Stadtbahnbögen, Tankstellen & Co. Der Wiener, der Wien fotografiert

30.11.2012 | 18:31 |  von ERICH KOCINA (Die Presse)

Stefan Oláh arbeitet analog, schießt von jedem Motiv nur genau ein Bild – und entdeckt dabei viele verborgene Seiten von Wien.

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Der Fotograf, der immer nur Wien fotografiert.“ Diesen Beinamen trägt Stefan Oláh seit Ende September – bei der Fotografiemesse „Unseen“ in Amsterdam witzelten seine internationalen Kollegen über die Lieblingsmotive des Wieners, also etwa Wiener Tankstellen, das Parlament, den alten Südbahnhof, die Werkbundsiedlung, Gemeindebauten – und zuletzt die Stadtbahnbögen. „Ich habe es schon anderswo probiert“, sagt er, „aber Wien ist genau meins.“ Zwar hat es ihn schon länger ins Ausland verschlagen – „aber nach drei Jahren in München habe ich wieder Heimweh nach Wien bekommen“.

Und so kam es, dass die Stadt, in der er lebt, auch gleich zu seinem Lieblingsobjekt bei der Arbeit wurde. 2008 begann er, neben Auftragsarbeiten und seiner Lehrtätigkeit an der Universität für angewandte Kunst, auch selbstständig Projekte durchzuführen. Den Auftakt machte er mit dem Buch „26 Wiener Tankstellen“ – Zapfsäulen in Hinterhöfen und unter Wohnhäusern, wie es sie heute kaum mehr gibt, weil sie gegen die internationalen Ölfirmen und ihr dichtes Filialnetz keine Chance haben, die aber das Wiener Stadtbild immer noch subkutan prägen.

Ähnlich wirken auch die Stadtbahnbögen – sie sind da, werden gesehen, werden benützt, doch darüber nachgedacht, dass sich in diesen Bauten ein Stück Stadtgeschichte findet, wird nur selten. Geschweige denn darüber, wer sie erbaut hat. „Die Jugendstilfassaden von Otto Wagner am Naschmarkt werden jeden Tag hunderte Male fotografiert“, sagt Oláh. „Doch bei den Stadtbahnbögen registriert niemand, dass sie auch von Wagner stammen.“ Und dass es sich – im Gegensatz zu den eisernen Stelzen, wie man sie etwa aus New York oder Berlin kennt – um echte Gebäude handelt.

Architektur im klassischen Sinn schwebte Wagner vor, daher wählte er die Viaduktform für die Hochbahnstrecke. Und auch, wenn eine Viaduktstrecke auf den ersten Blick immer aus den gleichen Bogenöffnungen zu bestehen scheint, so ist doch kaum eine Arkade wie die andere – denn je nach Höhe des Bahnkörpers wechseln Krümmungen und Niveau. Und auch das Innenleben der Bögen variiert – genau das ist es auch, was Oláh mit seinen Bildern einfangen wollte. Von Durchgängen, die durch Holzpaletten versperrt sind, über mit Ziegeln zugemauerte bis zu komplett mit Efeu überwucherten Bögen. In ihnen finden sich Werkstätten, Baustofffirmen, sogar ein Grabsteinverkauf – und mittlerweile auch zunehmend Szenelokale. Jeder Stadtbahnbogen für sich ist einzigartig – und doch gehören sie alle zu einer Familie. Genau das ist es, was der Fotograf dokumentieren wollte.

Stadtbahnbögen: Von grindig bis schick

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Oláhs Arbeitsweise ist dabei vergleichsweise altmodisch. Mit einer Großbildkamera macht er genau jeweils ein Bild von einem Objekt – das dann in einem aufwendigen Verfahren zu großen Prints entwickelt wird. Diese auf wenige Stück limitierten Abzüge sind seine Einnahmequelle, ein Bild aus der Reihe Stadtbahnbögen kommt auf 330 Euro – die nächste Gelegenheit zum Kauf gibt es ab Montag, 3.Dezember, in der Vintagerie in Wien Mariahilf, wo die Prints in schwarzen Kassetten verpackt gleich bequem mitgenommen werden können. Die Bücher selbst betrachtet er eher als Kataloge seiner Arbeiten – finanziell sind sie für ihn weniger interessant. Wenn auch nach ihnen große Nachfrage besteht.


Denn auch auf internationaler Ebene kommen die Fotos des Wieners, der nur Wien fotografiert, zunehmend an. Vor allem Museumsshops legen seine Bücher gern auf. Unter anderem hat sich das New Yorker Museum of Modern Art fast die komplette erste Auflage seines Buchs über Wiener Tankstellen gesichert. „Jetzt liegen dort zwei Stapel“, erzählt Oláh, „einer mit der zweiten, erweiterten Auflage. Und einer mit der vergriffenen ersten Auflage – zum dreifachen Preis.“ Und das nächste Buch ist schon in der Warteschleife: Im Frühjahr erscheint ein Bildband über 95 Wiener Würstelstände.

Zur Person

Stefan Oláh wurde 1971 in Wien geboren. Der Fotograf und Künstler lehrt an der Universität für angewandte Kunst und veröffentlicht Bücher mit seinen Fotografien.

Buchtipp: Stefan Oláh/Andreas Lehne: Stadtbahnbogen, Metroverlag, 25 Euro
Bilder online: diepresse.com/stadtbahn

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2012)

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3 Kommentare

hat er auch

hundstrümmerl, grantschermgsichter und g'spritzte urban-bobos fotografiert?

Auch die Fotos angeschaut

oder prinzipiell erst mal gesudert?

3 2

"& Co"

An die Presse-Redaktion:

vielleicht kann man diesen ständigen, bedeutungsentfremdeten Neozeitgeistgebrauch von "& Co" wieder einstellen. Diese Formulierung ist absolut entbehrlich.

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