Stéphane Gompertz: Ein Pariser mit Lust auf Wien

12.01.2013 | 18:02 |  von anna gabriel (Die Presse)

Der Pariser Stéphane Gompertz residiert seit knapp einem Jahr in der Französischen Botschaft am Schwarzenbergplatz. Beim Citywalk führt er die "Presse am Sonntag" durch sein Wien.

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Kunst, Lebensfreude, Friede, Natur und Tafelspitz – diese fünf Worte fallen Stéphane Gompertz spontan ein, wenn er an seine derzeitige Heimatstadt Wien denkt. Der gebürtige Pariser ist seit März vergangenen Jahres französischer Botschafter in Österreich – und hat auch schon einen Lieblingsplatz gefunden: das Kunsthaus an der Weißgerberstraße. Sieben Mal hat Gompertz das von Friedensreich Hundertwasser gestaltete Gebäude bisher besucht, und selbst beim achten Mal gerät er noch ins Schwärmen: „Hundertwasser verwandelt gewöhnliche Plätze in Plätze der Freude“, findet der Diplomat.

Vor seiner Ankunft vergangenen März existierte Wien in Gompertz Erinnerung nur in sehr verblasster Form: Dunkel, grau und regelmäßig sei ihm die Stadt bei seinem ersten und bis dahin einzigen Besuch vor 35 Jahren vorgekommen, resümiert der Botschafter. „Die Farben habe ich heute gefunden. Aber dass die Nacht hier früher als in Frankreich hereinbricht, ist schwierig für mich.“

Gegen Lichtmangel in der dunklen Jahreszeit hilft Sport – und den treibt Gompertz regelmäßig. Am liebsten am Donaukanal, wo er sich einmal wöchentlich mit Bekannten zum Joggen trifft. Von der Botschaft am Schwarzenbergplatz geht es hinunter zum Kanal stadtauswärts. Am Wochenende übt Gompertz sein Hobby im Prater, Wienerwald oder im Schönbrunner Schlosspark aus – obwohl er das Schloss selbst „sehr hässlich“ findet, wie er eher undiplomatisch sagt.

Überhaupt sei Wien zwar einerseits eine wunderbare Barockstadt. Bedauernswert findet der Botschafter es jedoch, dass das Mittelalter fast völlig aus dem Stadtbild verschwunden ist. Gompertz Affinität zur mittelalterlichen Baukunst hat auch mit seinem beruflichen Werdegang zu tun, war er doch vor seiner Zeit als Diplomat Dozent für mittelalterliche Literatur.

Später kam er aber „zu der Erkenntnis, dass die akademische Laufbahn kein wahres Ziel für mich war“. Was der Botschafter in Wien sonst noch vermisst – besonders, wenn er an seine Heimatstadt denkt? „Die große Auswahl an Kinos“, sagt er. „Und die Seine.“ Warum Wien nicht direkt an der Donau gebaut wurde, versteht Gompertz nicht. Doch auch entlang des Wienflusses geht er gerne spazieren; das Museum für Angewandte Kunst (MAK) bietet sich dann für einen Besuch an.


Bei aller Liebe zu Paris wäre es für den 62-Jährigen im Übrigen kein Problem, auch seinen Lebensabend in Wien zu verbringen, wie er versichert: „Ich bin zwar sehr stolz darauf, Pariser zu sein, könnte aber an jedem Ort der Welt leben.“ Es sei ohnedies schwierig, als Botschafter in nur wenigen Jahren alle Facetten eines Landes kennenzulernen. Derzeit nimmt sich Gompertz die österreichische Literatur vor, liest Barbara Frischmuth, Daniel Glattauer, Peter Handke, Heimito von Doderer und Maja Haderlap.

Viel Zeit bleibt ihm dafür nicht, ist der Terminkalender eines Diplomaten doch stets dicht gedrängt. Zum Ausgleich dreht der Botschafter im Stadtpark unweit seines Amtssitzes am Schwarzenbergplatz ein paar Runden, um etwas Frischluft zu tanken. „Ich habe hier in Wien zwar ein wunderbares Botschaftsgebäude, aber bedauerlicherweise keinen Garten“, schmunzelt er. Das sei in Addis Abeba, Äthiopien, anders gewesen. Dort habe ein riesiges Areal seine Botschaft gesäumt. Auch in Genf, Kairo und London hat Gompertz im Zuge seiner Karriere mehrere Jahre verbracht. „Ich habe es nie bereut, diesen Berufsweg eingeschlagen zu haben“, versichert er. Für seine Frau, eine Kinderpsychologin, sei es anfangs aber schwierig gewesen, auf ihren Beruf zu verzichten. „Das war ein großes Opfer für sie“, weiß Gompertz. Seine Kinder dagegen hätten stark profitiert: „Sie lieben das Reisen und sprechen heute drei Sprachen fließend.“

DIE TOUR

Kunsthaus (1).Gompertz mag Hunderwasser: „Er verwandelt gewöhnliche Plätze in Plätze der Freude.“

Donaukanal (2). Hier geht der Botschafter jede Woche joggen.

Wienfluss (3). Entlang des Wienflusses und im Stadtpark dreht Gompertz zum Ausgleich seine Runden.

MAK (4). Das Museum für Angewandte Kunst will der Diplomat während seiner Zeit in Wien noch oft besuchen.

Reither

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2013)

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3 Kommentare

In..

.... Paris gibt es genauso dunkle Stellen.

Jede Stadt hat ihre positiven und negativen Seiten.

Was mir an Paris besonders missfällt ist die Wohnsituation für Studenten und Ärmere.
Bei uns ist es besser, denn hier gibt es größere Wohnungen und erschwinglichere Wohnungen.
Bei uns würde niemand in einem 10 qm Studio hausen.


Gompertz

klingt nicht sehr französisch - diesen Namen kenne ich eher aus D u. Ö.


Re: Gompertz

Wahrscheinlich stammt der vom Elsass ab.

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