Missbrauch: 1825 Opfer entschädigt

Kirche und Stadt Wien haben die Fälle von Missbrauch in Heimen aufgearbeitet. Die meisten Opfer bekommen Geld. Trotzdem gehen ehemalige Heimkinder auf die Straße.

Missbrauch 1825 Opfer entschaedigt
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Missbrauch 1825 Opfer entschaedigt
(c) APA / Neubauer

Wien. Der morgige Dienstag soll so etwas wie der „Tag der Kinderheimopfer“ werden. Zum ersten Mal versammeln sich Menschen, die in ihrer Kindheit und Jugend in Heimen geschlagen, gequält oder sexuell missbraucht wurden, zu einer Kundgebung und ziehen vom Stephansdom (15 Uhr) zum Parlament.

Viele werden sich zum ersten Mal öffentlich als Opfer zeigen, einige werden coram publico von ihrer Leidensgeschichte berichten. Denn um das öffentliche Aufzeigen geht es den Teilnehmern der Kundgebung, die von der überparteilichen Initiative „Heimkinder-Aktiv-Community“ organisiert wird. Damit verbunden sind auch Forderungen: das Ende der Verjährungsfristen, etwa bei sexuellem Missbrauch, wodurch viele Täter nicht mehr vor Gericht gestellt werden können. Es geht auch um Wiedergutmachung – nicht nur, aber auch in finanzieller Hinsicht.

Zwar sei in den vergangenen Jahren, seit Betroffene an die Öffentlichkeit gingen und das Ausmaß der Gewalt in diversen Heimen erahnt werden konnte, einiges passiert. „Das kann aber nur ein Anfang sein“, sagt etwa Elisabeth Kammerlander vom Verein „Victims Mission Charity“.

Dieser „Anfang“ kommt nun zu einem ersten Ende, zumindest in der katholischen Kirche. Die sogenannte „Klasnic-Kommission“ (benannt nach der Leiterin, Ex-Landeshauptfrau Waltraud Klasnic), die im April 2010 von der Bischofskonferenz eingesetzt wurde, um die Fälle von Missbrauch und Gewalt in katholischen Einrichtungen aufzuarbeiten, hat den Großteil der Fälle wie angekündigt bis Jahresende 2012 bearbeitet. Vergangenen Freitag traf sich die Kommission zum letzten Mal in diesem Jahr, um über Entschädigungen zu befinden. 1091 Menschen haben sich bis Mai 2011 bei der Opferschutzanwaltschaft gemeldet (alle späteren und künftigen Meldungen werden ab 2013 behandelt).

Fast alle Fälle, 1062 nämlich, wurden aufgearbeitet, dem Großteil – 906 Opfern – wurde eine Entschädigung zugesprochen: Je nach Schwere und Dauer der Übergriffe sind das 5000, 15.000 oder 25.000 Euro, in besonders schweren Fällen auch mehr. Summen, die die Kirche freiwillig zahlt, die aber von vielen Opferschutzvereinen als zu gering angesehen werden. Wie viel Geld die Kirche insgesamt dafür in die Hand genommen hat, will die Kommission nicht sagen, es dürften aber an die 13 Millionen Euro sein. Der Großteil wurde bereits ausbezahlt.

20 Fälle wurden von der Kommission abgelehnt, weil sich die Angaben der Opfer nicht überprüfen ließen bzw. nachweislich falsch waren, für 75 Fälle war die Kirche nicht zuständig. Nicht allen Opfern ging es übrigens um Geld: Manche wollten einfach, „dass ihr Fall dokumentiert wird, dass sie eine Entschuldigung bekommen“, so Kommissionssprecher Herwig Hösele. Die meisten Meldungen betreffen laut Hösele die 1960er-Jahre und hier besonders Heime in Tirol und Oberösterreich.

 

Stadt zahlt 21,5 Millionen Euro

Auch bei der Stadt Wien ist man mit der Aufarbeitung der Fälle von psychischer und physischer Gewalt in städtischen Kinderheimen – einige Wiener Heime waren in Niederösterreich (etwa in Eggenburg) – schon relativ weit. Beim Opferschutzverein „Weißer Ring“ haben sich bisher 1468 Menschen gemeldet. Auch hier wurde der Großteil der Fälle (1227) behandelt, 919 Opfer bekamen Entschädigungen zugesprochen, 685 zudem eine psychotherapeutische Behandlung. Am Freitag beschloss der Gemeinderat weitere 4,4 Mio. Euro, insgesamt sind es nun 21,5 Mio. Euro, die der zuständige Stadtrat Christian Oxonitsch (SPÖ) an Entschädigungen auszahlen kann.

Nicht mitberechnet sind mögliche Entschädigungen für Opfer, die ab den 1950ern als Kinder zur sogenannten „Malariatherapie“ an der damaligen Uni-Klinik für Psychiatrie gezwungen wurden. Auch hier wurde eine Expertenkommission eingesetzt, die im März einen ersten Bericht vorlegen will.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2012)

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