Ohne geht es erst gar nicht. Viele Menschen stellen sogar schon die Uhr danach: Der erste Schnupfen nach dem Sommer? Das kann nur eines bedeuten: Hallo, Herbst! Dieses Naheverhältnis zu Husten, Schnupfen, Heiserkeit und Grippe ist zu einem guten Teil für den schlechten Ruf des Herbstes verantwortlich und hat viel damit zu tun, dass er es gerade einmal auf Platz drei von vier der Jahreszeitenbeliebtheitsskala schafft.
Dass sich die Jahreszeit auf die Gesundheit des Menschen auswirkt, gilt mittlerweile allgemein als anerkannt. Warum das so ist, wird von den einzelnen medizinischen Schulen zwar unterschiedlich begründet, in einem sind sich allerdings so gut wie alle einig: Die Chancen, den Herbst so unbeschadet zu überstehen, wie der Kollege, der dieser Tage triumphierend auf vier schnupfenfreie Jahre zurückblickte, stehen eher schlecht.
Die Schulmedizin kennt mittlerweile hunderte Virenarten, die im Herbst besonders gut verbreitet werden. Zum einen rotten sich aufgrund des schlechten Wetters viel mehr Menschen in geschlossenen Räumen zusammen als in der schönen Jahreszeit. Zum anderen begünstigen niedrigere Temperaturen, trockenere Schleimhäute und UV-Licht die Verbreitung der Keime. Und da hat man kaum eine Chance mehr, denn wenn eine verkühlte Person einmal anständig niest, werden die Erreger mit einer Geschwindigkeit von 900 Kilometern pro Stunde an die Umgebung verteilt.
Die sehr gemeine Erkältung. Allein bei der „common cold“, der (wirklich sehr) gemeinen Erkältung, seien es 100 verschiedene Viren, sagt Stephan Aberle vom Department für Virologie an der Med-Uni Wien. Hinter diesen Viren lauert die zweite Angriffslinie in Form von Bakterien, die eine Zweitinfektion auslösen und im schlimmsten Fall zu einer Lungen- und Herzmuskelentzündung führen können.
Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) macht ebenfalls vor allem das Wetter für den Anstieg herbstlicher Erkältungskrankheiten verantwortlich, liefert allerdings eine etwas andere Erklärung. Die TCM teilt die Welt in fünf Elemente, denen jeweils eine Jahreszeit (die fünfte ist der Spätsommer) zugeordnet ist. Zum Herbst gehört die Lunge – und die ist nach Logik der TCM in dieser Saison besonders anfällig. Die Lunge ist – ebenso wie die Haut und der Darm – dafür verantwortlich, den Organismus vor Einflüssen zu schützen, die von außen in ihn eindringen wollen – und da hat sie im Herbst jede Menge zu tun. Denn vor allem der Wind sorgt dafür, dass Kälte und Feuchtigkeit leichtes Spiel haben. Wind/Kälte sind somit für Schnupfen verantwortlich, Wind/Hitze erzeugen Halsentzündungen. Warum gerade im Herbst die Depressionen zunehmen, erklärt die TCM damit, dass die Lunge auch für diesen Bereich zuständig ist.
Die Chronobiologie. Auch die eigene Wissenschaft, die sich mit den gesundheitlichen Auswirkungen (unter anderem) der Jahreszeiten beschäftigt, kommt in Sachen Herbst zu einem ziemlich eindeutigen Urteil: Die Chronobiologie beobachtet den menschlichen Biorhythmus, die innere Uhr, und wie sich eine Störung dieses Rhythmus auf den Organismus auswirken kann. „Lange Zeit hat man sich hier vor allem mit Tag und Nacht, Hell und Dunkel beschäftigt“, sagt Maximilian Moser, Leiter des Instituts für Gesundheitstechnologie und Präventionsforschung in Weiz. „Doch seit einigen Jahren denkt man auch in längeren Zyklen.“
Da der Jahreszeitenzyklus gerade in Österreich sehr stark ausgeprägt ist, wirkt er sich auch besonders deutlich auf den Biorhythmus aus. Im Herbst, wenn die Tage kürzer, die Nächte länger und die Temperaturen niedriger werden, nimmt bei Menschen die Müdigkeit zu. Daher werden auch Personen mit Depressionen diese in der dunklen Jahreszeit viel stärker spüren. „Wegen des Lichtmangels werden zu wenig Hormone gebildet, die uns aktivieren“, sagt Moser. „Und als Folge des Serotoninmangels kann eine saisonale Depression auftreten.“
In Regionen, die im Sommer noch mehr unter der Dunkelheit zu leiden haben, ist dieser Effekt noch viel stärker. „In Skandinavien gibt es eigene Lichtcafés, wo man Licht tanken kann.“ Aber auch hierzulande ist die Lichttherapie nicht mehr ganz unbekannt. Wichtig dabei ist allerdings, dass das Licht tagsüber angewandt wird, denn sonst kann es zu Rhythmusstörungen kommen, die dem Organismus schaden können. „Das kann von Kopfschmerzen und Übelkeit bis zu Krebserkrankungen gehen“, so Moser.
