Grünes Vorzeigeprojekt wackelt - Bürger gegen Gartencity

Südlich von Alt-Erlaa sollte ein alternatives Vorzeigeprojekt entstehen. Jetzt deutet vieles auf dichten, hohen Wohnbau hin. Die Anrainer protestieren.

Gruenes Vorzeugeprojekt wackelt Buerger
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Gruenes Vorzeugeprojekt wackelt Buerger
(c) Clemens Fabry

Wien. Vor etwa einem Jahr hat Maria Vassilakou in ihrer Funktion als Planungsstadträtin in der „Presse“ einen gut klingenden Plan präsentiert (s. Faksimile unten): Das Gebiet zwischen den beiden U-Bahn-Stationen Alt-Erlaa und Erlaaer Straße, das bezeichnenderweise „In der Wiesen“ heißt, sollte zu einem grünen Stadtteil werden. Dort, wo derzeit dörflicher Charakter herrscht mit vielen Gärtnereien, versprach der Masterplan die Errichtung einer Gartenstadt – mit vielen grünen Freiflächen, Häusern mit Gartenterrasse sowie Flachdächern mit Glashäusern.

Ein Jahr später sieht die Sache etwas anders aus. Während die Planungen für die „Gartenstadt“ derzeit stocken, unter anderem, weil so manche Grundstückseigner noch gar nicht verkaufen wollen, zeigt sich an den Rändern des Planungsgebietes schon, wo es in der Realität hingehen könnte: zu einem dicht verbauten Viertel mit hohen Wohnhäusern.

Für zwei Randbereiche des riesigen Areals für 20.000 Menschen laufen derzeit die Flächenumwidmungen. Und das ruft Widerstand der Anrainer hervor. Unterschriften werden gesammelt, Einwände gegen die Flächenwidmung abgegeben. Auf der einen Seite der U-Bahn (U 6), in der „Wiesen Süd“ geht es vor allem gegen die geplante Dichtheit des Bauens, das zu wenig grüne Freiräume erlaube. Roland Wück, Sprecher der Anwohner: „Es wird alles weit dichter und höher gebaut, als uns von der Stadt zugesagt wurde.“ Besonders stört ihn, dass seiner Meinung nach im künftigen grünen Stadtteil das Grün zu kurz kommt. „In ersten Entwürfen war einmal ein großer Park hier vorgesehen“, sagt der Sprecher. „Von dem ist jetzt keine Rede mehr.“ Wück: „Die Bezeichnung Grün-City ist hier nur ein Deckmäntelchen. Wien hat anscheinend aus Anlagen wie dem Schöpfwerk nichts gelernt.“

Auf der anderen Seite der U-Bahnlinie, bei der „Wiesen Ost“ regt sich ebenfalls Anrainerunmut. Dort ist es vor allem die Bauhöhe, die aufregt. Denn während rundherum Einfamlienhäuser bzw. maximal drei- bis viergeschoßige Bauten dominieren, plant der private Bauträger Buwog eine riesige Anlage, die in einen Wohnturm mit fast 40 Metern übergeht.

 

Wohnturm mit 70 Meter Höhe

Raumplanungsexperten, die von den Anrainern konsultiert wurden, sind völlig verwundert über den in der Flächenwidmung vorgesehenen Sprung von Bauklasse II auf VI. Schon wird der Verdacht auf Anlasswidmung geäußert, denn der Bauträger plant schon seit Jahren hier einen Großbau – und jetzt könnte er die nötige Genehmigung bekommen.

Im Vassilakou-Büro wird der Bau verteidigt. Man wolle in U-Bahn-Nähe weit höher als normal und verdichtet bauen. Außerdem habe der Bauträger ja ursprünglich sogar einen 70 Meter hohen Wohnturm ins Grüne stellen wollen, so die etwas eigenartige Argumentation für die Umwidmung. Für die Anrainer steht jedenfalls fest, dass dieser Großbau der Auftakt zu einem Hochhausviertel ist – – dort, wo eigentlich laut Masterplan sanftes Grün-Wohnen dominieren sollte.

Auch Liesings neuer Bezirkschef Gerald Bischof (SP) hat leichte Zweifel an der praktischen Durchführbarkeit der Gartenstadt und an der Verdichtung des bisher grünen Gebietes. „Man muss sich einmal anschauen, wie viele zusätzliche Menschen dieses Areal verträgt,“ meint Bischof zur „Presse“. Ungeklärt ist auch, wie die Infrastruktur, wie Straßen, Kindergärten, Freiräume und auch öffentlicher Verkehr, für die Gartenstadt aussehen soll.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.11.2012)

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