Die Innenministerin muss zu den Hungerstreikenden in die Votivkirche

08.01.2013 | 18:13 |  SIBYLLE HAMANN (Die Presse)

Johanna Mikl-Leitner sollte die besten Urdu- und Paschtu-Dolmetscher des Landes mitnehmen. Denn Asylwerber verdienen Gehör und Respekt – unabhängig davon, wie ihre Verfahren ausgehen.

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Es ist kalt in der Votivkirche. Vorn die Krippe mit dem Jesuskind drin, hinten Schlafsäcke mit etwa zwanzig Männern drin. Es ist die dritte Woche ihres Hungerstreiks. Sie sind schon schwach, die Konzentration leidet, die klamme Feuchtigkeit macht es nicht leichter. Draußen Regen, die Stimmung unter den Helfern ist gereizt, das Klo kaputt, die Situation verfahren. Irgendetwas sollte hier passieren, ehe jemand zu Schaden kommt. Aber was?

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Es wäre einfach: herkommen, zuhören, mit ihnen reden. Doch genau das bringt Österreich nicht zustande. Vor dem Kirchentor steht der Mesner mit dem Schlüssel in der Hand, sperrt zu und weist außerhalb der Gottesdienstzeiten alle Besucher ab. Mit den Hungernden könne und dürfe man nicht sprechen, sagt er, die seien allesamt Analphabeten und des Englischen nicht mächtig (was gelogen ist).

Security-Leute riegeln den Seiteneingang ab, verteilen Passierscheine. Hinein dürfen nur Journalisten und Mitarbeiter der Caritas. Warum jedoch müssen Asylwerber, samt ihren Anliegen, von der Bevölkerung ferngehalten werden? Weil sie gefährlich sind? Weil sie ansteckende Krankheiten haben? Was könnte es sonst für Gründe geben?

Man kann die Szenerie rund um die Votivkirche als Abbild der gesamten österreichischen Flüchtlingspolitik lesen. Über Asylwerber wird da ja viel geredet. Sie dienen zur Illustration der eigenen Weltanschauung, man kann sie als Statisten benützen, um – je nach Standpunkt – Menschlichkeit oder Härte zu markieren. Aber jetzt sind konkret welche da, abgekämpfte, ausgemergelte, nervöse, vom Leben gezeichnete Männer mit Wollmützen, die gehört werden wollen. Und die zuständigen Politiker halten sich die Ohren zu. Zuhören, Interesse zeigen – was für eine Zumutung! Wenn das einreißt! Wo kämen wir da hin!

Ein Zeichen von Souveränität ist das nicht. Eher ein Zeichen von Schwäche und Feigheit. Wer überzeugt ist von der Redlichkeit unserer Politik, kann das auch vor den unmittelbar Betroffenen vertreten, und ihnen dabei in die Augen schauen.

Die Hungernden in der Votivkirche sind keine Experten, keine Juristen, keine PR-Profis. Sie haben unser Asylwesen bloß in der Praxis erlebt, das offenbar sehr oft Verwirrung, Entmündigung, Demütigung und Hilflosigkeit erzeugt. Die Liste ihrer Forderungen ist disparat, nicht in allem haben sie recht. Sie verlangen Existenzielles (fähige Übersetzer, die ihre Berichte tatsächlich verstehen), Marginales (einen Friseur im Lager, Spiegel in den Duschräumen) und Illusorisches (die Anerkennung ökonomischer Asylgründe).

Sie wollen selbst kochen statt abgefüttert werden, sie wollen sich mit Arbeit selbst erhalten. Aus allem – speziell aus den Spiegeln – kann man ein grundlegendes menschliches Bedürfnis herauslesen: respektvoll behandelt zu werden.

Eine Lösung kann nicht so ausschauen, dass jeder, der hungert, automatisch ein Bleiberecht bekommt. Aber dass sich die Verantwortlichen anhören, wie sich ihre Politik anfühlt und von den Betroffenen konkrete Verbesserungsvorschläge entgegennehmen – das ist zumutbar.

Und wenn die ausgemergelten, erschöpften, vom Leben gezeichneten Menschen dann ihre selbstzerstörerische Aktion beenden und mit erhobenem Kopf aus der Votivkirche gehen können, sei ihnen das gegönnt.


