Die Lust der Wiener am Halbfertigen

Soft Opening. Bahnhöfe, Geschäfte, Straßen: Der Trend, schon Unfertiges zu eröffnen, ist in Wien angekommen.

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THEMENBILD: BAUSTELLE WIENER HAUPTBAHNHOF – APA/HERBERT PFARRHOFER

Grand opening, soft opening . . . when they opened The Flamingo, one day it was closed, the next it was open.“ So einfach, wie es die Hollywood-Gauner in „Ocean's 13“ bejammern, ist es heute beileibe nicht mehr, eine Autobahn, einen Bahnhof oder auch nur ein Geschäft zu eröffnen – nicht einmal in Wien. Auch in Österreich durchlaufen städtische Institutionen zunächst ein provisorisches Puppenstadium der Halbfertigkeit, bevor sie endlich Vollbetrieb aufnehmen.

Das zeigt sich, wenn am kommenden Sonntag der Wiener Hauptbahnhof eröffnet wird – teilweise. Denn von dem Planziel, Züge aus allen Richtungen über ihren neuen Knotenpunkt leiten zu können, sind die ÖBB mindestens zwei Jahre entfernt. Nur Züge aus Osten und Norden fahren schon jetzt den Hauptbahnhof an – für Fernreisende der Südbahn heißt das Ziel weiterhin Meidling, auf der Westbahn weiterhin Westbahnhof.

Vor wenigen Tagen gab es ein weiteres prominentes Beispiel für den Trend zum „soft opening“: Der Bahnhofskomplex Wien-Mitte, der ein Einkaufszentrum („The Mall“) beherbergt, wurde eröffnet – obwohl der Großteil der Geschäfte erst in den nächsten Wochen aufsperrt. Dazu passt, dass unverkleidete Betonpfeiler und Bauarbeiten derzeit das Bild prägen. Bis zur vollständigen Eröffnung lebt der Bahnhofskomplex von einem Supermarkt und der Media-Markt-Filiale, die am 6. November den Betrieb aufnahmen.

Fest steht: Mit der Eröffnung geht eine langwierige Geschichte zu Ende. Das Projekt Wien-Mitte musste nach Bürgerprotesten mehrfach umgeplant werden – die ursprünglich geplanten 97-Meter-Türme wurden sukzessive verkleinert.

 

Drängen ins Weihnachtsgeschäft

Der Grund für die Eile, ein halb fertiges Einkaufszentrum feierlich zu eröffnen: der Druck der Geschäftsleute und Handelsketten. Denn sie wollen sich das lukrative Weihnachtsgeschäft nicht entgehen lassen. Auch Einzelläden sind dem Trend zur Teileröffnung nicht abhold: Am Mittwoch hat ein neuer, großer Louis-Vuitton-Store auf den Tuchlauben aufgesperrt – die Damenabteilung bleibt aber bis auf Weiteres im alten Geschäft am Kohlmarkt.

Halb fertig eröffnet wurde auch ein Prestigeprojekt der Wiener Stadtregierung, nämlich „Eurogate“.Unter diesem Namen firmiert die größte Passivhaus-Siedlung Europas auf den ehemaligen Aspanggründen im dritten Bezirk. Insgesamt werden 108 Millionen Euro investiert. Vier der sieben Wohnkomplexe wurden bereits feierlich eröffnet und sind nun bewohnt. Der restliche Teil mit rund 1000 Wohnungen wird frühestens 2017 realisiert. Warum dieses Projekt nur teilweise eröffnet wurde? Die Stadt besitzt nicht die finanziellen Möglichkeiten, das gesamte, 20 Hektar große Areal, auf einen Schlag zu entwickeln. Sie ist dabei von Investoren abhängig, die in Zeiten der Wirtschaftskrise eher rar sind. Auch will die Stadt das Gelände aus taktischen Überlegungen sukzessive entwickeln. Durch einen mehrstufigen Plan kann die Stadt noch gegensteuern, da die erste Stufe zeigt, welche Probleme (mit denen nicht gerechnet wurde) auftreten. Diese Probleme können bei einer sukzessiven Entwicklung behoben werden – bei einer gleichzeitigen Umsetzung nicht.

 

Stadtentwicklung und Schnellstraße

Ähnlich verläuft die Entwicklung beim größten Stadtentwicklungsgebiet Europas auf dem ehemaligen Flugfeld Aspern. Aus denselben Gründen wie bei „Eurogate“ wird Aspern, an dem seit 2010 geplant und gebaut wird, schrittweise eröffnet. Derzeit steht nur ein Gebäude: Das Technologiezentrum „aspern IQ“ wurde Ende Oktober als erstes Gebäude in Betrieb genommen – wenn auch nur zum Teil. Auf 6600 Quadratmetern sind Büros, Labors und Produktionsflächen vorgesehen. Für die ersten Wohnungen auf dem Gelände laufen erst die Bauvorbereitungen, sie sollen 2014 übergeben werden. Auf dem Areal sollen bis 2028 rund 8500 Wohnungen für 20.000 Menschen, dazu 15.000 Büros für 20.000 Beschäftigte entstehen.

Und wenn man ganz genau hinschaut, kann man auch im größten Straßenprojekt der jüngeren Geschichte, der S1 Wiener Außenring Schnellstraße, ein langwieriges Provisorium erkennen: Wirklich Sinn in Form einer Entlastung der Südosttangente ergibt der Bau der Umfahrungsstraße rund um Wien nämlich nur, wenn der Ring mit einer Querung der Donau und der Lobau geschlossen würde. Und die ist bekanntlich nicht in Sicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2012)

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