Wien: Krankenstand kaum kontrolliert

20.01.2013 | 19:26 |   (Die Presse)

Wien beschäftigt 65.000 Bedienstete, davon 23.000 Beamte. Sie sind im Schnitt jährlich 22,9 Tage krank. Anders als bei Angestellten wird das - laut Kontrollamt - nicht überprüft.

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Wien/Awe. Die Stadtregierung bezeichnet Wien gerne und auch öffentlich als die bestverwaltete Stadt der Welt. Dazu beschäftigt das Rathaus 65.000 Bedienstete. 23.000 davon sind „echte“ Beamte und damit (nahezu) unkündbar.

Das Wiener Kontrollamt macht nun in einem Bericht ein weiteres Privileg dieser besonderen Gruppe von Beschäftigten publik, das – außer den Betroffenen selbst – bisher kaum jemand kannte: Melden sich die Unkündbaren nämlich krank, müssen sie, anders als gewöhnliche Angestellte, faktisch keine Kontrollen fürchten, ob ihre Angaben darüber auch stimmen, bzw. ob sie das tun, was ihnen der krankschreibende Arzt angeordnet hat.

Das bedeutet nicht automatisch, dass die Mitarbeiter in Wiens Amtsstuben das vorherrschende System Krankenstand missbrauchen. Kritiker, ÖVP-Gemeinderat Wolfgang Ulm ist so einer, orten im nun vorgelegten Prüfbericht aber zumindest Hinweise darauf, dass es beim Fernbleiben vom Arbeitsplatz aus gesundheitlichen Gründen nicht immer redlich zugehen kann. Tatsache ist nämlich, dass die eigentlich dafür verantwortliche MA15 (Gesundheitsamt), die bei Dauerkrankenständen immerhin mit dem Amtsarzt ausrückt, praktisch überhaupt keine Krankenkontrollen im herkömmlichen Sinn bei Beamten durchführt. Oder in Zahlen: Zwischen Jänner 2011 und März 2012 führte die MA15 zwar 5155 Überprüfungen der Dienstfähigkeit (z.B. bei Dauerkrankenständen) durch, weitere 530 Mal wegen wiederholter Krankschreibungen von Beamten. Aber: Nur ein einziges Mal wurde eine ausgewiesene Krankenkontrolle vorgenommen.

Außerhalb des Wiener Magistrats wäre so etwas undenkbar. Und das, obwohl normale Angestellte viel seltener krank sind, nämlich durchschnittlich 13,9 Tage im Jahr (Quelle: Statistik Austria). Unkündbare Gemeindebedienstete aus Wien kommen im Schnitt auf 22,9 Tage, das sind viereinhalb Arbeitswochen. Und müssen nicht damit rechnen, kontrolliert zu werden. Ganz gewöhnliche Angestellte hingegen schon: Allein die Wiener Gebietskrankenkasse führte 2011 nämlich exakt 188.921 entsprechende Kontrolluntersuchungen durch. In immerhin 38 Prozent dieser Fälle waren die Betroffenen – trotz angeblicher Krankheit – arbeitsfähig. Die Zahl der in Wahrheit arbeitsfähigen Beamten kennt jedoch niemand. Es wird ja nicht kontrolliert.

Dabei gibt es große Unterschiede innerhalb des Rathauses. 19.000 Vertragsbedienstete des Magistrats sind – wie Arbeiter und Angestellte auch – bei der Wiener Gebietskrankenkasse versichert. Auch sie müssen damit rechnen, bei statistischen oder anderen Auffälligkeiten ihrer Krankmeldungen kontrolliert zu werden. Das gilt übrigens ebenso für weitere 23.000 Vertragsbedienstete des Rathauses, die ihre Beiträge an die Krankenfürsorgeanstalt der Bediensteten der Stadt Wien (KFA) überweisen. Diese müssen auch mit Kontrollen durch ihre Krankenkasse rechnen. Nur eben die Beamten nicht. Warum eigentlich?

Im Bericht des Kontrollamtes ist die Antwort nur zwischen den Zeilen zu lesen, und selbst dafür braucht es dann zusätzliches Wissen. Der Punkt ist nämlich: Ein ASVG-Träger wie die WGKK hat ein vordergründig finanzielles Interesse daran, Missbrauch von Krankenstand zu unterbinden. Bei Arbeitern und Angestellten ist es nämlich die Krankenkasse, die Lohn und Gehalt des Kranken übernehmen.

Ist in Wien ein Beamter krank, zahlt die Kasse jedoch nur die Dienstleistungen aus dem Gesundheitssystem, das Gehalt jedoch zahlt nach wie vor der Dienstgeber. Und der ist – wie in allen Bundesländern – nicht frei von politischen Einflüssen und Begehrlichkeiten.

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.kontrollamt.wien.at

Auf einen Blick

Überprüfungen. Zwischen Jänner 2011 und März 2012 führte das Gesundheitsamt 5155 Kontrollen der Dienstfähigkeit durch. Aber nur ein Mal wurde eine ausgewiesene Krankenkontrolle vorgenommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2013)

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135 Kommentare
 
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22,9 Tage Krankenstand pro Jahr!

