Die Lust der Wiener am Halbfertigen

30.11.2012 | 18:30 |  MARTIN STUHLPFARRER UND GEORG RENNER (Die Presse)

Soft Opening. Bahnhöfe, Geschäfte, Straßen: Der Trend, schon Unfertiges zu eröffnen, ist in Wien angekommen.

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Grand opening, soft opening . . . when they opened The Flamingo, one day it was closed, the next it was open.“ So einfach, wie es die Hollywood-Gauner in „Ocean's 13“ bejammern, ist es heute beileibe nicht mehr, eine Autobahn, einen Bahnhof oder auch nur ein Geschäft zu eröffnen – nicht einmal in Wien. Auch in Österreich durchlaufen städtische Institutionen zunächst ein provisorisches Puppenstadium der Halbfertigkeit, bevor sie endlich Vollbetrieb aufnehmen.

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Das zeigt sich, wenn am kommenden Sonntag der Wiener Hauptbahnhof eröffnet wird – teilweise. Denn von dem Planziel, Züge aus allen Richtungen über ihren neuen Knotenpunkt leiten zu können, sind die ÖBB mindestens zwei Jahre entfernt. Nur Züge aus Osten und Norden fahren schon jetzt den Hauptbahnhof an – für Fernreisende der Südbahn heißt das Ziel weiterhin Meidling, auf der Westbahn weiterhin Westbahnhof.

Vor wenigen Tagen gab es ein weiteres prominentes Beispiel für den Trend zum „soft opening“: Der Bahnhofskomplex Wien-Mitte, der ein Einkaufszentrum („The Mall“) beherbergt, wurde eröffnet – obwohl der Großteil der Geschäfte erst in den nächsten Wochen aufsperrt. Dazu passt, dass unverkleidete Betonpfeiler und Bauarbeiten derzeit das Bild prägen. Bis zur vollständigen Eröffnung lebt der Bahnhofskomplex von einem Supermarkt und der Media-Markt-Filiale, die am 6. November den Betrieb aufnahmen.

Fest steht: Mit der Eröffnung geht eine langwierige Geschichte zu Ende. Das Projekt Wien-Mitte musste nach Bürgerprotesten mehrfach umgeplant werden – die ursprünglich geplanten 97-Meter-Türme wurden sukzessive verkleinert.

 

Drängen ins Weihnachtsgeschäft

Der Grund für die Eile, ein halb fertiges Einkaufszentrum feierlich zu eröffnen: der Druck der Geschäftsleute und Handelsketten. Denn sie wollen sich das lukrative Weihnachtsgeschäft nicht entgehen lassen. Auch Einzelläden sind dem Trend zur Teileröffnung nicht abhold: Am Mittwoch hat ein neuer, großer Louis-Vuitton-Store auf den Tuchlauben aufgesperrt – die Damenabteilung bleibt aber bis auf Weiteres im alten Geschäft am Kohlmarkt.

Halb fertig eröffnet wurde auch ein Prestigeprojekt der Wiener Stadtregierung, nämlich „Eurogate“.Unter diesem Namen firmiert die größte Passivhaus-Siedlung Europas auf den ehemaligen Aspanggründen im dritten Bezirk. Insgesamt werden 108 Millionen Euro investiert. Vier der sieben Wohnkomplexe wurden bereits feierlich eröffnet und sind nun bewohnt. Der restliche Teil mit rund 1000 Wohnungen wird frühestens 2017 realisiert. Warum dieses Projekt nur teilweise eröffnet wurde? Die Stadt besitzt nicht die finanziellen Möglichkeiten, das gesamte, 20 Hektar große Areal, auf einen Schlag zu entwickeln. Sie ist dabei von Investoren abhängig, die in Zeiten der Wirtschaftskrise eher rar sind. Auch will die Stadt das Gelände aus taktischen Überlegungen sukzessive entwickeln. Durch einen mehrstufigen Plan kann die Stadt noch gegensteuern, da die erste Stufe zeigt, welche Probleme (mit denen nicht gerechnet wurde) auftreten. Diese Probleme können bei einer sukzessiven Entwicklung behoben werden – bei einer gleichzeitigen Umsetzung nicht.

 

Stadtentwicklung und Schnellstraße

Ähnlich verläuft die Entwicklung beim größten Stadtentwicklungsgebiet Europas auf dem ehemaligen Flugfeld Aspern. Aus denselben Gründen wie bei „Eurogate“ wird Aspern, an dem seit 2010 geplant und gebaut wird, schrittweise eröffnet. Derzeit steht nur ein Gebäude: Das Technologiezentrum „aspern IQ“ wurde Ende Oktober als erstes Gebäude in Betrieb genommen – wenn auch nur zum Teil. Auf 6600 Quadratmetern sind Büros, Labors und Produktionsflächen vorgesehen. Für die ersten Wohnungen auf dem Gelände laufen erst die Bauvorbereitungen, sie sollen 2014 übergeben werden. Auf dem Areal sollen bis 2028 rund 8500 Wohnungen für 20.000 Menschen, dazu 15.000 Büros für 20.000 Beschäftigte entstehen.

