Cityguide: Die strickende Sopranistin

19.01.2013 | 18:38 |  von Mirjam Marits (Die Presse)

Das Kulturangebot? Das auch, natürlich. An Wien schätzt die texanische Opernsängerin Rebecca Nelsenaber ebenso französische Lokale, Strickcafés und versteckte Galerien.

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Am Anfang stand, wenn man es plakativ formulieren möchte, eine Zahnspange. Weil ihre Zwillingsschwester eine solche brauchte und daher nicht mehr Trompetenunterricht nehmen konnte, erbte Rebbeca Nelsen, zunächst unbegeistert, als Kind das Instrument. Dass sie Jahre später als Sopranistin an diversen europäischen Häusern – darunter die Wiener Volksoper und die Semperoper in Dresden – Karriere machen würde, war im kleinen Städtchen Lubbock in Texas „zwischen Ölfeldern, Kühen, Cowboys und viel Wüste“ (Nelsen) alles andere als absehbar.

„Die Idee von Europa“, sagt Nelsen, während sie im französischen Restaurant „Le Bol“ in der Wiener Innenstadt sitzt, „erschien mir als Teenager mitten in der texanischen Wüste, wo es weit und breit keine Oper gibt, wie ein unrealisierbares Märchen“. Nelsen erzählt gerne und viel, so viel, dass der bestellte Tee ungetrunken kalt wird, und spricht dabei fast akzentfreies, fehlerloses Deutsch. Mit dem „Le Bol“ verbindet sie nicht nur Erinnerungen an Geburtstagsfeiern, wie Nelsen bei einem Monsieur Seguin-Salat (Klassiker!) mit Ziegenkäse und Feigen erzählt. Ins „Le Bol“ hat sie auch ihre ältere, frankophile Schwester – Nelsen stammt aus einer musikalischen Großfamilie mit sieben Kindern, die sie gerne in Anspielung an „Sound of Music“ „die amerikanische Trapp-Familie“ nennt – eingeladen. Und ihr hier einen Überraschungsbesuch in Paris geschenkt.

Dann geht es für Nelsen weiter in den zweiten Bezirk, wo der Schweizer Bühnenbildner und Künstler Gilles Gubelmann ein kleines Atelier in der Zirkusgasse hat. Viele seiner Bilder, erzählt Nelsen, seien thematisch mit dem Nahen Osten verbunden. Eine Region, die Nelsen auch am Herzen liegt, seit sie im Vorjahr in Sulaimaniyya in der angeblich ersten Opernaufführung, die je im Irak stattgefunden hat, teilgenommen hat: Sie sang während eines Gastspiels der Kölner Oper die „Blonde“ in der „Entführung aus dem Serail.“

Was Nelsen während der vielen Reisen – in stressigen Zeiten kommt sie binnen drei Wochen auf neun Vorstellungen in drei Ländern – so tut? Sie strickt viel, erzählt sie, auch während der Proben. „Das machen viele Opernsängerinnen. Wir haben oft lange Wartzeiten. Da ist es gut, etwas mit den Händen tun zu können.“ Woll-Nachschub holt sie sich gerne aus dem kleinen Wollcafé „Laniato“ im dritten Bezirk. „Ich mag es, dort bei einem Chai Latte zu sitzen und zu stricken, umgeben von Wolle.“

An Wien schätzt die Texanerin nicht nur „die alte Tradition und die schöne Kultur“, sondern auch, „dass man schnell unterwegs ist: Fast jedes Ziel erreicht man in einer halben Stunde“. Dass es sie zum Studium nach Wien verschlagen hat, ist vielen Zufällen zu verdanken. Einer reicht in die Teenagerjahre zurück: Bei einem Konzert-Wettbewerb sollte sie eigentlich ein Stück auf der Trompete spielen. Einer spontanen Eingebung folgend stand sie einfach auf – und sang. Ein Gesangs-Professor prophezeite ihr daraufhin eine Karriere als Opernsängerin („Dabei hatte ich noch nie eine Oper zur Gänze gesehen oder gehört“) – und sollte recht behalten.

Zunächst begann Nelsen an der Texas Tech mit dem Gesangsstudium. Ein Pflichtfach dabei: eine Opernsprache. Weil Italienisch und Französisch ausgebucht waren, musste sie Deutsch belegen. „Es war meine dritte Wahl, aber ich habe mich sofort in die Sprache verliebt.“ Dank eines Fulbright-Stipendiums studierte sie in Wien an der Universität für Musik und darstellende Kunst weiter. Auch als sie in Braunschweig engagiert war, „habe ich immer eine Wohnung in Wien behalten“. Ihre allererste lag unweit des Naschmarkts. Ganz in der Nähe befindet sich auch eines ihrer Lieblingslokale: das kleine asiatische „Tofu Chili“ an der Linken Wienzeile. „Das war das einzige Restaurant, das ich mir als Studentin leisten konnte.“

Ab Sonntag, 27.1., ist Nelsen als Pamina in der Wiederaufnahme der „Zauberflöte“ (Regie: Helmuth Lohner) an der Volksoper zu sehen, am 23. und 28.3. als Lauretta in „Gianni Schicchi“. Alle Termine: www.volksoper.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2013)

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