Da sollten sich die Gemeinde Wien und die Gewerkschaften schleunigst an den Tisch setzen und diskutieren, was die Arbeitnehmer der Gemeinde Wien so unnatürlich häufig krank macht. Die Gewerkschaft könnte auch das Arbeitsinspektorat anrufen - oder zumindest die Arbeiterkammer. Ich wundere mich, warum bei solch offenkundige gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen die Gewerkschaft bisher so kläglich versagt hat und nichts unternommen hat!

;)

Re: 22,9 Tage Krankenstand pro Jahr!

Die Arbeiterkammer ist für Leute,die arbeiten....


Knackpunkt: Wiener Wahlrecht ändern

Dass diese haarsträubenden Praktiken jedem Gleichheitsgrundsatz zuwider laufen und jeden brav Steuer zahlenden Simmeringer Hackler in Saft gehen lassen, lässt sich ohnedies schon an handfesten statistischen Zahlen festmachen.
Spannend wird bloß, ob sich die Grünen an den vor der letzten Wahl besiegelten Pakt mit FPÖ und ÖVP halten, der besagt, dass sie als Koalitionspartner der SPÖ eine Änderung des Wiener Wahlrechtes, das äußerst minderheitenfeindlich ist, erreichen.
Diese Änderung ist auch im Koalitionspakt zwischen Grünen und SPÖ schon akkordiert, bislang wurden aber keine wirksamen Schritte gesetzt, um eine Wahlgesetzänderung zustande zu bringen.
Wenn man nach dieser Änderung wirklich nur noch mit mehr als der Hälfte der abgegebenen Stimmen die absolute Mehrheit erreichen kann, ist die Gefahr einer absoluten Mehrheit egal für wen auf lange Zeit gebannt und man kann endlich beginnen, diese übel riechenden Magistratskloaken auszupumpen.

miserabler Arbeitgeber ?

In OÖ haben BH Mitarbeiter nur 8 Krankenstandstage.
Wenn man dann noch das Frühpensionistenalter mit 57 Jahren+ viele Kuren( Gratiswellness)
dazurechnet, wird es wohl an einem ausbeuterischen Arbeitgeber liegen ????!
- oder sind es doch nur einfach Privilegien von SPÖ Gnaden ?

Das bedeutet nicht automatisch,dass [....] sie

Krankenstand missbrauchen.

Na,was heißt`s den dann ?

Aus gut informierten, internen Kreisen ist mir bekannt,dass mit Jahresbeginn unter Zuhilfenahme eines Kalenders,die Krankenstände in den einzelnen Abteilungen angemeldet werden,ebenso die "Fenstertage".

Die Krankentage müssen sein,weil wenn alle so gut wie immer einsatzbereit sind,die Planstellen gekürzt werden könnten,dann müssten alle echt "was" arbeiten,so wir eben in der Statistik eine Unterbesetzung herbeigegekrankt,da kann man halt den Personalstand nicht kürzen!:-(
Kapische?

22,9 Tage im Schnitt krank

...fast unglaublich.
Und das sind die ersten die schreien, wenn die Hacklerregelung fällt.
In der Privatwirtschaft gehen immer öfter Leute mit Grippe oder sonst was in die Arbeit, um ja ihren Job nicht zu verlieren.
Und diese Bagage schämmt sich nicht einmal vor den restlichen ÖsterreicherInen

Re: 22,9 Tage im Schnitt krank

nicht nur in der privatwirtschaft ist das so wie jeder weiss, mir ist zu ohren gekommen auch im bund ist das immer häufiger der fall, vor allem in teilrechtsfähigen organisationen(zb geologische bundesanst. u.a.) hier gibt es einen haufen leute, die bei verdacht auf schlendrian ohne weiteres vor die tür gesetzt werden können.
so einen unfug gibt es möglicherweise in den landesverwaltungen in manchen bereichen, aber in wien scheint diese gaunerei methode zu haben- na hauptsach as richtige biachl....

Die Wiener Beamten leben unter einer Glaskuppel und der Rest darf dafür bezahlen!


Beamte: Abzocker ...

... die von der Arbeit der im privaten Sektor Beschäftigten leben und von Gewerkschaft & AK bei der Abzockerei unterstützt werden.

hier wird gesudert und gesudert....

ändert das wiener system - wählt rot/grün ab!!!


wozu

Kontrolle? Irgendwo müssen die spärlichen FrühPensionisten ja herkommen.

wien ist anders

weiß doch eh jeder.

Wien: Krankenstand kaum kontrolliert

Oh Du mein Österreich:

vornehm geht die Welt zu Grunde !

Alles Hochstapler, Größenwahnsinnige und bei den nächsten Wahlen wegen Wiederbetätigung und großer Vergessenheit Leidtragende, da dieselben Probleme weiterlaufen !

Oder glauben sie, dass die Beamten plötzlich das
Arbeiten erlernt haben ?

