Im Grunde beginnt die Traurigkeit ja schon um den 21.Juni. Ab diesem Zeitpunkt werden die Tage wieder kürzer, tritt die Dunkelheit langsam ihren Siegeszug an. Doch immerhin bieten die Tage mit Sonne und Hitze noch ihre ganze Kraft auf. Dennoch ist die Niederlage schon programmiert. Wenn die ersten Lebkuchen im Supermarktregal stehen, wenn dann plötzlich überall Sturm getrunken wird, bleibt nur mehr das Eingeständnis, dass die dunkle Seite nicht mehr aufzuhalten ist. Und dass Maroni, Wild und Martinigänse nur als Henkersmahlzeit gereicht werden, um dem November, dessen nasskalte Fratze sich immer deutlicher auf dem Kalender abzeichnet, ein wenig den Schrecken zu nehmen.
Was helfen da romantisch anmutende Vorstellungen, dass es erst im Herbst so richtig gemütlich wird, dass man sich unter eine kuschelige Decke zurückziehen und Tee trinken kann – wo genau liegt die Gemütlichkeit, wenn das Bett zur Gefängniszelle wird, aus der man gar nicht mehr entkommen kann? Weil durch die Ritzen der Altbauwohnung die kalte Luft das eigene Wohnzimmer zur Eishöhle macht. Tee trinkt man sowieso nur dann, wenn man muss – wenn man krank ist. Und das ist man im Herbst unter Garantie. Denn mit der Dunkelheit resigniert der Körper, legt sich in Duldungsstarre vor all die herumschwirrenden Viren und Bakterien, um sich von ihnen hinwegraffen zu lassen. Es hat ja doch keinen Sinn, es mit Widerstand zu versuchen. Der Schnupfen, der Husten, das Frösteln – sie alle wandeln im Windschatten des angreifenden Novembers und walzen alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellt. Widerstandskraft stärken? So stark kann kein Orangensaft, kein Vitaminpräparat sein. Selbst wer hundert Mandarinen pro Tag verspeist, wird irgendwann dieses verdächtige Kratzen im Hals spüren. Dieses Kratzen, das sich wie ein Alien zu einem schleimigen Knödel im Hals entwickeln wird. Mitten in der Nacht deutet es sich an, lässt sich auch mit einem Schluck Wasser nicht wegspülen. Und am Morgen hat es sich festgesetzt. Gemeinsam mit der Erkenntnis, dass nun rund zwei Wochen mit laufender Nase, zitternden Gliedern und ständigem Kältegefühl bevorstehen. Ja, die Krankheit kommt im Herbst. Und nein, es gibt kein Entrinnen. Selbst Davonlaufen schützt nicht – sonst hätten Sportler schließlich niemals Fieber.
All das wird auch nicht besser durch die tägliche Quälerei mit dem An- und Umziehen. Zwischen nasskalter Novemberödnis im Freien und völlig überhitzten Räumen bekommt der Körper ein regelrechtes Wechselbad: Innen sammelt sich der Schweiß, außen kühlt der den nassen Körper so richtig ab. Ja, natürlich stecken eigentlich Viren dahinter, doch ganz so falsch ist der Begriff des Verkühlens dann doch wieder nicht.
Abgesehen davon, wer trägt schon gern dicke Socken, Wollpullover mit Karos oder Jacken, die eine Statur wie die des Michelin-Männchens verleihen! „Hauptsache warm“, hört man dann oft. Ja, klar. Diesen Gedanken darf man dann jeden Morgen unter der Decke missmutig beiseitewischen, wenn der Wecker läutet. Und man weiß, dass man gleich wieder hinaus muss in diese dunkle, nasse und kalte Welt. Nein, nicht einmal durch Verschlafen kann man dem Herbst entkommen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2012)
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