Wien ist nicht Neu-Delhi – aber wie weit weg ist es?

30.12.2012 | 18:29 |  DORIS KRAUS (Die Presse)

Gewalt gegen Frauen regt punktuell auf, wenn sie besonders grausam ist, wie in Indien, oder besonders unglaublich, wie in der U6. Zu oft aber lässt sie uns kalt.

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Wer auf die Idee kommt, Wien mit Neu-Delhi zu vergleichen, darf sich normalerweise gleich an den Ohren ziehen lassen. So eine Frechheit, wem fällt das denn ein? Was soll denn bitte der Nabel der sicheren, wohlhabenden österreichischen Welt mit der Hochburg indischer Slums, Armut und Brutalität gemeinsam haben?

Na ja, fragen wir doch einmal die junge Frau (23), die am 17.Dezember in Alterlaa in die U6 gestiegen ist. Drei Stationen weiter war sie ohnmächtig, bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt, und vergewaltigt. Ihre Leidensgenossin aus Neu-Delhi kann niemand mehr fragen. Die 23-jährige Studentin, die am 16.Dezember in einem Bus von sechs betrunkenen Männern vergewaltigt, mit einer Eisenstange geschlagen und auf die Straße geworfen wurde, ist am Samstag ihren schweren Verletzungen erlegen.

Derartige Gewalt gegen Frauen empört alle Welt. Im Falle Indiens regt die schiere Brutalität des Falles auf, die dem Land den Vorhang heruntergerissen und es vor der Welt bloßgestellt hat. Indien behandelt seine Frauen wie den letzten Dreck – das kann jetzt jeder sehen. Die Vergewaltigung der 23-jährigen Studentin könnte einer jener Vorfälle sein, der Dinge grundlegend verändert. Hoffentlich. Die Öffentlichkeit hat dem offiziell noch immer namenlosen Opfer schmückende Beiwörter umgehängt wie „Blume Indiens“ oder „Löwenherz“ – und diesen wird sie posthum möglicherweise gerecht werden.

Im Falle der Vergewaltigung in der Wiener U6 regt etwas anderes auf: die schiere Kaltblütigkeit der Tat sowie der unglaubliche Umstand, dass sie in der vorweihnachtlichen Rushhour (18.15 Uhr an einem Montag) drei Stationen lang einfach nicht bemerkt wurde.

Was an der ganzen Sache aber besonders aufregt, ist, dass es solcher horrender Vorfälle bedarf, um Gewalt gegen Frauen wieder dorthin zu rücken, wo sie eigentlich ständig hingehörte: in den Blickpunkt der Öffentlichkeit – und zwar in den Blickpunkt einer ewig wachsamen und gegenüber den Tätern kompromisslosen Öffentlichkeit. Nicht einer achselzuckenden, gelangweilten, abgestumpften Öffentlichkeit, die sich ganz gern auch noch zu geschmacklosen Bemerkungen hinreißen lässt.

Doch zu einer solchen Öffentlichkeit sind wir mittlerweile geworden, wenn es um Gewalt gegen Frauen geht. Der Umstand einer Vergewaltigung reicht heute oft nicht mehr aus, um es in die Medien zu schaffen, es sei denn, die Umstände sind besonders horrend oder die Beteiligten besonders prominent. Sonst lautet der Tenor: Tja, echt schlimm für das Opfer, aber weder das erste noch das letzte Mal, dass so etwas vorkommt. Auch dass Frauen in Indien schlecht behandelt werden, wissen wir schon lange. Und die hunderttausenden Frauen, die jedes Jahr– auch nach Europa – als Sexarbeiterinnen verkauft werden, fallen in der öffentlichen Wahrnehmung unter so etwas wie Wirtschaftskriminalität. In Pakistan wird Mädchen ins Gesicht geschossen, wenn sie in die Schule gehen wollen, in Asien landen sie in jungen Jahren im Bordell, in Afrika werden sie gegen ihren Willen beschnitten. Aber Gott sei Dank ist das alles ja echt weit weg.