Herbstdiäten funktionieren nicht. Aber auch scheinbar simple Dinge wie die Ernährung werden von Jahreszeiten beeinflusst. Mussten Menschen früher im Herbst Vorräte schaffen, gibt es heute auch in der kalten Jahreszeit keinen Mangel an Nahrung. Was darin gipfelt, dass es dem Körper im Herbst und Winter viel schwerer fällt, Gewicht zu verlieren. „Im Herbst abzunehmen ist gegen den Rhythmus der Natur“, meint Moser. „Im Frühjahr fällt das wesentlich leichter.“ Und auch dieses Phänomen ist leicht erklärbar: Am Ende des Winters sind die Vorräte schon aufgebraucht, doch es kann noch nichts Neues geerntet werden. Der menschliche Körper hat sich darauf eingestellt – die Fastenzeit genau ins Frühjahr zu verlegen ist in diesem Sinne eine sehr pragmatische Lösung.
Die jährlich wiederkehrende Herausforderung, das Unmögliche zu schaffen und einen Herbst ohne Husten oder Schnupfen hinzulegen, lässt unaufhörlich die Kassen der Pharmafirmen klingeln und beschert alternativen und Schulmedizinern volle Terminkalender. Die Rezepte reichen dabei von bekannt bis skurril: Man kann Vitamine schlucken, anständig essen – und möglichst dreimal am Tag warm, sagt die Traditionelle Chinesische Medizin. Man kann sich Knoblauchzehen in die Nase stecken oder kalt/warm duschen. Vor allem aber soll man ausreichend schlafen und sich genügend bewegen. „Studien haben gezeigt, dass wir heute eine Stunde weniger schlafen als noch vor 30 Jahren“, sagt Claudia Lazar, praktische und TCM-Ärztin.
„Wohlfühl“-Tagebuch. Man kann dem Herbst aber auch vom Kopf her den Kampf ansagen. Wenn unangenehme Arbeits- und private Situationen krank machen können, dann gilt das auch für die Jahreszeiten. Nachdem man sich von denen aber nicht befreien kann, müsse man die Einstellung dazu umpolen, sagt die Wirtschafts- und Kommunikationstrainerin Natalia Ölsböck: „Wie man zum Herbst steht, hat viel mit unbewussten Lernprozessen zu tun, die bis in die Kindheit zurückreichen. Verbindet man mit dem Herbst in erster Linie goldene Blätter und Erntedank oder nasse Füße und schlimme Erkältungen?“
Wenn die Assoziationen zum Herbst vor allem negativ sind, kann man versuchen, sie mit neuen Erfahrungen zu überlagern. Dazu zählt Ölsböck unter anderem ein „Wohlfühl-Tagebuch“: „Darin notiert man jeden Abend das Schönste, was an diesem Tag passiert ist. Das dauert nur einige Minuten, doch man geht mit positiven Gedanken ins Bett. Es hat sich gezeigt, dass so ein Tagebuch die Stimmung um bis zu 20 Prozent heben kann.“
Das Einfachste sei aber, sich im Herbst genauso zu verhalten wie im Sommer, sich so viel wie möglich im Freien aufzuhalten und sich zu bewegen. Das helfe auch gegen die saisonale Depression. Versuche in Salzburg hätten gezeigt, dass Wanderungen das persönliche Befinden depressiver Patienten deutlich verbessern könnten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2012)
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