Reaktionen senden Sie bitte direkt an: debatte@diepresse.com

Zur Autorin:


Sibylle Hamann
ist Journalistin

in Wien.
Ihre Website:

www.sibyllehamann.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2013)

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27 Kommentare
 
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Unschuldsvermutung

bei denen die man nicht mag, verwendet man diese mit Hohn,
Asylwerber sind für die einen immer schuld,böse; für die anderen immer unschuldig, arm

leider ist Asyl nicht mehr was es einmal war... die nachrichten vom goldenen westen, von verwandten die dort leben, und denen es angeblich toll geht... und ja es geht den Menschen hier nicht soooo schlecht...finanziell, man hat nur andere Probleme im Westen (mehr einsamkeit, als Migrant sprachprobleme etc aber dafür absicherung :-)

wie oft soll die innenministerin denn noch mit den ausländischen demonstranten reden?


den demokratiefeindlichen quargel können sie doch unmöglich ernst meinen. oder wollen sie wirklich daß jeder x-beliebige ausländer in österreich gegen den willen der mehrheit der österreicher politik machen kann?

versuchen sie sich doch einmal undercover als gewöhnlicher unbescholtener österreicher und versuchen sie einen termin für ein persönliches gespräch mit mikl-leitner zu bekommen um angesichts der vorratsdatenspeicherung und anderer inakzaptabler terrorgesetze ihre sorge um den schutz der menschenrechte und der privatsphäre und des telekommunikationsgeheimnisses in österreich zum ausdruck zu bringen und ihre forderungen zur abschaffung dieser unrechtsgesetze durchzubringen.

und dann erklären sie uns doch, wieso es sie dann nicht empört, daß die innenministerin nicht sofort auf zuruf zu ihnen nach hause oder zu ihrem aktuellen schlafplatz kommt um persönlich zutiefst respektvoll mit ihnen zu reden und ihnen zu willen zu sein.

Selten so etwas Dämliches gelesen!

Diese "Asylwerber" haben ihre Frauen, Mütter, Töchter und Schwestern in der gefährlichen Heimat eiskalt zurückgelassen!
Die Kirche musste gesperrt werden, damit die Belagerer nachts in Ruhe schlafen können und nicht dauernd von ihren "Helfern" belästigt werden.
Und dann bleibt ganz außer acht, dass es in Wien genügend Moscheen gibt, wohin die Kirchenbelagerer besser passen würden.
Die Bibel kannte vor 2000 Jahren schon Gutmenschen von der Art der Querschreiberin. Sie heißen dort Pharisäer.

Re: Selten so etwas Dämliches gelesen!

Fr. Hamann ist auch äusserst links-gutmenschlich verblödet. Jeder der sie mal z.B. im club 2 erlebt hat weiss was ich meine.

Selten so einen Müll gelesen, in der Presse.


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Zusammenfassung

Abbild der gesamten österreichischen Flüchtlingspolitik:

Der Mesner sperrt arme hungernde, ausgemergelte, nervöse Asylwerber in einer kalten, feuchten, katholischen Kirche (mit einem kaputten Klo) ein und lässt keine Besucher zu ihnen. Niemand redet mit ihnen, niemand hört ihnen zu. Sie verlangen Existenzielles das ihnen verweigert wird. Security-Leute riegeln den Seiteneingang ab.

Diesen wunderbaren Artikel bitte allen Schleppern zukommen lassen!


Kirchenasyl...

... JA! Aber nicht Kirchenasylanten zum Anschauen für neugierige Passanten. Menschen die wirkliche Hilfe anbieten wollen und können, aber keine Zaungäste ohne positiven Beitrag für das Geschehn.

Votivkirche und kein Ende....

Was soll denn die Innenministerin wieder in der Votivkirche tun? Sie war doch schon dort .
Was soll denn bei einem 2. Besuch herauskommen?
Die Sache ist von Anfang an schiefgelaufen; es hätte verhindert werden müssen, dass die Asylanten von linkslinken Typen instrumentalisiert werden. Wieso hat man diesen Eberl nicht sofort nach München zurückgeschickt?

Re: Votivkirche und kein Ende....

in der kirche war sie nicht, sie hat die asylwerber ins bmi zu einem gespräch eingeladen.

Re: Re: Votivkirche und kein Ende....

