Das Kirchenschiff des Ungewissen

03.01.2013 | 18:25 |  KERSTIN KELLERMANN (Die Presse)

Es schwinden die Gesichter und Figuren dieser seltsamen jungen Männer in der Kirche, die nicht aufgeben wollen.

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Es ist so surreal, dass momentan wirklich in einer Kirche mitten in Wien um die vierzig Flüchtlinge sitzen und seit über einer Woche ihr Schwinden durch Hungerstreik durchziehen. Dass sie gleichzeitig „in den blauen Himmel“ hinein hungern, weil ihre Forderungen so weit weg sind von der Realität der Gesetze – nach kurz aufeinanderfolgenden Regierungen, Innenministern und ständigen Verschärfungen des Asylrechts, sodass jemand jetzt dringend die Möglichkeiten geduldig abgleichen müßte, Erweiterungen vorschlagen, Brücken erarbeiten.

Gleichzeitig befürchtet man, dass diese Flüchtlinge mit ihrem selbstschädigenden Hungerstreik – wie der palästinensische Künstler Taysir Batniji sagen würde – „ihre eigene Befreiung überspringen“ wollen, ihr Leben auf einem Weg opfern, auf dem sie niemals ihr Zuhause erreichen werden.

 

Todestrigger und Nachbilder

Schon mit Arigona hatte ich dieses surreale Gefühl – ein Kind, ein Mädchen, das Videobotschaften sendet, mit der Drohung, sich selbst zu töten. Todestrigger und Härte. „Österreich“ läßt sich von einer Vierzehnjährigen nicht „erpressen“, war die Antwort. Und Polizei, Justiz, Innenminister, Parlament und ein Pfarrer, der sich von der ÖVP hintergangen fühlte und ein Mädchen auffangen konnte, das hier leben wollte.

Als sich in Belgien iranische Flüchtlinge den Mund zunähten, andere auf Kräne kletterten und dort tagelang verweilten, in den Nächten nicht einschlafen durften..., erinnerten mich diese Bilder an das Gedicht über den Holocaust des israelischen Dichters Jehuda Amichai, in dem Gott in seiner Dunkelkammer die Gesichter der Toten entwickelt.

Taysir Batniji schuf Kunst aus den Negativen von Fotos mit den ausgelöschten Gesichtern der palästinensischen „Märtyrer“ weiter – „es entstand ein Schwarz-Weiß-Mosaik irgendwo zwischen Ikonenmalerei und Röntgenaufnahmen“, schreibt Abdul Rahim Al-Shaikh im Katalog „Islamische Bildwelten und Moderne“. Ein Nachbild – das Bild, das im Inneren des Auges bleibt, wenn man die Augen schließt.

Ähnlich schwinden die Gesichter und Figuren dieser seltsamen jungen Männer in der Kirche, die nicht aufgeben wollen. Nicht wissen, wohin und wie weiter, aber dranbleiben auf ihrem Kirchenschiff des Ungewissen.

 

FPÖler als „neue Flüchtlinge“?

Kardinal Schönborn sagte dem Flüchtling Shahjahan, dass er für sie nichts tun könne. Es ist so seltsam, dass die pakistanischen Taliban diesen jungen Mann mit dem Spitznamen Shani kidnappten, mit Steroiden vollpumpten, damit er ein Kämpfer wird und er zehn Kilo zunahm, bevor er flüchten konnte (sein Freund starb dabei im Kugelhagel) und er hier in Österreich seine Kilos verliert.

Irreal auch, wie sich FPÖ-Politiker, die sich schon wieder benachteiligt und vernachlässigt fühlen, auf die Flüchtlinge stürzen. Sind sie auch „die neuen Flüchtlinge“?

In der Berliner Islam-Ausstellung gab es zumindest Fluchtlinien-Modelle, wie die der palästinensischen „Flaneure“ in ihren Tunneln, diesen Flüchtlingen hier in Wien fehlen die gesellschaftlich notwendigen Fluchtlinien aus den Engen und Zwängen einer Gesellschaft, die sich so nach innen und gegen sie selber richtet.

Wird die Votivkirche denn zu einem deterritorialisierten Raum werden können, in dem die Menschen versuchen, geschehenes Unglück wiedergutzumachen und allen subversiven und destabilisierenden äußeren Bedingungen zum Trotz eine Veränderung zum Guten bewirken? „Die Trauer ist der Widerstand gegen das Verschwinden.“


Kerstin Kellermann war Kuratorin der Ausstellung „Fluchtlinien. Kunst und Trauma“, gemeinsam mit Birgit Haehnel, Kunsthistorikerin und Dozentin an der TU Darmstadt (Soho in Ottakring 2012).


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2013)

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17 Kommentare

Erbärmliche Kommentare

Ich finde den Artikel sehr gut und beobachte im Kommentar Raum die Entwicklung einer besonders dicken, braunen Schleimspur..Igitt!

Erbärmliche Kommentare

Ich finde den Artikel sehr gut und beobachte hier im Kommentar Raum die Entwicklung einer besonders dicken, braunen Schleimspur...igitt

Enttäuscht

Sehr geehrte "Presse", auch wenn Fasching ist, solltet ihr etwas mehr auf das Niveau der Beiträge achten...

Re: Enttäuscht

Also, die Formulierung "in den blauen Himmel hungern" finde ich doch durchaus kreativ und die Geschichte von dem zwangsweise mit Steroiden Gefütterten ist doch auch sehr rührend-was, lieber Arethas gefällt Ihnen denn nicht ?