Oder auch nicht. Gewalt gegen Frauen ist nicht nur ein globales, sondern auch ein globalisiertes Problem. Als Teil der weltweiten Migrationswellen wandert es von Land zu Land, breitet sich aus und setzt sich fest. Die Strukturen der vernetzten Welt haben nicht nur jenen geholfen, die sich gegen die Gewalt gegen Frauen zur Wehr setzen, sondern wahrscheinlich mehr noch jenen, die sie begehen.

Und auch wenn es politisch heikel ist, ein Argument hat in dieser Diskussion überhaupt keinen Platz – das der kulturellen Unterschiede, wie Frauen von ihren Männern behandelt werden (dürfen). Der gesellschaftspolitische Konsens muss sein, dass Gewalt gegen Frauen bekämpft werden muss, dass man in diesem Kampf nicht nachlassen darf und dass man dafür auch Auseinandersetzungen austragen muss, die man als politisch inkorrekt ansieht.

2013 ist ein gutes Jahr, um sich diesen Kampf auf die Fahnen zu schreiben. „Löwenherz“, die 23-jährige U6-Fahrerin und Millionen andere Frauen werden es zu danken wissen.

 

E-Mails an: doris.kraus@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2012)

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84 Kommentare
 
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Heul doch !

Aha also nur Gewalt gegen Frauen schafft es nicht mehr in die Öffentlichkeit, wie arm. Die jugendlichen denen tagtäglich von ausländischen Messerbanden die Handy etc. abgenommen werden schaffen es auch nicht mehr in die Medien. Wäre ja blöd wenn die Menschen das offensichtliche auch noch via Medien bestätigt bekommen würden.

Re: Heul doch !

Stellen Sie wirklich Handy-Raub auf die gleiche Stufe wie Gewalt gegen Frauen, v.a. Vergewaltigungen?? Das ist nicht Ihr Ernst oder? Ihnen ist schon klar daß dies völlig verschieden Dinge sind.

Das die Opfer von Gewalt überwiegend ...

... Männer sind, wird von den politisch feministisch korrekten Schreiberlingen mit einem Nachdruck negiert, dass man eigentlich schon von geleugnet sprechen muss. Zum Kotzen!

Ja, die angesprochene Vergewaltigung ist schlimm. Jede Vergewaltigung ist schlimm - auch die Vergewaltigung des 25-jährigen Österreichers vom 16.12. Ist aber natürlich kein Problem von Frau Knecht.

Auch jeder Einsatz von Verleumdungsvorwürfen und falschen Beschuldigungen zum Thema Vergewaltigung oder Mißbrauch ist schlimm. Ist aber natürlich kein Problem von Frau Knecht.

Dafür wirft sie alles, was die Suchfunktion zum Thema Gewalt und Frau als Opfer auswirft irgend irgend einen Zusammenhang. Das damit jede zielgerichtete Vorgehensweise zu den Themen Gewalt, Opfer von Gewalt und öffentliche Sicherheit bei uns unmöglich gemacht wird, ist egal. Dafür kann man als Berufsbetroffene mit stolzgeschwellter Brust zeigen, das man "auf der richtigen Seite steht". Manchen ist das halt wichtiger... Ist aber natürlich kein Problem von Frau Knecht allein.

Mich kotzt es langsam an...

Ständig werden feministische Opfermythen in der Presse breitgetreten! Frauen sind sexuell genau so gewalttätig wie Männer, nur sind sie das auf eine hinterfotzigere Weise und in unserem Matriachat ist das noch dazu völlig legal. Und Genitalverstümmelung??? Hierzulande sind davon Frauen betroffen??? Und ständig die Lüge von den "Zwangsprostituierten"! Was für eine Heuchelei!!!

Re: Mich kotzt es langsam an...

Welches Matriarchat bitte!!!?? Und es gibt Ihrer Ansicht keine Zwangsprostitution??!! Was ist los mit Ihnen????!! Wenn die Realität wieder einmal bei Ihnen anruft sollten Sie unbedingt abheben!

nur weil es so schön dazu paßt :


.. schnitzt die Staatsanwaltschaft noch immer an ihren Federkielen um endlich einen "Vorhabensbericht" zur Anklage des in Graz gefaßten Vergewaltigers voranzutreiben ?