Und wenn man ganz genau hinschaut, kann man auch im größten Straßenprojekt der jüngeren Geschichte, der S1 Wiener Außenring Schnellstraße, ein langwieriges Provisorium erkennen: Wirklich Sinn in Form einer Entlastung der Südosttangente ergibt der Bau der Umfahrungsstraße rund um Wien nämlich nur, wenn der Ring mit einer Querung der Donau und der Lobau geschlossen würde. Und die ist bekanntlich nicht in Sicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2012)

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16 Kommentare

Stadtentwicklung

Der Römer oder Athener fängt erst gar nicht an.

Nachtrag

Der Römer oder Athener heutiger Zeit....

Das fängt schon beim Stephansdom an .....

..... und zieht sich über Jahrhunderte durch.

man muss den Leuten für das Steuergeld etwas bieten, wenn die Budgetmittel zu Ende sind, um die zusätzlichen (nicht eingeplanten) Kosten in Folge über den "Ausbau" zu verstecken.

Das beaucht der Österreicher eh! Als ewiggestriger ist er ja auch erst halbfertig!


Keine Lust

Eine muss hier schon klargestellt werden - der Wiener hat keine Lust auf etwas Halbfertigen. Er mag villieber etwas das ganz fertig gestellt ist. Da spielt aber noch etwas anderes mit: die Korruption und die Freunderlwirtschaft. Wenn etwas nicht fertiggetsellt wird, dan bedeutet es mehr Kosten. Und mehr Kosten bedeuten mehr Einnahmen. Also warum etwas fertigstellen, wenn der Bauherr noch dazuverdienen kann und das auch darf?

Das Shopping Center Auhof

wurde genauso halbfertig eröffnet. Hauptsache die Werbetrommel wurde kräftigst gerührt und ein Verkehrschaos erzeugt welches zeigt das schlampig geplant wurde. schon jetzt jammern die wenigen bereits eröffneten neuen Geschäfte an mangelnder Kundenfrequenz. Darunter auch das Flagschiff Merkur.

Wirklich Sinn in Form einer Entlastung der Südosttangente ergibt der Bau der Umfahrungsstraße rund um Wien nämlich nur, wenn der Ring mit einer Querung der Donau und der Lobau geschlossen würde"

ich frag mich, wie lang der entlastungsblödsinn noch geglaubt wird. wegen der s1 wird der verkehr auf der tangente sicher nicht abnehmen. braucht man nur die prognosen der asfinag anschaun...

Auch der neue Wiener Flughafen ist etwas Halbfertiges?


Tradition

Halbfertiges zu "eröffnen" ist doch eine uralte Tradition. Wenn die Kellerdecke fertig betoniert ist, gibts die erste Kellerparty, wenn der Rohbau die Dachkante erreicht hat, werden auf der EG-Rohdecke, Teppiche ausgerollt, Heurigenbankeln aufgestellt und Dachgleiche gefeiert. Da die Fenster noch fehlen, darf sogar geraucht werden. Es ist einfach die Freude über das was man schon sieht und natürlich auch die Vorfreude auf das Fertigwerden, wobei manches nie ganz fertig wird. (Bis die Sockelleisten montiert sind, muß schon wieder ausgemalt werden) Ich war Jahrzehnte im Baugeschäft tätig und hatte daher sehr viel zu feiern. Schon die Baugenehmigung ist ein Fest wert. Erste pre-opening-party auf der unbebauten Wiese, dann Spatenstich, Grundsteinlegung...usw. es ist ja noch so weit bis zur Benützungsbewilligung. Wir fangen ja auch schon im November an Weihnachten und Fasching zu feiern.

Der Trend, schon Unfertiges zu eröffnen, ist in Wien angekommen.

Ich freu mich schon aufs Stadthallenbad!

Re: Der Trend, schon Unfertiges zu eröffnen, ist in Wien angekommen.

Das war. schon beim Rinterzelt so.

Hauptbahnhof

Das Flugdach mit Gleisanschluss.

Hauptbahnhof - wohl mehr die aktuelle Hauptgeldverschwendung.

Hauptbahnhof

Wenn jemand heutzutage einen derartigen Pfusch hochjubelt, der Fußgängern zur nächsten U-Bahn einen Marsch von einem halben km verordnet, wird immer Halbferetiges zu eröffnen haben. Z.B. eine Eröffnungsparty im Restaurant des trockenen Stadthallenbades.

Re: Hauptbahnhof

Es wird ja hoffendlich auch Rollstühle und nicht nur Gepäckwagerln geben. Wenn ein Bahnsteig 400 m lang ist, ist ein halber Kilometer eh nix. Man vergleiche einmal die Entfernungen auf Flugplätzen von der S-Bahn bis zum letzen Gate oder umgekehrt mit Umweg über Kofferhalle.

sie meinen den halbfertigen pfusch oder?


Re: sie meinen den halbfertigen pfusch oder?

Als nächstes soll die Mariahilferstrasse gekillt werdem(damit dann alle in die Shopping City fahren).

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