Re: Re: Enttäuscht

Während des Studiums ist mir einmal der Satz untergekommen: "Das klar Gesagte ist das klar Gedachte!"

Jetzt sehen wir uns obigen Beitrag an und machen uns ein Bild von der Gedankenwelt der Frau Kellermann...

unglaublich

selten so einen warmen sch.. gelesen

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Gehts noch etwas dramatischer?

Mit Holocaust und Asylelend erreicht man immer die eine oder andere Tränendrüse!

Wie wäre es, endlich einen Realitätsbezug herzustellen und nicht zu träumen?

Peinlich, ...

..., abgehoben und weltfremd ist dieser Artikel.
Die (sicher bedauernswerten) Asylanten sind "unschuldig", denn sie werden von Kreisen, die vielfach als "gutmenschlich" bezeichnet werden, manipuliert und werden so zu "Opfern" gemacht, die sie nicht sind (und für fragwürdige Ziele instrumentalisiert). Die (sogenannte)Öffentlichkeit ist zu feig, um hier klare Verhältnisse zu schaffen. Das Vorgehen der Polizei war richtig, die Kirche selbst ist feig.
Peinlich eben!

ziemlich verschwurbelt, das Ganze


Aber wahrscheinlich bin ich nur zu dumm, der Suada zu folgen.

Vielleicht hilft es mir, wenn ich das alles mit einem "kripke - frame" untersuche. Wird dauern.

weil ihre Forderungen so weit weg sind von der Realität der Gesetze – nach kurz aufeinanderfolgenden Regierungen, Innenministern und ständigen Verschärfungen des Asylrechts..

was soll dieser satz bedeuten? die asylanten fordern kürzere legislaturperioden?

Meine Güte, was für eine Seelenmargarine!


Und wieso sind da jetzt auf einmal hundert illegale Migranten in der Kirche?

Ich dachte es waren bisher nur vierzig- wieso lässt man weitere hinein- nur um den Karren noch verfahrener zu machen ?

Re: Und wieso sind da jetzt auf einmal hundert illegale Migranten in der Kirche?

Wenn ich mich richtig erinnere:
Der Pfarrer der Votivkirche hatte am Tag als die "Besetzung" begann, eine Frist bis 18 Uhr gestellt - andernfalls würde er die Polizei rufen. Kurz darauf wurde er dem Anschein nach - obwohl Hausherr der Votivkirche - "ruhig gestellt" (wg "Überforderung") und auf die hinteren Ränge verwiesen...im Nachhinein bestätigt sich, dass er Recht gehabt hat. Als "Überfordert" präsentieren sich nun Caritas und Diözese. Eine Kirche ist kein Ort für politische Veranstaltungen und Dauer-Demos.

Seitdem hat die ganze Chose eine bemerkenswerte Eigendynamik und fast instutionalisierte Züge angenommen. Inzwischen kolportierte 100 Nächtigende, Deutschkurse, Pressekonferenzen und der UHBB soll auch noch zur Audienz vorbeikommen...

Das haben nun Kirchenobere wie Caritas vom Zaudern, entscheidungsschwachen Winden und harmoniesüchtigen Herumlavieren. Nur um "gut dazu stehen" - vor wem? Niemand dankt der Kirche ihre "Gutmütigkeit". Die einen sehen es als Lasch- und Feigheit, den anderen ist es zu wenig, was sie tut. Die Kirche steigt hier so oder so als Verlierer aus. Schlechtes Krisenmanagement und dazu noch ein PR-Desaster.

Würde mich nicht wundern, wenn das Protestlager die magischen "100 Tage" und medialen "Ikonenstatus" wie die Besetzung der Hainburger Au erreicht....
Vielleicht ist das aus dem Ruder Laufen der Angelegenheit der Kirche in Hinkunft eine Lehre...und sie hält sich vom Politisieren und Verhabern mit politischen Surrealisten fern...

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Schrankenlos

Wenn man den Artikel das erstemal oberflächlich liest, fühlt man sich wohlig eingelullt.

Beim zweitenmal dann vera*scht.

Es geht nicht um das "absolut" Gute (was auch immer das sein soll). Es geht um Relationen. Und leider auch um Kosten. Was haben wir selbst und was tun wir für unsere Armen und Mindestpensionisten, arbeitslosen Jugendliche etc.

Und ja, *auch* für Asylwerber.

Aber nicht nur. Und nicht schrankenlos.

Und vor allem: Nach *unseren* Regeln.

kirchenschiff des ungewissen ?

gar nicht ungewiss: wenn die unverfrorenen anarcho-asylos einigermaßen konsequent sind, müssten sie jetzt eigentlich die von ihnen als heuchler durchschauten pfaffen aus der votivkirche werfen und dort das kommando offziell übernehmen ----ob diese "barmherzigen" priester, die sich vorerst eitel und medienwirksam die linke wange streicheln ließen , dann auch "pflichtgemäß" die rechte wange für schallende ohrfeigen hinhalten werden ?

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Verlogenheit

Dieser Kommentar bringt wieder einmal in komprimierter Form die ganze süßliche Verlogenheit der Asylindustrie zum Ausdruck. Ist ja auch schon in ähnlicher Form im STANDARD erschienen.

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Re: Verlogenheit

Richtig, bei mir löst er nur Brechreiz aus.

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