Trendstadt: Berliner Chic für Wien

29.12.2012 | 18:04 |  von Karin Schuh (Die Presse)

Wien ist zwar nicht das neue Berlin – wird es wohl auch nie werden. Doch das hält das internationale Szenevolk nicht davon ab, die alte Stadt neu zu entdecken und zur Trendstadt zu machen.

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Eigentlich sagt es mehr über jene jungen Menschen aus, die gemeinhin als Szenevolk bekannt sind und die Macht haben, eine gewöhnliche Stadt zu einer Stadt zu machen, in die jeder will, als über die betroffene Stadt selbst. Dass Berlin diesen Stempel schon länger trägt, ist bekannt. So bekannt, dass die, die zuerst da waren, sich mittlerweile abwenden, um etwas Neues zu entdecken. Natürlich, in Deutschland gibt es auch ausreichend Städte – Leipzig etwa, das mit dem „Arm, aber sexy“-Charme mithalten kann und von vielen jungen Menschen, die dort ihre Start-ups gründen, entdeckt wird. Und das einen Vorteil hat, der Berlin langsam, aber sicher abhandenkommt: leistbare Mieten.

Ob auch Wien mit leistbarem Wohn- und Arbeitsraum aufwarten kann, sei einmal dahingestellt. Im Vergleich mit Berlin wohl eher kaum. Dennoch wird Wien von immer mehr jungen Menschen entdeckt, die zum eingangs erwähnten Szenevolk gehören. Da wird etwa in Blogs, die eine Zeitgeistdebatte führen wollen, darüber sinniert, dass Wien das neue Berlin ist. Während also vor Kurzem noch die junge Szene unbedingt nach Berlin – Kreuzberg, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain – wollte, ist heute eben Wien der Ort, wo man hinmuss, wenn man sich interessant machen will. Auf dem Weblog „Fuckup“ etwa wird Wien eine „ideale Mischung aus Snobismus und Bohème, Hochkultur und Jugendkultur“ attestiert.


Tipps vom „Guardian“. Und selbst klassische Medien, wie der britische „Guardian“, entdecken Wien als europäischen „hotspot for a more underground and experimental vibe“. Erst im vergangenen November schickte die britische Tageszeitung ihre Leser auf eine „alternative music“-Tour durch die Bundeshauptstadt mit Tipps wie dem Pony Club in der Roten Bar, die Pratersauna, die Fluc Wanne, aber auch das Museumsquartier oder das Flex. Nicht ohne den Hinweis, manche Orte wie den Pony Club lieber schnell zu besuchen, bevor sie zum Mainstream zählen.

Besuche wie diese macht die Berlinerin Phoebe Maares in Wien schon lange – weil sie seit drei Jahren hier studiert. Dass sie sich ausgerechnet Wien dafür ausgesucht hat, hatte pragmatische Gründe: „In Berlin ist der NC (Numerus clausus) relativ hoch. Und Wien war die Stadt, die mich noch am meisten angesprochen hat“, sagt die 25-jährige Publizistik-Studentin. Anfangs war sie von ihrer ersten Wohnadresse, dem allzu sauberen dritten Bezirk, ein bisschen irritiert. Mittlerweile lebt sie in der Schönbrunner Straße und schätzt das „spontane Grätzl, das sich dort entwickelt“. Wien kann ihrer Meinung nach durchaus mit Berlin mithalten, nur ein paar Dinge gehen ihr ab. Secondhandbuchläden etwa könnte es ruhig mehr geben, auch mehr Bars. Und mehr Bäume. „Dafür ist Wien so klein und kompakt. Und hier ist auch die Kunstszene viel präsenter, vielleicht weil es so klein ist“, meint Maares, die auch den besseren Stundenlohn der Studentenjobs schätzt. Schmunzeln musste sie aber schon, als sie die Pratersauna entdeckte – und dort mit Berliner Musikern geworben wurde. Ist für sie Wien das neue Berlin? „Wenn Berlin das neue London ist, dann ja.“