Na, sie ist ja nicht Heinrich IV., der seinen Canossagang antreten mußte.
Dieses Gespräch war sowieso schon weit mehr, als ein Innenminister der Republik Österreich tun müßte.

Re: Re: Re: Votivkirche und kein Ende....

da sind wir ja einer meinung :)

Ticken Sie noch richtig?

Es ist ja auch in anderen Ländern üblich, dass jeder "Flüchtling" - auch wenn er nicht bedroht ist - von einer hochrangigen Delegation im Gastgeberland empfangen wird. Wenn ich wirklich in meiner Heimat um mein Leben zittern musste, ist mein erstes Verlangen sicher ein Friseur oder ein Spiegel! Außerdem kann ich mir wirklich nicht vorstellen, dass es daran z.B. in Traiskirchen mangelt - gibt es keine ausgebildeten Friseure unter den Flüchtigen?

Ähnlich ...


... abgehoben ist dieser Artikel wie vor einigen Tagen der von Frau Kellermann.
Die (sicher bedauernswerten) Asylanten sind "unschuldig", denn sie werden von Kreisen, die vielfach als "gutmenschlich" bezeichnet werden, manipuliert und werden so zu "Opfern" gemacht, die sie nicht sind (und sie werden für fragwürdige Ziele instrumentalisiert). Die (sogenannte) Öffentlichkeit ist zu feig, um hier klare Verhältnisse zu schaffen. Das Vorgehen der Polizei war richtig, die Kirche selbst ist wie auch die Politik handlungsunfähig.
Und die Journalisten schreiben meist das, was die eine (die "gutmenschliche") oder die andere Seite (wie man die benennen soll, weiß ich nicht), gerne hört ... Abgehoben ist es allemal!

Re: Ähnlich ...

Nach Studien ist ja ein Großteil der Journalisten heutzutage links bis ganz links. Dementsprechend schreibt diese Journaille auch - und Hamann gehört dazu.

waren die auf urlaub frau hamann?

auch dann sollten sie als journalistin so weit sein sich über ein thema schlau zu machen, die dinge die passiert sind zu recherchieren. sie würden über die tatsache stolpern, dass mikl leitner letzte woche 4 asylwerber die in der votivkirche ausharren im bmi empfangen hat und mit ihnen im beisein der caritas ein gespräch geführt hat. nur weil ihnen der ausgang des gesprächs womöglich nicht gefallen hat, finde ich es bedenklich die ministerin aufzufordern in die votivkirche zu kommen um endlich zuzuhören. ich denke mikl leitner hat ihren (fr hamanns) wunsch die asylwerber anzuhören bereits letzte woche erfüllt.
wer lesen kann ist oft klar im vorteil.
schade, dass es ihnen offenbar um reißerische headlines geht und nicht um fakten.
den asylwerbern werden sie kaum einen gefallen tun mit diesem kommentar, aber der selbstbeweihräucherung sich als ach so sozialen, netten menschen darzustellen, der haben sie genüge getan.
es ist schade, dass journalisten und journalistinnen das thema missbrauchen und nicht daran denken, dass sie womöglich doch ab und an zur meinungsbildung beitragen.
asylwerbern wird dadurch jedenfalls nicht geholfen falsche hoffnungen zu schüren oder zu suggerieren, dass es etwas bringt den staat erpressen zu versuchen.
ich finde ein derart sensibles thema darf nicht zu selbstprofilierung herhalten müssen, um im ansehen gleichgesinnter punkte.
(sry für womögliches doppelposten, posting wurde beim 1. versuch vor stunden nicht veröffentlicht)

Re: waren die auf urlaub frau hamann?

... beim letzten satz schlug die zeichenbegrenzung zu:
"ich finde ein derart sensibles thema darf nicht zu selbstprofilierung herhalten müssen, um im ansehen gleichgesinnter punkte ZU SAMMELN."

der vollständigeit halber.

die presseförderung machts möglich

wozu noch für die leser schreiben.

Re: die presseförderung machts möglich

mich nervt (nicht nur bei ihnen) dieser majestatis pluralis: DIE leser.

zb bin auch ich EIN leser, ein weniger arroganter vermutlich.

diePresse hat ein auflage von 75.000.
ALLE davon (mich ausgenommen natürlich) sind so drauf wie sie?
oder orienziert sich deren anzahl doch eher an den paar hundert proleten im forum, deretwegen schon fast täglich das eine oder andere geschlossen werden muss?

