Bettler in Wien: Organisiert ja, kriminell nein?

Vor Weihnachten steigt die Zahl der Bettler. Doch verdienen Hintermänner an den Spenden? Polizei und BettelLobbyWien sind sich völlig uneins.

Bettler und Passanten
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Bettler und Passanten
Bettler und Passanten – dpa/Uwe Zucchi

Wien. Sie sind im Moment kaum im Alltag zu übersehen. Männer und Frauen, viele davon verkrüppelt, die mit nach Mitleid heischendem Blick und Schildern um Geld betteln. Rechtzeitig vor Weihnachten sind die Bettler wieder zurückgekommen. Gefühlt weit mehr Menschen als sonst bevölkern im Moment Wiens Straßen. Viele davon sprechen kaum Deutsch.

„Derzeit sind viele Rumänen und Bulgaren bei uns“, sagt Ulli Gladik, die selbst fließend Bulgarisch spricht. Die Regisseurin hat 2008 eine Dokumentation über Obdachlose gedreht, damals begleitete sie eine Bettlerin in Graz bis in ihre Heimat nach Bulgarien.

Die Krise, sagt die Regisseurin nun, hätte die beiden Länder besonders stark getroffen, gleichzeitig sei es schwierig, dort an Sozialleistungen zu kommen. „Also machen sich viele auf, um bei uns Arbeit zu suchen und zu betteln.“

Auch ihr Kollege Ferdinand Koller von der BettelLobbyWien bestätigt, dass sich derzeit mehr Bettler in Österreich aufhalten. Freilich nur geschätzt, offizielle Zahlen, sagt er, gibt es dazu nämlich nicht. „Weihnachten ist aber sicher die einträglichste Zeit“, sagt Koller. Das sei bei Spendenorganisationen ja genauso. Besonders um Bahnhöfe und in Einkaufsstraßen ortet er derzeit mehr Bettler. Eben dort, wo besonders viele Menschen herumlaufen.

 

Sie kommen in Gruppen

Trotzdem will er den Bettlern keine kriminellen Machenschaften unterstellen. Auch wenn gewisse Vorurteile in der Bevölkerung durchaus nahe einer Berechtigung liegen. Aber eben nur fast. „Die kommen natürlich in Gruppen“, sagt Koller, aber dahinter stehe niemand, der danach das Geld absammle. Anders gesprochen: „Sie organisieren sich, aber sie sind nicht kriminell.“ Viele der Bettler hierzulande seien Familien aus Rumänien oder Bulgarien. Sie kommen in Fahrgemeinschaften und finden hier gemeinsam Unterkünfte. Aber dahinter stecke keine „Mafia“. Das erklärt auch Gladik, die sich für ihren Film extra auf die Suche nach der Bettelmafia gemacht hat. „Es kann sie geben, gefunden habe ich sie nicht“, sagt Gladik. Auch andere, die sich mit dem Thema befasst hätten, seien auf nichts gestoßen.

Spricht man mit der Wiener Polizei, hört sich das alles ganz anders an. „Natürlich gibt es organisierte Bettelei in Wien, das können wir bestätigen“, sagt eine Sprecherin der Wiener Bundespolizeidirektion. Immer wieder würden Hintermänner verarmte Menschen aus dem Ausland nach Österreich bringen und sie zum Betteln auf die Straße setzen. Abends werden sie in Massenquartieren untergebracht. „Das Geld müssen die Bettler dann abliefern. Deswegen wollen die meisten Geld“, sagt die Sprecherin. Besonders gern werden Frauen mit Kindern hergebracht, ebenso viele verkrüppelte Menschen. Von einer Bettelmafia will man aber auch hier nicht sprechen: „Das ist einfach organisierte Kriminalität.“

 

Geld absammeln

Gladik will das alles nicht gesehen haben. Sie berichtet von ganzen Dörfern, die nichts haben. Wo Familienmitglieder sich abwechselnd aufmachen, um für mehrere Wochen im Ausland um Geld zu bitten. Je nachdem, wer gerade Zeit hat, geht mit. Manchmal die Mutter mit der Tante, manchmal die Tante mit der Tochter. Die vielen verstümmelten Menschen auf der Straße erklärt Ferdinand Koller wiederum damit, dass Leute eben nur etwas hergeben würden, wenn sie sehen, dass jemand arm sei.

Ein generelles Bettelverbot gibt es in Wien jedenfalls nicht. Auch wenn „gewerbsmäßiges Betteln“ seit 2010 verboten ist. Das rief zahlreiche Kritiker auf den Plan, die darin – gemeinsam mit anderen Formen von Bettelverboten – ein allgemeines Bettelverbot sahen. Die „stille Bettelei zur Überbrückung einer Notlage“ sei weiterhin erlaubt, entschied der Verfassungsgerichtshof nun im November.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2012)

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