Der deutsche Trendforscher Peter Wippermann sieht in Wien zwar durchaus Potenzial für die Verwandlung zur jungen Trendstadt oder zum Szene-Hotspot. Wirklich bemerkbar macht sich das für ihn aber in Deutschland noch nicht. Dafür sei man dort noch zu sehr mit Berlin beschäftigt. Wien habe aber – auch im Vergleich zu Berlin – einen Vorteil: „Wien hat als Trendstadt immer schon eine Bedeutung, weil sich zwei Dinge verbinden, wenn man an die Stadt denkt: Das eine ist logischerweise die Tradition, das andere die rebellierende Avantgarde.“ Er spricht dabei – wenn auch in erster Linie aus historischer Sicht – von einer „permanenten Unruhe“ und dem „Versuch, individuelle Antworten zu geben, auf aktuelle Fragen in der Kunst, in der Musik oder im Lifestyle“. Auch wenn er zugeben muss, dass diese Avantgarde derzeit nicht allzu sichtbar ist.

Generell braucht eine Stadt, die ein junges und hippes Image haben will, vor allem eines: Flächen im Umbruch, also vernachlässigte Stadtteile, die von jungen Menschen wieder entdeckt werden können. „Das zeigt sich überall, auch in New York oder Berlin“, so Wippermann. Das Wiener Potenzial begründet er übrigens mit dem Mangel an Alternativen: „Wenn Sie sich in Europa umschauen, haben Sie die Kristenstaaten im Süden, das soziale Problem in Frankreich, Sie haben das Desaster der sozial absteigenden Schicht in England, Sie haben Skandinavien, das in den letzten Jahren viel gehypt wurde und wo es jetzt ein bisschen ruhiger ist. Logischerweise ist da Wien hochinteressant.“ Nachsatz: „Wenn Sie mehrmals über Berlin schreiben, ist das auch langweilig.“

Das sieht auch Susan Ingram so, die an der York University in Toronto lehrt und nach dem Buch „Berliner Chic“ derzeit gemeinsam mit Markus Reisenleitner am „Wiener Chic“ arbeitet – das Buch soll Ende 2013 erscheinen. „Was Berlin betrifft, bleibt es so lange hip, bis die Mieten unbezahlbar und die Bobos die Mehrheit werden. Es ist bald am Kippen.“ Sie bezweifelt, dass auch im Sommer 2013 noch immer alle nach Berlin wollen – dafür wollen umso mehr nach Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2012)

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39 Kommentare
 
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Wien hat den Trend der Zeit erkannt!

Wien als Kultustadt hat rechtzeitig dafür gesorgt dass sie möglich viel "Kulturbereicherung" kriegt.
Die Leute wissen das zu schätzen und kommen gerne nach Wien.

Re: Wien hat den Trend der Zeit erkannt!

Wie recht Sie haben.
Früher, etwa bis zum Ende der Wiener Moderne, konnte Wien selbst kulturelle Trends setzen.
Seit der Transfomation zur Hauptstadt eines republikanischen Kleinstaats muß es dafür Sorge tragen, "möglichst viel Kulturbereicherung" von anderswoher in die Stadt hereinzukriegen.
Eine Maßnahme aus der Not geboren, insoweit völlig berechtigt, soweit ist alles gut.
Aber: Wie anziehend Zweitklassigkeit ist, beweisen die Übernachtungszahlen.
Nach aktuellsten Angaben bewegt sich Berlin mit zweistelligen jährlichen Zuwachsraten auf die 30 Mio zu ..und nach Wien "kommen gerne" 12 Mio, wobei der Altersdurchschnitt der Wienbesucher um mindestens dreißig Jahre höher liegt.
Die "Weltstadt" Wien liegt damit sogar noch hinter Prag, das in seiner Verschnarchtheit und frömmelnden Intoleranz ansonsten gut mit Wien korreliert.
Aber schon richtig erkannt: Wien hat (hoffentlich) den Trend der Zeit erkannt..nämlich sich an Berlin anzuhängen, um nicht weitere jahrzehntelange Totenruhe der Stadt zuzumuten.

Ich finde Berlin hat was

Mir gefällt Berlin ganz gut.

Ja, es gibt Probleme mit Zuwanderern. Ja es gibt Probleme mit Müll.

Trotzdem zumindest für Besucher ein eigenes Flair. Ob ich dort auch wohnen möchte, nun, zumindest nicht für immer. Aber das kann man sich ja heute zum Glück aussuchen.