Wenn's noch ein bißchen dauert, müssen wir ihn aufgrund einer Beschwerde eines von uns bezahlten Menschenrechtsverteidigers noch auf freien Fuß setzen.

Ich habe bereits am 20. Dezember eine Wette zu diesem Thema angeboten.

Frage: Sind Südländer leidenschaftlicher?

Lange Zeit war man jedenfalls der Meinung, daß Menschen in südlichen Breitengraden emotioneller sind: "heißblütig"! Demensprechend strenger war früher auch der Verhaltenskodex: so gingen etwa Italienerinnen zum Ärger ihrer mitteleuropäischen Verehrer grundsätzlich nur mit ihrer Mama zum Rendez-vous und wurden die Frauen von Ehemännern und nächsten Anverwandten, bei denen das Messer locker saß, streng bewacht.

Es haben sich also das ganze "Rundherum" im Zeichen der Globalisierung wesentlich geändert.

Ob dadurch die Vergewaltigungen eher hintangehalten wurden, eventuell bei den "Anständigen Frauen", die im Besitz ihrer "Gesschlechtsehre" waren?

Eines ist jedenfalls in Indien immer noch der Fall: Austausch von Zärtlichkeiten (Küsse!) in der Öffentlichkeit sind immer noch verpönt!

Das gibt und gab es bei uns schon lange

Aber da politsch korrekt nicht sein darf, was nicht sein kann, gibt es das halt nicht.

http://www.oe24.at/oesterreich/chronik/niederoesterreich/17-Jaehrige-von-vier-Marokkanern-sexuell-missbraucht/459828

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Re: Das gibt und gab es bei uns schon lange

"Überall in der Welt gibt es seit einigen Jahren schon islamische Vordenker, Muftis oder Imame, die bei Vergewaltigungen unverschleierter Frauen den Frauen die Schuld geben. Unverschleiert und vergewaltigt? Selbst schuld! Nachdem auch der frühere Mufti von Kopenhagen zur Vergewaltigung unverschleierter Europäerinnen aufrief, stieg die Zahl der Vergewaltigungen in Skandinavien sprunghaft an."

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Die Heinisch-Hosek

sollte doch eigentlich zur zunehmenden, auch sexuellen, Gewalt in Österreich Stellung beziehen! Es gibt jzwar jede Menge Statistiken europaweit über Gewalt von Migranten an ihren (!) Frauen, aber keine über die an heimischen.

Frau Heinisch-Hosek - diesbezüglich werden Sie sich nicht mit diversen Quoten durchschummeln können.


Re: Die Heinisch-Hosek

Falsch: Die letzten Statisitiken zeigen nur eine Gesamtzahl, aber keine Unterscheidung, in welchen Bevölkerungsgruppen diese Mißhandlungen stattfinden.

Re: Re: Die Heinisch-Hosek

So oder so fehlen Statistiken, welche aufschlüsseln!

Re: Re: Re: Die Heinisch-Hosek

Warum fehlt wohl diese Aufschlüsselung?

Re: Re: Re: Re: Die Heinisch-Hosek

1 x" raten" genügt.

Politisch korrekt Wegschauen hat noch nie geholfen.


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deswegen...

... sollten unbescholtene bürger eine schusswaffe tragen dürfen.

Generalprävention

Es führt kein Weg an drakonischen, generalpräventiven Strafen vorbei. Bedingte Strafen oder Fussfesseln sind, gelinde gesagt, ein Hohn und verhindern keine Wiederholung der Tat.

Da einem Vergewaltigungsopfer quasi die Seele aus dem Leib gerissen wird, sollte man vielleicht die bei den alten Mayas üblichen Strafen ventilieren, wo den Leuten bei lebendigem Leib das Herz herausgerissen wurde, um gewissermassen Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

Re: Generalprävention

"Gleiches mit Gleichem vergelten" fände ich bei Vergewaltigern mehr als angebracht, und zwar vor Allem als Abschreckung für all die anderen Vergewaltiger, die auf der ganzen Welt frei herum laufen.
Zusätzlich lebenslange Haft für Vergewaltiger ohne Bewährung.

