Die Angst des Großstädters in der Wiener U-Bahn

Mehrere Gewalttaten in jüngster Zeit haben vor allem das subjektive Sicherheitsgefühlin der fahrenden Zweckgemeinschaft U-Bahn beeinträchtigt. Eine irrationale Angst, wenn man einen Blick auf die Statistik wirft.

Angst Grossstaedters Wiener UBahn
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Angst Grossstaedters Wiener UBahn
(c) Clemens Fabry

Die U-Bahn ist wie ein Fahrstuhl, nur größer und mit mehr Menschen. Und, noch ein Unterschied, im Aufzug pendelt der Blick verlegen zwischen Decke und Boden, in der U-Bahn ist er meist geradeaus ins Leere gerichtet. Das Gefühl dahinter ist aber weitgehend das gleiche – man befindet sich an einem Ort, dem man für eine gewisse Zeitspanne nicht entkommt. Und muss ihn sich meist auch noch mit anderen, völlig fremden Menschen teilen. Denen schaut man einfach nicht in die Augen – von Anlächeln ganz zu schweigen.

Das wäre ein Eindringen in den virtuellen Kokon, in dem man sich von all den Unbekannten im engen Raum abgrenzt. Doch bei all der Distanz – so wirklich unwohl fühlt man sich in der Regel nicht. Denn der Alltag hat uns gelehrt, dass die einzelnen Kokons einander in Frieden lassen, einfach ein- und aussteigen, und dass niemand darauf bedacht ist, die Ruhe zu stören.

Doch zuletzt wurde genau diese Ruhe gestört, wurde das Gefühl, in der fahrenden Zweckgemeinschaft sicher zu sein, mehrmals auf die Probe gestellt. Da war der Fall jener Frau, die in einem – ansonsten leeren – U6-Waggon niedergeschlagen und vergewaltigt wurde. Da war der Mann, der mehrere Frauen auf dem Weg aus der U-Bahn verfolgte und sie sexuell missbrauchte. Da war die Frau, die von einem Mann auf die Geleise der U2 geworfen wurde. Dazu kam noch eine Schlägerei in der U6, bei der einige Jugendliche eine Frau verletzten. Schon war das Gefühl der Unverletzbarkeit dahin, wurde das öffentliche Verkehrsmittel plötzlich zum Angstraum. Und es sind nicht wenige Frauen, die in den letzten Wochen begannen, die U-Bahn zu meiden – und nachts lieber mit dem Taxi bis zur Haustür geführt werden wollen.

Eine irrationale Angst, wenn man einen Blick auf die Statistik wirft. Von all den gewalttätigen Vorfällen, all dem sexuellen Missbrauch findet nur ein Bruchteil in öffentlichen Verkehrsmitteln statt. Und gerade was sexuelle Gewalt angeht, müsste man sich eher vor Partnern, Freunden und Bekannten fürchten als vor dem fremden Mann in der U-Bahn. Doch mit Rationalität hat Angst nicht viel zu tun. Das Schlagwort, das aller Statistik zum Trotz das Handeln dominiert, ist das subjektive Sicherheitsgefühl.

Anstieg der Kriminalität? Gerade Vorfälle wie jene der letzten Wochen setzen einen Mechanismus in Gang, der das Fahren mit der U-Bahn mit einem mulmigen Gefühl verbindet. In den Medien wird über einen Vorfall berichtet, die Sensibilität steigt, und passiert dann noch etwas in der gleichen Umgebung, ist schnell der Eindruck einer Serie da, steigt das subjektive Gefühl, dass die Gewalt steigt – und dass es nicht mehr sicher ist, mit der U-Bahn zu fahren. So wie viele Ängste vor Kriminalität einfach dadurch entstehen oder verstärkt werden, dass man Krimis liest oder ansieht, weckt auch der verstärkte Fokus der Medien auf bestimmte Vorfälle Ängste. Klar ist aber, dass diese Vorfälle, so tragisch auch jeder einzelne ist, nicht gleich einen Anstieg der Kriminalität bedeuten. Und dass die Wahrscheinlichkeit, in der U-Bahn Opfer eines Verbrechens zu werden, nach wie vor äußerst gering ist.

Rund 1,5 Millionen Fahrgäste zählt man bei den Wiener Linien pro Tag – stellt man dieser Zahl die rund 7000 bis 8000 Fälle von Taschendiebstahl oder die etwa 50 Fälle von Raub in öffentlichen Verkehrsmitteln gegenüber, die pro Jahr bei der Polizei angezeigt werden, lässt sich die Dimension erahnen. Und auch wenn die Polizei keine spezifische Zählung von Sexualdelikten durchführt – von den 487 angezeigten Fällen im Jahr 2011 entfiel laut Informationen der Exekutive nur ein verschwindend kleiner Anteil auf öffentliche Verkehrsmittel.