Re: Ich finde Berlin hat was

Waren sie schon einmal in New York? Da kann Berlin nicht mit.

Re: Re: Ich finde Berlin hat was

Die New Yorker scheinen das ganz anders zu sehen.

cool

arm aber sexy hat der wowi gesagt, auf ihn trifft es ja nicht zu, anstatt sich um die stadt zu kümmern sieht man ihn nur auf jeder party, es mag' ja mal in ordnung gewesen sein sich zu outen, aber als einzige qualifikation neben dem parteibuch ist es einfach zu wenig. nach 15 jahren berlin und jetzt 6 jahren wien möchte ich nicht mehr tauschen. müll und proll ist sehr gut auf den punkt gebracht.

Re: cool

So so, Sie sehen ihn auf jeder Party.
Merkwürdig nur, daß Herr Wowereit seit dem öffentlich kritisierten Champagnergenuß aus einem Damenschuh vor etwa acht Jahren jede Party gemieden hat.

Re: Re: cool

mal in berlin gewohnt?

Re: Re: cool

Sie sollten sicher eher Marzahn oder Hellersdorf nennen, würde besser passen.

Darf man hier

posten?

Trendstadt 2

NC Flüchtlinge, auch auf die kann man verzichten!
Am allermeisten verzichten kann man auf Publizistik-Studentinnen, die keine Ahnung haben, was eine Weltstadt ausmacht!

Berlin ist 'trendy' bei Schwaben, oder Leuten die keine Ahnung haben.

Berlin, die Stadt in der man von Türken-Gangs terrorisiert wird.


Re: Trendstadt 2

Wenn nun wirklich alle keine Ahnung haben, dann sollten Sie uns über Ihren Begriff von Weltstadt dringend aufklären.
Ich nehme an, es kommt nicht viel zusammen.

Re: Re: Trendstadt 2

Na, Berlin ist es definitiv nicht.
Ich kläre sie mal auf, damit sie sich ein wenig bilden können und Ihre Sicht erweitern.

In Europa, Paris, Rom, Moskau, London und sogar Wien, sind Weltstädte. Hat mit Geschichte und kultureller Wirkung in der Welt zu tun. Wien hat wesentlich die klassische Musik beeinflusst, ebenso Literatur und Kunst.

In den USA natürlich New York, Chicago, San Francisco, New Orleans.

In Asien Tokio, Bangkok usw.

In Südamerika Buenos Aires, Rio de Janeiro usw.

Aber Berlin gehört nicht dazu!

Alles Städte die ich kenne.
In Paris habe ich gelebt, ebenso in New York.


Re: Re: Re: Trendstadt 2

Mmh, für Sie macht also Geschichte und Kultur eine Weltstadt aus.
Nun generiert Berlin genau wegen der Attraktivität auf diesen Gebieten mehr als doppelt soviel Übernachtungen als Wien.
Ihre Rechnung erweist sich damit als kümmerliches Selbsttor.
Soviel zur Attraktivität beider Städte im direkten Vergleich.
Wenn Sie die Kunst ansprechen: mit weltweit größter Galerien-und Künstlerdichte gilt Berlin als Zentrum der zeitgenössischen Kunst.
Übrigens wirkten in der sog. Stadt der Nobelpreisträger soviel wie in keiner anderen Stadt, ua. Albert Einstein, Max Planck, Otto Hahn.
Sie setzen dem nun New Orleans, Chikago und San Fransisco und Wien entgegen...was beweist, daß Sie Ihren eigenen Argumenten nicht folgen können.

Trendstadt

Auf den Berliner 'Chic' kann man verzichten.

Berlin ist eine Proletenstadt, bevölkert von Bergbauern.

Re: Trendstadt

Darf ich Sie a wengerl korrigieren? Weil ich oft in Berlin zu tun habe ...

Sie sind ungerecht gegenüber den Bergbauern; jeder einzelne Alm-Öhi oder Geißenpeter hat mehr Kultur als zehn Berliner zusammengenommen. Ich schlage vor, Ihren Satz zu modifizieren: "Berlin ist eine Proletenstadt, bevölkert von Müllbergen."