Beamter ist ein Job, der mich an meine Wehrdienstpflicht in den 70 ern erinnert, wo wir
auch nicht gewusst hatten wie wir die Zeit totschlagen sollten. Bei S 9,- pro Tag kann man auch nicht mehr verlangen oder .........?

Jetzt geht es wieder im selben Trott weiter ! Wir haben gewählt !

Ist das nicht langsam zu blöde ??

WGKK prüft dauern

Ja so kanns gehn. Wenn man mal als privater 1 Woche krank ist und sich wieder gesund gemeldet hat dann kriegt man nach 2.5 Wochen einen Brief von der GKK dass man immer noch krank gemeldet ist und sich beim Amtsarzt melden muss. Als Beamter dürfte man anscheinend nur zum Arzt müssen wenn man 1 Jahr nicht krank ist, weil das ist auffällig

Re: WGKK prüft dauern

In diesem Brief steht aber auch:Sollten sie inzwischen...blabla bla.....betrachten sie dieses Schreiben als gegenstandslos.

...da kenn ich auch einen realen Fall...

....nämlich, dass es Beamte gibt, die schon sagen, sie haben Minimum 7 Wochen Urlaub...also 5 Wochen Urlaub und 2 Wochen Krankenstand...geplant... denn sonst hauen sie den "Schnitt" zusammen und fallen sonst auf..

Selbst gehört und war mehr als verwundert...

Sowas gehört wirklich an den Pranger...schade, dass das erst jetzt aufgedeckt wird.

Bestätigung

Also, das glaube ich erst, wenn es in Krone, heute oder "Österreich" steht...

796 Beamte zu viel!

Hätten die Beamten gleich viel Krankenstandstage wie die Vertragsbediensteten, dann könnte sich der Magistrat Wien mindestens 796 bzw. 3,5 % Beamte einsparen.

(23.000 Beamte x 9 Tage zusätzlicher Krankenstand = 207.000 Krankenstandstage : 260 AT pro Jahr = 796 Jahres-Dauerkrankenstände)

Zusammengefaßt: Die 23.000 Beamten sind insgesamt 526.700 Tage krank, was insgesamt 2.026 Dauerkrankenständler entspricht.

Das heißt: jeder 11. Beamte erscheint ganzjährig nicht zum Dienst!

Re: 796 Beamte zu viel!

In Italien gibt es das tatsächlich, dass Beamte überhaupt nie auftauchen. Irgendwo - ich glaube im profil - war einmal eine Story von einem der hatte sogar gegenüber vom Ministerium wo er arbeiten sollte ein Gemüsegeschäft.

In Griechenland arbeiten wohl auch welche, die längst tot sind.

Ich verstehe nicht, was an dieser Erkenntnis hier im Artikel so neu sein soll. Das war wohl immer schon so. Und es ist eben im Vergleich mit manchen anderen Ländern eh sehr seriös.

Nach Adam Riese ergibt das 9 Tage selbst genehmigter Extraurlaubstage ...

... außer die Arbeit bei der Gemeinde Wien ist so gefährlich, so stressig, so anstrengend ... dass diese 9 Tage eine zwingende Folge unmenschlicher Arbeitsbedingungen ist ;-)

und

wer zahlts??? Genau ich und du!!! das ist Österreich ... mittlerweile zahle ich schon fast 18.000 € Lohnsteuer im Jahr für dieses miese System

Re: und

bin froh das ich nur die Hälfte zahle.

Das passt doch:

Rund 23 Tage pro Jahr im Krankenstand und dann mit 57 Jahren (Durchschnitt aus 2012) in Pension gehen - das Geflecht "gib du mir / geb ich dir" im verwandt-/verschwägerten Wiener Rathaus funktioniert wunderbar.

...

noch einmal bei Beamten heisst es nicht Krankenstand, nur bei Selbststaendigen. Bei Beamten heisst es Arbeit ohne Ueberstundenzulage bei schmerzvoller Abwesenheit seit der letzten Reform, die alle Parteien beschlossen haben (AUZSA).

scheinskandal!

(ehrlich gesagt muss man es nicht ueberpruefen da kein merkbarer unterschied in anwesenheit oder abwesenheit erkennbar ist - ich mag das nicht, aber die leute wissen das)

Zum Heulen

Aber in den Kurzparkzonen wird rigoros kontrolliert.

Die Stadt Wien lässt sich vorab die Parkgebühr (pauschalierte Parkometerabgabe) zahlen und kontrolliert dann trotzdem beinhart ob die Kurzparkscheibe korrekt eingestellt ist.

Ist doch klar - irgendwo muss ja die Kohle für die faulen Typen wieder rein kommen. Das Geld holen wir uns von den Leuten, die im Monat für Monat 50 Überstunden unbezahlt leisten, die in den letzten 15 Jahren genau einen Tag Krankenstand hatten und die zum Dank dafür dann bis 67 oder länger arbeiten dürfen.

Das Pack presst uns aus wo immer es geht - nur bei sich selbst, da wird großzügig über alles hinweg gesehen.

Da gehört dringend ausgeputzt - aber so richtig!

 
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