Hier gehört gnadenlos die schlimmste aller Strafen verhängt: Die Fussfessel!!!!!!

Ein Hoch der der allseits verehrten Bundesministerin für Justitz........

Bravo!!!!

Guter Artikel

doch was nützt es, wenn bei uns gegen gewalttätige Männer zum Beispiel nur ein Betretungsverbot der Wohnung ausgesprochen wird, das dann niemand überwachen kann. Wenn die Polizei schon darüber informiert ist, was sich in Wohnungen so alles abspielt und doch nicht einschreiten darf, da es dem Gesetz widersprechen würde. Was nützt es wenn die Polizei einen Gewalttäter fasst und dieser dann oft nicht einmal in U-Haft kommt, da er einen festen Wohnsitz hat und daher eine Anzeige auf freiem Fuß kassiert? Hier ist der Gesetzgeber gefordert etwas zu unternehmen, doch der hat anscheinend kein großes Interesse. Und besonders kritisch wird es dann, wenn der oder die Täter aus einem anderen Kulturkreis stammen. Auch hier versagen Politik und Justiz. Wie gesagt, ein guter Artikel, Frau Kraus. Hoffen wir, dass ihn auch jene lesen, die in unserem Staat Verantwortung tragen.

Re: Guter Artikel

ich meine, ein betretungsverbot bietet keinen schutz. das potentielle opfer ist gleich geschützt wie wenn ein wild zum abschuss freigegeben ist.
hier täuscht die staatsmacht nur die schutzfunktion vor.

Re: Re: Guter Artikel

die frage ist natürlich, wie will man wirklich in solchen situationen verfahren. ich weiß es nicht.

Kühe

sind in Indien viel mehr wert als Frauen.

Re: Kühe

Oder genauer gesagt viel mehr wert als Menschen. Wenn ein Mensch im Strassengraben v.rreckt ist es vollkommen egal. Aber wehe einer Kuh geht es schlecht.

Da haben sie völlig recht !!!!!!!!

eine kl. Ergänzung:
es wäre Aufgabe unserer Erziehung (Mütter... aber insbes. d. SCHULEN :
Mädchen einzuimpfen, dass wie immer der Typ aussieht oder wasimmer er ist :

WANNIMMER ER NUR DIE HAND GEGEN DICH ERHEBT -
SCHMEISS IHN RAUS -
UND LASSE DICH NICHT MEHR DURCH SEIN WEINERLICHES GESAUSEL - ES TUT MIR LEID ETC. danach WEICHMACHEN !
Dann würden sich die Kerle das abgewöhnen!!!!!!!
Wichtig sind auch ihre Zeilen
"...ein Argument hat in dieser Diskussion überhaupt keinen Platz – das der kulturellen Unterschiede, wie Frauen von ihren Männern behandelt werden (dürfen)...."

DAS gehört somanchen unserer Grundschüler !!!! schon wirklich sehr deutlich gemacht - sehen sie mal im Supermarkt, wie da kl. Paschas schon reagieren !!!!

Mit lächeln erinnere ich mich auch an das Geschrei der Grünen "nur ja keine VideoÜberwachung in der U-Bahn..."
Es gehören viel härtere Strafmaßnahmen gegen Täter, die körperliche u. insbes. sexuelle Gewalt gegen Frauen ausüben ! auch ex post - siehe die Farce mit dem Sbger Sexualtäter und seiner Fußfessel !
Bei nachhaltig so Agierenden wäre durchaus die Chem Kastration angebracht - damit er ruhe gibt - final und definitiv !

Gewalt gegen...

...Frauen ist besonders schlimm. Wenn wir das Problem irgendwann einmal gelöst haben, kümmern wir uns um Gewalt gegen Kinder, außer natürlich, die Gewalt geht von den Müttern aus, dann ist uns dieses Thema ideologisch zu heikel. Wie kann man denn ein Opfer plötzlich zum Täter machen? Davon, Gewalt im Allgemeinen anzuprangern, distanzieren wir uns überhaupt, das ginge doch viel zu weit.

 
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