Ruf um Hilfe. Die Wiener Linien argumentieren, dass kaum ein Ort so sicher ist wie die U-Bahn und ihre Stationen: Es ist hell, es sind viele Menschen unterwegs, an Notrufstellen kann Hilfe angefordert werden – zudem beobachten Stationswarte das Geschehen per Videokamera. Harald Glassl ist einer von ihnen. Der 48-Jährige – mit Glatze, Brille und einer gelben Warnweste über der Uniform – arbeitet seit zwei Jahren in der U-Bahn-Aufsicht. Er hat noch keinen Vorfall erlebt, bei dem es wirklich ernst wurde. „Jugendliche, die über Bänke springen, den Notstopp ziehen oder über die Bahnsteigkante tanzen“, das war es schon.

Und auch bei seinen Kontrollgängen durch die U3-Station Erdberg, wo er regelmäßig von 21.30 bis 6 Uhr seine Nachtdienste schiebt, hat er noch keine schlimmen Vorfälle erlebt. „Gott sei Dank!“ Natürlich, man werde schon etwas aufmerksamer, wenn Jugendliche nach einem Konzert aus der nahen Arena kommen – und womöglich Glasflaschen dabei haben oder im Gebäude rauchen. Aber oft reiche da schon eine freundliche Bitte, und schon ist alles wieder in Ordnung. In anderen Stationen, am Schwedenplatz zum Beispiel, oder am Westbahnhof, da gebe es schon mehr Gelegenheiten, zu denen der Stationswart ausrücken muss. Aber auch dort werde es selten kritisch. Sobald auf einem Bildschirm etwas Verdächtiges auftaucht, wird die Leitstelle informiert, die bei Bedarf Verstärkung von der mobilen Überwachungstruppe oder gleich von der Polizei anfordert.


Schwächen im System. Also alles kein Problem? Nun, die jüngsten Vorfälle haben aufgezeigt, dass auch die Überwachung ihre Lücken hat. Bei der Vergewaltigung in einem Waggon der U6 zwischen Alterlaa und Philadelphiabrücke etwa. Drei Stationen lang waren das Opfer und der Peiniger allein – als dann Fahrgäste zustiegen, ergriff der Täter die Flucht. Zwar gibt es Kameras in den Waggons, doch die werden während der Fahrt nicht überwacht – erst im Nachhinein können die Aufnahmen ausgewertet werden. Und verhindern, dass eine Frau auf die Geleise der U2 geworfen wurde, konnten die Stationswarte und Kameras in der Station Taborstraße auch nicht. Gar nicht zu reden von jenem Vergewaltiger, der drei seiner Opfer auf dem Weg aus der U6 verfolgte und sie dann in Stationsnähe sexuell missbrauchte.

Absolute Sicherheit kann es nicht geben. Und wenn doch, wäre sie mit einem unglaublich hohen Aufwand verbunden – und wohl auch mit einem Verlust von Freiheit zugunsten totaler Überwachung. Dass im Gefolge schrecklicher Ereignisse schnell der Ruf nach mehr Überwachung – und auch nach höheren Strafen – erklingt, gehört zum üblichen politischen Spiel.

Das subjektive Sicherheitsgefühl, das durch die Vorfälle in Alarmbereitschaft versetzt wurde, bietet eine dankbare Projektionsfläche für mehr oder weniger sinnvolle Forderungen und Versprechen. Wobei man diese emotionale Verunsicherung nicht abschätzig betrachten darf. „Angst ist eine Grundemotion des Menschen“, sagt die Psychologin und Psychotherapeutin Patricia Göttersdorfer. Man brauche sie, um bei Gefahr flüchten oder anders adäquat reagieren zu können.


Tunnelblick.Allerdings schränkt Angst auch die Wahrnehmung ein. Man bekommt einen Tunnelblick, möchte nur noch aus der Situation herauskommen – genau das fällt aber schwer in geschlossenen Systemen, wie es U-Bahn-Waggons zwischen Stationen sind. Klar, dass in solchen Momenten der Furcht das rationale Denken in die Defensive gerät. Am Ende bleibt die Erfahrung, dass auch spektakuläre Serien irgendwann zu Ende gehen. Dass aus den schrecklichen Ereignissen womöglich Konsequenzen gezogen wurden, dass aber jedenfalls das mediale Echo nachlässt. Dass sich das subjektive Sicherheitsgefühl wieder auf einem etwas höheren Level einpendelt. Und dass Fahrgäste in der U-Bahn sich zwar weiterhin nicht anlächeln, dass sie weiterhin den Blick irgendwohin ins Leere richten. Aber dass die Gewissheit wieder da ist, dass all die Kokons im Waggon einander einfach in Frieden lassen.

Gewalt in der U-Bahn

17. Dezember 2012: Eine 23-jährige Frau wird kurz nach 18Uhr in einem leeren U6-Waggon vergewaltigt.

23. Dezember 2012: Eine 39-Jährige wird von zwei Burschen in der U6 geschlagen. Sie erleidet einen Oberkieferbruch.

30. Dezember 2012: In Ungarn wird ein Mann verhaftet, der Ende des Jahres drei Frauen in der U6 beobachtet und später ausgeraubt und vergewaltigt haben soll.

5. Jänner 2013: In der Station Taborstraße wird eine Frau von einem 51-Jährigen vor die U-Bahn gestoßen. Ein Notstopp des herannahenden U-Bahn-Zugs rettet ihr Leben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2013)

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