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Sie wollen sich mit Arbeit selbst erhalten

Ich kann diesen Satz nicht mehr hören! Wie wollen sie sich denn erhalten? Welche berufliche Qualifikation haben sie? Diese Frage wurde bisher von keiner Zeitung beantwortet, und ich vermute, dass die Votivkirchenbesetzer gar nichts können.

Gäbe es gut qualifizierte Leute unter ihnen, könnten diese problemlos mit der RWR-Card einreisen und würden keine Kirche besetzen.


Re: Sie wollen sich mit Arbeit selbst erhalten

die hauptherkunftsländer 'von denen' sind afghanistan, pakistan und die russische föderation.
ein dort geborener soll sich also erstmal am goethe-institut einschreiben und sich um die anerkennung seiner schulischen, universitären und beruflichen qualifikationen kümmern, bevor er es wagt, unseren boden zu berühren.
dass in dieser zeit drohnen über seinem kopf kreisen, terroristen ihn mit vorgehaltener waffe zur unterstützung zwingen und er behördenwillkür ausgeliefert ist, kann und darf ihn davon nicht abhalten!

für 'echte' flüchtlinge sind sie ja eh bereit, ihr letztes hemd zu geben. aber die leute aus diesen ländern sind ja keine echten. was echt ist, bestimmen allemal sie und ihresgleichen!


Re: Sie wollen sich mit Arbeit selbst erhalten

z.B. ist unter den Flüchtlingen in der Votivkirche ein junger Mann (Paschtune), der in 6 Monaten in Flüchtlingslagern diskussions- und verhandlungsfähig Deutsch gelernt hat (B2 meiner Einschätzung nach). Ein hochintelligenter Mann.

Zu Ihrer Argumentation mit den Herkunftsländern empfehlich ich Ihnen, sich ein bissl über die Lage der auf 2 Länder aufgeteilten Paschtunen und die Rolle der Taliban dabei zu informieren.

Re: Re: Sie wollen sich mit Arbeit selbst erhalten

"die hauptherkunftsländer 'von denen' sind afghanistan, pakistan und die russische föderation."

Grenzen die an Österreich?

waren sie im urlaub frau hamann

auch dann sollten sie als journalistin so weit sein sich über ein thema schlau zu machen, die dinge die passiert sind recherchieren. sie würden über die tatsache stolpern, dass innenministerin mikl leitner letzten dienstag asylwerber empfangen hat und mit ihnen im beisein der caritas ein gespräch geführt hat. nur weil ihnen der ausgang des gesprächs womöglich nicht gefallen hat, finde ich es bedenklich die ministerin aufzufordern in die votivkirche zu kommen um endlich zuzuhören. ich denke mikl leitner hat ihren (fr hamanns) wunsch die asylwerber anzuhören bereits letzte woche erfüllt.
wer lesen kann ist oft klar im vorteil.
schade, dass es ihnen offenbar um reißerische headlines geht und nicht um fakten.
den asylwerbern werden sie kaum einen gefallen tun mit diesem kommentar, aber der selbstbeweihräucherung sich als ach so sozialen, netten menschen darzustellen, der haben sie genüge getan.
es ist schade, dass journalisten und journalistinnen das thema missbrauchen und nicht daran denken, dass sie womöglich doch ab und an zur meinungsbildung beitragen.
asylwerbern wird dadurch jedenfalls nicht geholfen falsche hoffnungen zu schüren oder zu suggerieren, dass es etwas bringt den staat erpressen zu versuchen.
ich finde ein derart sensibles thema darf nicht zu selbstprofilierung herhalten müssen, um im ansehen gleichgesinnter punkte zu sammeln.


ämtertausch?

unglaublich, dass man fr. fekter mal vermissen würde...

unglaublich

einfach nur unglaublich.

Mir kommen die Tränen...

die österreichischen Obdachlosen würden sich freuen wenn man über sie auch so eine schöne, rührseelige Geschichte schreiben würde.

Erpressung ist strafbar! Die Regierung sollte endlich ihren Verpflichtungen nachgehen!!!!

Die Toilette ist auch noch kaputt? Na toll!
Wird jetzt also auch noch die Kirche als Toilette missbraucht? Unhaltbare Zustände!
Wann ist endlich Schluss mit diesem Affentanz???

 
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