Denn die sind das (neben ihrer groben Unhöflichkeit) augenfälligste Merkmal der Berliner: Jeder, der irgendwas nimmer braucht, schmeißt es an den Straßenrand — vom gefüllten Verhüterli bis zur Tiefkühltruhe. Und niemand holt's ab. Ebensowenig wie die oft knöcheltiefen Hundstrümmerln auf den Gehsteígen.

Und im Hotel Adlon, das wie in den Roaring Twenties "ein Nabel der Kultur" werden sollte, stehen die Gunstgewerblerinnen in Dreierreihen an der Bar.
So viel zur Weltstadt Berlin. Wien mag auch nicht gerade perfekt sein, aber ...

Re: Re: Trendstadt

Ich denke, die "knöcheltiefen Hundstrümmerln" in Berlin korrelieren ganz gut mit dem hüfthohen Pferdemist mitsamt Gestank auf den Wiener Straßen.

Re: Re: Re: Trendstadt

Da ist Berlin Wien überlegen, im Gestank.

Ich meine...

... nicht die von hier, sondern Bergbauern, die aus südöstlicher Richtung kommen und immer im Clan auftreten.

Ich habe absolut nichts gegen Bergbauern aus unserem Kulturkreis, sind alles ehrbare, hart arbeitende Menschen.

Re: Ich meine...

Aber ja doch..nur was aus Ihrem Kulturkreis kommt, arbeitet hart.
Denn: In der Heimat ist es doch am schönsten.
Deswegen soll alles so bleiben, wie es immer war.
Wie Sie sich selber sehen: Aus Ihnen spricht ein "geistvoller" Kosmopolit.
Wer Sie auf seiner Seite hat, bleibt allerdings dank aller frömmelnden Bigotterie lediglich dem verschnarchten, alten Wien erhalten.

Re: Re: Trendstadt - Nachtrag:

Aber Humor haben sie teilweise noch, die Berliner. Kürzlich sah ich an der Außenfront einer S-Bahn-Station, von der man seit einem Jahr zum neuen Flughafen BER (Willy Brandt) weiterreisen können sollte, ein Spruchband, 20 m breit. In Anspielung an den alten Ulbricht stand da:

"Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu errichten."

Was eh g'scheiter wär', denn diese sinnlose, ewige Flughafenbaustelle liegt fast schon in Polen. Dabei wurde Berlin von allen Weltstädten um seine zwei zentralen Flughäfen Tempelhof und Tegel heftig beneidet. Aber naaa — die vermeintliche Weltstadt braucht ja unbedingt eine Shopping Mall mit kilometerlangen Wegen zu den Flugsteigen. (Aber die Handelsumsätze, so der begnadete Bürgermeister, sollen das unbrauchbare Ungetüm ja finanzieren.)

Re: Re: Re: Trendstadt - Nachtrag:

Wer einen Karl Lueger sein Unwesen treiben ließ, sollte nicht über andere Bürgermeister lästern.

Trendstadt

Auf den Berliner 'Chic' kann man verzichten.

Berlin ist eine Proletenstadt, bevölkert von Bergbauern.

Re: Trendstadt

Ja. In Berlin gibt es bestenfalls eine bizarre Subkultur. Berlin ist eher verwahrlost und dreckig. Ich wüsste nichts, was von dort wert wäre übernommen zu werden.

Re: Re: Trendstadt

Sehe ich auch so. Berlin hatte nur kurzfristig den kulturellen Stellenwert einer Weltstadt, in den 20-igern, ansonsten war Berlin, Wien immer unterlegen.

Wien darf nicht Berlin werden, obwohl es teilweise schon so geworden ist.

Re: Re: Re: Trendstadt

Einerseits scheint es ja in Berlin überragend zu laufen angesichts der neidischen Kommentare hier, andererseits werden die größenwahnsinnigen Vergleiche Wien/Berlin sowieso nur in Wien angestellt, denn in Berlin kommt Wien nicht vor.
Aber, das sensationelle "Berlin war Wien immer unterlegen" sollten Sie unbedingt erläutern.
Momentan fällt mir dazu aber auch garnichts ein.
Was meinen Sie denn?


 
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