Die Mariahilfer Kirche im Hintergrund, flanierende Menschen auf den breiten Gehsteigen, auf der linken Seite ein kräftiger Baum – und dann waren da noch zwei parkende Autos, eines auf der linken, eines auf der rechten Seite der Straße. Nun, vielleicht war das Bild, mit dem der Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien (PID) 1992 die Zukunft der Mariahilfer Straße präsentierte, doch ein wenig zu optimistisch. Denn die damals vorgestellte Idylle, wie sie nach der Eröffnung der U3 im März 1993 entstehen sollte, stellte sich nie richtig ein.
Die Mariahilfer Straße blieb, was sie schon vorher war: eine Hauptverkehrsroute. Sicherlich, viel Verkehr fand nun unter der Erde statt. Statt der Straßenbahnlinien 52 und 58 bewegte man sich nun mit der U-Bahn vorwärts. Und statt auf einem breiten Boulevard mussten sich die Autos durch ein schmales Band zwischen riesigen Gehsteigen – der ÖAMTC sprach vom „Rückbau zu einer Dorfstraße“ – zwängen. Aber die Fahrzeuge waren noch immer da. Oft mehr stehend als fahrend, so dass sich mancher Radfahrer zügig an den Kolonnen vorbeischlängeln konnte. Doch der Traum des ehemaligen Planungsstadtrats Fritz Hofmann, der Anfang der Achtzigerjahre glaubte, nach der Fertigstellung der U3 würden die Autos verschwinden, bewahrheitete sich nicht.
Die große Transformation. Bald ist es zwanzig Jahre her, dass die Mariahilfer Straße eine ihrer größten Transformationen hinter sich gebracht hat. Die Errichtung der U3, die schon 1984 gestartet war, hatte Ende der Achtziger tiefe Wunden in die Einkaufsstraße gerissen. Straßenbahnschienen führten über Schluchten, Autos mussten zwischen Holzplanken und Gerüsten an den Löchern im Boden vorbeigeführt werden. Und die Geschäfte zwischen den Baustellen waren dominiert von Billigelektronik, die vor allem Besucher aus Osteuropa anlockte. In jener Zeit war ein wenig verächtlich das Schlagwort „Magyarhilfer Straße“ zu hören.
Ein Zustand, der sich mit der Fertigstellung der U-Bahn schnell änderte. Die Mieten schossen in die Höhe – und statt der kleinen Ramschgeschäfte siedelten sich internationale Marken an. Die Stoßrichtung war klar – die Mariahilfer Straße sollte als Einkaufsmeile mit der Innenstadt in Konkurrenz treten. Und tatsächlich muss sie sich in Sachen Passantenfrequenz heute nur noch mit der Kärntner Straße und dem Graben messen.
Und auch ein weiteres Ziel erreichte man – der Anteil der Menschen, die mit dem Auto anreisten, ging deutlich zurück. Kam vor der U-Bahn-Ära noch fast ein Drittel der Kunden mit dem PKW zum Einkaufen, ging der Anteil bald auf neun Prozent zurück, wie die Wiener Wirtschaftskammer Ende 1993 bei einer Umfrage feststellte. Rund 67 Prozent stiegen in öffentliche Verkehrsmittel, 23 Prozent kamen zu Fuß. Eine Verteilung, die im Wesentlichen bis heute gleich geblieben ist. Und ein Zustand, mit dem man sich auch zufrieden zeigte. Zumindest vorläufig.
Denn die Pläne, das Auto völlig zu verdrängen, lagen schon in der Schublade. „Halten Sie es grundsätzlich für eine gute Idee, die Mariahilfer Straße samstags zur Fußgängerzone zu erklären?“, fragte die Wiener Wirtschaftskammer im Jahr 2001 die Kaufleute, 61Prozent stimmten der Frage zu. Und tatsächlich wurde eine Testphase für eine autofreie Mariahilfer Straße beschlossen. Was an Einkaufssamstagen im Advent schon vorexerziert worden war, sollte nun regelmäßig erprobt werden. Allein, es kam ein Veto – ausgerechnet von einem Grünen: „Ja zur Fußgängerzone, Nein zum Chaos“, argumentierte der Neubauer Bezirksvorsteher Thomas Blimlinger. Er fürchtete, dass die Autos einfach in die benachbarten Straßen ausweichen würden. Und forderte ein Gesamtkonzept.
Rot-grünes Projekt. Damit war die Luft aus dem Projekt für lange Zeit draußen. Gelegentlich aufflammende Initiativen scheiterten regelmäßig an Neubau. Erst rund um die Wien-Wahl im Oktober 2010 wurde plötzlich wieder darüber gesprochen. Der damalige Verkehrsstadtrat Rudolf Schicker (SP) konnte sich in einem „Presse“-Interview mit der Idee anfreunden. Und als Wien schließlich seine erste rot-grüne Koalition hatte, wurde das Projekt immer konkreter, wurde unter der Federführung von Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou (Grüne) tatsächlich an einem Gesamtkonzept gearbeitet. Selbst Blimlinger rückte nun zunehmend von seinem Veto ab.
Mehrere Studien und ein Bürgerbeteiligungsverfahren später wurde es schließlich ernst. Am Freitag verkündeten die Bezirkschefs Blimlinger und seine Mariahilfer Amtskollegin Renate Kaufmann (SP), dass die Straße ab 2013 schrittweise verkehrsberuhigt werden soll. Mit einer echten Fußgängerzone zwischen Andreasgasse und Kirchengasse und mit verkehrsberuhigten Anrainerzonen. Allein, noch stehen die Gespräche mit Handel, Verkehrsbetrieben und Interessenvertretungen aus. Und im Jänner 2013 sollen die Bürger über diverse Details befragt werden. Doch läuft alles wie geplant, könnte die Mariahilfer Straße schon ab Sommer 2013 tatsächlich autofrei sein. Zumindest ein paar Teile davon.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2012)
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