam.Orient ab. „Ich habe kein Problem mit dem Judaismus, sondern mit der unmenschlichen Politik Israels“, lautet die offizielle Stellungnahme Chamamyans. Die Gruppierung PACBI bedankte sich bei Chamamyan für ihre Haltung und meinte, sie sei ein Vorbild für alle arabischen Künstler. „Dass es eine Gruppe gibt, die jede Veranstaltung boykottiert, die mit dem israelischen Staat in Zusammenhang steht, weiß ich erst seit den Absagen“, sagt Ehrlich über die seit 2004 bestehende PACBI. Enttäuscht nimmt er die Widerrufe zur Kenntnis, könne die große Politik mit seinem Kulturfestival aber nicht ändern.
„Es ist traurig, was hier passiert“, meint die israelische Botschaftsgesandte Galit Ronen zu den jüngsten Entwicklungen in Wien. Sie sei aber froh über die Entscheidung Ehrlichs, die israelische Musikgruppe nicht auszuladen. Außerdem sei die Botschaft daran interessiert, die Beziehung zu Palästina zu verbessern. „Immer wieder planen wir Veranstaltungen“, so Ronen, „aber die Palästinenser wollen unseren Einladungen nicht nachkommen. Sie werfen uns vor, lediglich an Publicity interessiert zu sein.“
Über Facebook bloßgestellt
Die fünfte Absage kam vom palästinensischen Musiker Marwan Abado, der seit 1985 in Österreich lebt: „Zwei Mal wurde ich bei der Einreise nach Israel verhaftet. Angeblich aus Sicherheitsgründen, obwohl ich österreichischer Staatsbürger bin.“ Doch dieser persönliche Konflikt mit Israel ist nicht der einzige Grund für seinen Rückzieher: „Ein libanesischer Journalist stellte mich in einem offenen Brief auf Facebook bloß, indem er mich gefragt hat, worauf ich warte und wieso ich Salam.Orient nicht absage.“ Abado musste dem Druck nachgeben und ist äußerst verärgert über die Geschehnisse.
Über Facebook schreibt er, dass er mit dem Boykott und der Art, wie mit ihm umgesprungen werde, ein Problem habe. „Einige Araber sind exzellente Rhetoriker. Ein vernünftiges Gespräch mit ihnen ist unmöglich. Sie handeln wie Autisten, die nur eine Sache im Kopf haben. Da muss man genau aufpassen, was man tut und sagt.“ Ronen sieht nur einen Weg, den Konflikt zu beenden: „Wenn wir endlich Frieden wollen, müssen sich die Palästinenser früher oder später mit uns auseinandersetzen.“ KONZERTKRITIK s. 29
Salam.Orient. Das Kulturfestival, das seit 2001 Musiker, Tänzer und Poeten aus dem orientalischen Raum nach Wien lädt, verzeichnet dieses Jahr erstmals zahlreiche Absagen. Musiker aus Palästina, dem Libanon und Syrien ziehen ihre Auftritte zurück und rufen zum Boykott auf. Schuld ist das Logo der israelischen Botschaft, das auf der Salam.Orient-Homepage aufscheint.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2012)
Buntes Treiben ''andersrum''
Rad-PicknickFaltrad-Rennen wie in Le Mans
Liu Bolin Der ''unsichtbare Künstler''
WienDie Votivkirche, eine ewige Baustelle