Jetzt ist es amtlich: Die Sanierung des Wiener Stadthallenbades hat "keinen wünschenswerten Verlauf" genommen. So lautet das Resümee des Kontrollamtes, das die Geschehnisse rund um das umstrittene Bauvorhaben genau unter die Lupe genommen hat. In einem umfangreichen Prüfbericht wird ein regelrechtes Fiasko geschildert: So wurde im Vorfeld der Zustand des Bads nur ungenau erhoben und der Bauablauf verlief angesichts eines offenbar überforderten Projektteams "nicht strukturiert", wie es hieß.
Klar ist nun auch, dass die Wiedereröffnung der in den Jahren 1972 bis 1974 vom Architekten Roland Rainer errichteten Freizeit- und Sporteinrichtung in den Sternen steht. Einen Termin dafür gibt es noch nicht, wie auch die neue Stadthallenführung in dem Bericht betont. Apropos Führung: Jene Manager, welche die desaströse Sanierung in die Wege geleitet haben, sind bereits in Pension.
Baustopp war "richtige Entscheidung"
Die Entscheidung einen Baustopp zu verhängen und eine gerichtliche Beweissicherung zu veranlassen, sei richtig gewesen, hieß es am Mittwoch in einer Aussendung des zur Wien-Holding gehörenden Stadthalle. Man werde über zivilrechtliche Schritte nachdenken, sobald die Befunde vorliegen.
Die Vorgangsweise solle gewährleisten, dass die Sanierung korrekt abgewickelt werde und der Bevölkerung ein komplett saniertes Bad zur Verfügung stehe: "Denn nach wie vor gilt, dass die Wiener Stadthalle als Bauherr das Stadthallenbad nur dann übernehmen wird, wenn es, wie vertraglich vereinbart, generalsaniert und ordnungsgemäß funktionsfähig von den Auftragnehmern übergeben wird." Baustopp und Beweissicherung wurden im Jänner 2012 angeordnet.
Schäden erst beim Bau aufgefallen
Das Kontrollamt ortete eine Reihe von "grundsätzlichen Fehlern" in der Projektvorbereitung. Denn genau geprüft wurde die Bausubstanz des Stadthallenbads anscheinend nicht wirklich. "So hat sich das Projektteam mit einer bloßen Sichtkontrolle zur Eruierung des Schadensgrades begnügt und auf eine invasive Zustandserfassung und Zustandsbeurteilung verzichtet", heißt es im Bericht. Zahlreiche Schadensbilder seien darum erst im Verlauf der Bauabwicklung erkannt worden.
Die Stadthalle verteidigt in einer im Bericht enthaltenen Stellungnahme das Vorgehen: Bei tiefergehenden Untersuchungen hätte das Bad für mehrere Monate gesperrt werden müssen - "wenn nicht sogar länger". Während der (2008 begonnenen, Anm.) Vorarbeiten sei eine Schließung jedoch nicht geplant gewesen. Man habe übrigens ein Planungsbüro mit der Tätigkeit beauftragt, das über eine umfangreiche Erfahrung im Hallenbadbau verfüge, wurde versichert.
Projektziel "nicht klar definiert"
Allerdings: Für die Durchführung der Arbeiten selbst wurde dann eine Firma ausgewählt, die laut Kontrollamt über keine einschlägige Expertise verfügt. Die Zuschlagsentscheidung durch die Stadthalle sei "somit nicht nachvollziehbar". Und auch die Entscheidung für die Bauaufsicht stieß bei den städtischen Prüfern auf Staunen. Denn laut Firmenbuch war der damalige technische Direktor der Stadthalle Geschäftsführer einer Firma, bei der das zum Zug gekommene Ziviltechnikerbüro Gesellschafter war.
Eher ungewöhnlich soll auch das Projektmanagement ausgefallen sein. Das Projektziel sei "nicht klar definiert" gewesen, der Sanierungsumfang nicht exakt abgegrenzt. Eine "konsequente Anwendung der Methoden des Projektmanagements" sei nicht zu erkennen gewesen, hieß es.
