Wer kann sich was leisten? Wie die Wiener wohnen

17.11.2012 | 18:11 |  von Eva Winroither (Die Presse)

Wiens Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou fordert eine Mietpreisobergrenze von sieben Euro. Doch wie viel zahlen Wiens Bewohner eigentlich jetzt schon? "Die Presse am Sonntag" hat sich in drei Wohnungen umgesehen.

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Elf Uhr Vormittag, irgendwo im siebten Bezirk, in der Wohnung ist es einfach nur – hell. Die Herbstsonne scheint durch die Fenster in der Dachschräge. Sie beleuchtet das große Wohnzimmer, die Regale aus Holz, den Sessel mit dem roten Lederbezug, die Türen von Bad und Toilette.

In der Küche riecht es nach Kaffee, den können die Wohnungsbesitzer auf der 20 Quadratmeter großen Dachterrasse trinken. Zufrieden mit sich und der Welt, denn diese 67 Quadratmeter große Wohnung mitten im siebten Bezirk kostet, wenn man die Terrasse mitrechnet, netto gerade 5,50 Euro pro Quadratmeter. Und es ist kein Gemeindebau.

Das Thema Wohnen beschäftigt derzeit viele. Wiens Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou hat mit ihrem Vorstoß für eine Mietpreisobergrenze von sieben Euro pro Quadratmeter für Aufregung gesorgt. Denn Vassilakou hat einen empfindlichen Punkt getroffen. Die Mietpreise der 750.000 Wiener Mietwohnungen sind in den vergangenen elf Jahren um 25 Prozent gestiegen. In Wien bewegen sich die Mietpreise im Durchschnitt zwischen 9,1 Euro pro Quadratmeter (10. und 17. Bezirk) und 15,2 Euro im ersten Bezirk.

Insofern wissen auch Anna S. und Benjamin P., dass sie mit ihrer Dachterrassenwohnung im siebten Bezirk großes Glück hatten. „Wir haben keinen Stress bei der Wohnungssuche gehabt“, erzählt die 27-jährige Lehrerin, wie sie zur Wohnung gekommen sind. Sie und ihr Freund wollten aus ihren alten Wohngemeinschaften hinaus, ein fixes Auszugsdatum hatten sie jedoch nicht.

Die Wohnung haben die beiden vor einem Jahr im Internet gefunden, es war die erste, die sie sich angesehen haben – und die sie gleich bekommen haben. Ohne Verhandlungen mit dem Vermieter, ohne Beziehungen, ohne mehr als der Durchschnitt zu verdienen. Sie waren einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Möglich macht den Preis eine indirekte Förderung – das „Bauherrenmodell“, bei dem der Gesetzgeber die Miete begrenzt.

„Eine Dachterrassenwohnung im Siebten, das ist schon Luxus“, sagt Anna. Ihre Bleibe haben die beiden liebevoll eingerichtet: Fotos, Blumen, Möbel, die wild durcheinandergewürfelt aussehen und doch zusammenpassen. Auf der Dachterrasse lässt es sich leben – im Sommer. Freunde seien doch etwas neidig, wenn sie die Wohnung sehen.


Wohnen auf 18 Quadratmetern.
Dass Wohnen in Wien auch anders aussehen kann, beweist die Wohnung von Peter Kemeny. Der Philosophiestudent wohnt in einer 18-Quadratmeter-Wohnung im 16. Bezirk. Wer hineingeht, steht in einer Küche so groß wie zwei Abstellkammerln. Einen Schritt weiter befindet sich der zehn Quadratmeter große Wohnraum, in dem Hochbett, Couch und Schreibtisch stehen. Quer über den Raum ist eine Hängematte gespannt. Für seine Wohnung zahlt Peter ungefähr 7,7 Euro pro Quadratmeter netto im Monat.

Dafür hat er einen Bereich im Erdgeschoß, der im Durchgang zum Hinterhof liegt und bis auf einen Radiator gar keine Heizung hat. „In meiner Preiskategorie war es das Billigste, das ich gefunden habe“, sagt der 28-Jährige. Bevor er hierhergezogen ist, hat er sich zwei Wohnungen angesehen. Die eine war so dunkel wie ein „Kellerabteil“, die andere war „blöd angelegt“.

Zu seiner jetzigen Bleibe ist er durch Bekannte gekommen. Er ist zufrieden. „Mehr Platz brauch ich gar nicht“, sagt er. Den Quadratmeterpreis findet er in Ordnung. „Sobald man allein wohnen will, wird es immer teurer.“ Wenn er sich etwas aussuchen könnte, dann würde er die Wohnung in den ersten Stock verlegen. „Im Erdgeschoß kann jeder reinschauen.“

Dieses Problem haben Helfried und Andrea Mück nicht. Die beiden sind erst Anfang Oktober von Baden nach Wien gezogen. In eine 225 Quadratmeter große Dachterrassenwohnung in der Innenstadt. Jetzt gehören sie zu den knapp 17.000 Einwohnern des ersten Wiener Gemeindebezirks. Mück ist geschäftsführender Gesellschafter eines bekannten Immobilienmakler-Unternehmens. Für seine Wohnung zahlt er rund 20 Euro pro Quadratmeter im Monat, inklusive Dachterrasse und Betriebskosten.

Solarium im Bad. Dafür bietet dieser Ort den Komfort, den andere nur aus Magazinen kennen. Die Wohnung hat drei Etagen. Im ersten Stock befindet sich das Luxusbad, in dem eine Sauna, ein Solarium und eine riesengroße Dusche Platz haben. Stiegen führen hinauf in den ersten Stock, in übergroßen Wohnraum mit integrierter Küche. Beeindruckend ist die Aussicht. An der gesamten Raumlänge sind Fenster angebracht und liefern einen Panoramablick auf den Donaukanal und das nordöstliche Wien. Eine Etage höher liegt die Terrasse mit Blick auf die Innenstadt. „Und der Verkehrslärm vom Ring ist kaum zu hören“, sagt Mück und deutet auf die Kastenfenster. Sie wurden extra doppelt verglast, um den Lärm zu dämpfen. „Man zahlt zwar viel, aber man kriegt viel“, ist Mück überzeugt.

Vieles steht leer. Dass er so viel Geld fürs Wohnen ausgibt, findet er durchaus in Ordnung. „Mit dem Alter hat man höhere Ansprüche“, sagt er. Behausungen wie seine seien derzeit sogar leicht zu haben. Der Wiener Mietwohnungsmarkt im ersten Bezirk würde nämlich stagnieren. Ab 5000 Euro pro Monat steht vieles leer. Viele kaufen ohnehin.

Dass sich das nicht alle leisten können, ist klar. Also doch mieten – und hoffen, eine geeignete Wohnung zu finden. Auch wenn es schwierig ist. So wie das befreundete Pärchen, das mit Anna S. und Benjamin P. gleichzeitig begonnen hat, eine Wohnung zu suchen. Sie mussten sich fast 40 Wohnungen ansehen, bevor sie eine fanden. Natürlich ohne Dachterrasse. So viel Glück hatten sie nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2012)

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Solange es so ist, dass der Index steigt, weil die Mieten wieder höher geworden sind und im Gegenzug wenig später die Mieten steigen, weil sie dem Index angepasst werden, kann der Wahnsinn nie enden. Raus mit den Mieten aus dem Warenkorb !

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