Zu späte Erkenntnis
Auch zeigte sich, wie dringend genaue Vorerhebungen gewesen wären. Erst im Jänner 2012 habe der Generalplaner etwa eine Ursache der Undichtheit der Dachkonstruktion erkannt. Frühere Sanierungen hätten sich als mangelhaft herausgestellt. Die Firma erachtete eine tiefer gehende Bestandsanalyse als erforderlich. Kommentar der Prüfer: "Nach Meinung des Kontrollamtes kam die Erkenntnis (...) um Jahre zu spät."
Dabei wurden keineswegs nur - zumindest für das Projektteam überraschende - Schäden entdeckt. Auf so manche Erfordernisse wurde anscheinend ganz einfach vergessen. Zum Beispiel: "Erst Ende Jänner 2011, acht Monate nach Baubeginn, wurde daran gedacht, die Schwimmsport und Wassersporttauglichkeit der Anzeigetafeln unter Berücksichtigung des FINA-Reglements (des internationalen Schwimmverbands, Anm.) zu überprüfen, um entscheiden zu können, ob diese weiter verwendbar und adaptiert oder erneuert werden müssen."
Nachträgliche Duschen-Umplanung
Im Mai 2011, also ein Jahr nach Baubeginn, hat die Stadthalle dann auch die Meinung vertreten, dass zu wenige Duschen im Garderobenbereich vorhanden sind. Die geforderte Erhöhung der Anzahl zog Mehrkosten nach sich. Wobei dies eine Kleinigkeit ist im Vergleich zum wirklich großen Problem: Der Undichtheit an drei Becken, darunter das große Sportbecken. "Bis zum Abschluss der gegenständlichen Prüfung im Mai 2012 gelang es nicht, die tatsächlichen Ursachen der Undichtheiten an den drei Becken zu eruieren." Laut Stadthalle sind die entsprechenden Erhebungen noch im Gange.
Sogar gefährlich wurde es übrigens Ende März 2012 - als sich ein neuer Fliesenmosaik-Belag im Eingangsbereich auf einer Fläche von rund eineinhalb Quadratmetern von der Wand löste. Er stürzte auf den darunter befindlichen Stiegenabgang zum Trainingsbecken. Verletzt wurde niemand, da aufgrund des Baustopps und des Beweissicherungsverfahrens ohnehin keine Arbeiter auf der Baustelle anwesend waren. Die Überprüfung der restlichen Fliesenflächen ergab laut Kontrollamt, dass auch an anderen Stellen die Verarbeitung mangelhaft ist.
Auf Generalplaner verlassen
Die Stadthalle bestätigte, dass der Zeitdruck groß war: "Der Zeitrahmen für die Generalsanierung war zum einem darauf abzustimmen, ab welchem Zeitpunkt eine alternative Trainingsmöglichkeit für den Profischwimmsport (Traglufthalle im Stadionbad, Anm.) bereit steht. Zum anderen sollte die Generalsanierung bis zum Trainingsbeginn für die Europameisterschaft 2012 abgeschlossen sein." Darum sei lediglich ein Zeitplan von 17 Monaten zur Verfügung gestanden.
Die Stadthalle habe sich auf Angaben des Projektteams verlassen: "Mit der Erstellung des Terminplans und der Überprüfung der Machbarkeit war der Generalplaner beauftragt. Der Terminplan wurde vom Generalplaner zwar als ehrgeizig aber machbar und realisierbar eingestuft."
Probe-Befüllungen
Der augenscheinlichste Mangel wird derzeit intensiv untersucht: Seit Ende September werden die Becken laut Stadthalle probeweise befüllt. Gleichzeitig wird geprüft, ob die umliegende Beton- und Stahlkonstruktion durch eventuell eingedrungenes Chlorwasser beschädigt wurde. Die Ergebnisse der Tests werden frühestens im Dezember vorliegen, hieß es.
Die Wiener Stadthalle ersuchte am Mittwoch um Verständnis, dass weitere Details zur gerichtlichen Beweissicherung noch nicht bekanntgegeben werden können - "da einerseits die anhängigen Verfahren noch nicht abgeschlossen sind und andererseits die Ergebnisse der Beweissicherung für möglicherweise nachfolgende zivilgerichtliche Verfahren - insbesondere Gewährleistungs- und Schadenersatzprozesse relevant sein können", wie versichert wurde.
(APA)
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