Wien: Schwerstes Zugsunglück seit acht Jahren

21.01.2013 | 17:41 |  Von Georg Renner (DiePresse.com)

Zwei S-Bahn-Züge prallten zwischen Penzing und Hütteldorf zusammen. 41 Menschen wurden verletzt. Unfallursache dürfte menschliches Versagen sein.

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Wien. Es hätte noch viel schlimmer kommen können. Das ist das Beste, was man über das Zugsunglück sagen kann, das sich am Montag auf der S-Bahnlinie S45 zwischen den Wiener Bahnhöfen Hütteldorf und Penzing ereignet hat. Zwischen 250 und 280 Passagiere waren in den beiden „Talent“-Garnituren unterwegs, als sie gegen 8.45 Uhr frontal aufeinanderprallten.

Zwei Menschen wurden lebensgefährlich, drei weitere schwer, 36 leicht verletzt. Es war das schwerste Zugsunglück in Österreich seit 2005, als bei der Kollision zweier Garnituren der Pinzgaubahn bei Bramberg ein Lokführer und eine Urlauberin ums Leben kamen und 34 Menschen teils schwer verletzt worden sind. In Wien muss man sogar bis 1993 zurückgehen, um einen Bahnunfall ähnlicher Dimension zu finden: Damals stießen auf derselben Strecke wie Montag eine S-Bahn und ein Regionalzug zusammen, drei Menschen starben (siehe Chronologie unten).

Wien-Penzing: S-Bahn-Crash im Morgenverkehr

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Weichensteuerung ausgefallen

Wie konnte es zu dem Unglück kommen – auf einer geraden Strecke, auf der S-Bahnen normalerweise mit maximal 80 Stundenkilometern unterwegs sind? „Die Untersuchungen laufen“, sagt ÖBB-Sprecherin Sarah Nettel – und würden noch einige Tage dauern. Auch die Polizei ermittelt – unter den 200 Einsatzkräften, die nach der Kollision im Einsatz standen, war neben Feuerwehr und Rettungsorganisationen auch ein Unfallkommando.

Nach derzeitigem Stand der Ermittlungen dürfte es sich so zugetragen haben: Die automatische Steuerung einer Weiche auf der eingleisigen S45-Strecke, die in diesem Abschnitt parallel zur Westbahnstrecke verläuft, fiel am Montagmorgen aus – vermutlich hatte verwehter Schnee die Mechanik blockiert. Entsprechend dem Störungsprozedere der ÖBB musste daher der Fahrdienstleiter in Penzing die Steuerung der Züge manuell übernehmen. Dem derzeitigen Ermittlungsstand zufolge dürfte dabei ein Fehler – eine „menschliche Fehlleistung“, so die ÖBB – passiert sein: Der Zug von Penzing Richtung Hütteldorf hätte keine Fahrerlaubnis erhalten dürfen, setzte sich aber trotzdem in Bewegung.
Auf halber Strecke zwischen den Bahnhöfen – etwa auf Höhe der U4-Station Unter St. Veit – kollidierten die Züge dann. Beide Garnituren führten vor dem Zusammenprall eine Vollbremsung aus, wodurch das Schlimmste wohl verhindert werden konnte.

Nachdem Anrainer der Strecke durch einen lauten Knall alarmiert wurden, waren als Erstes Helfer der Wiener Berufsretter an Ort und Stelle, die keine hundert Meter vom Unglücksort entfernt einen Stützpunkt unterhalten.
Die Passagiere wurden gemeinsam mit der Feuerwehr – einer der Lokführer musste mithilfe hydraulischen Werkzeuges aus der Führerkabine geborgen werden, die sich mit dem entgegenkommenden Zug verkeilt hatte; er schwebte in Lebensgefahr – aus den Zügen befreit. In der Folge wurden die Verletzten mit zwei Rettungshubschraubern und mehreren Fahrzeugen in verschiedene Spitäler gebracht; die Schwerverletzten wurden im Unfallkrankenhaus Meidling sowie im Lorenz-Böhler-Krankenhaus behandelt.

(c) Reuters/Heinz-Peter Bader Der Zugführerstand wurde durch den Aufprall in den Passagierraum gedrückt.

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Verzögerungen im Bahnverkehr

Die Bergung der Passagiere dauerte bis 10.30 Uhr – bis dahin war nicht nur der Betrieb der S45 eingestellt, sondern der gesamte Zugverkehr zwischen Westbahnhof und Hütteldorf. Die Folge waren weitreichende Verzögerungen auf der gesamten Strecke Wien–Salzburg. Einfahrende Züge mussten vor Hütteldorf warten, ausfahrende konnten den Westbahnhof nicht verlassen.

Wegen des umfangreichen Rettungseinsatzes – unter anderem setzte die Feuerwehr mehrere Drehleitern ein – kam es auch auf den umliegenden Straßen zu Staus.

Während diese Behinderung mit Ende der Bergungsarbeiten aufgehoben worden ist, haben S45 und S50 erst am Dienstagvormittag ihren Betrieb zwischen Hütteldorf und Penzing wieder aufnehmen können. Die S45 konnte zum Frühverkehr den Zehn-Minuten-Takt im Abschnitt von Penzing bis Hütteldorf noch nicht zu Gänze einhalten, laut OEBB-Streckeninformation soll dies aber 10 Uhr möglich sein. Die S50 war schon seit Betriebsbeginn am Dienstag wieder voll im Einsatz.

Chronologie der Zugskollisionen in Wien
28. September 2012: Die Lokomotive und der erste Waggon eines Intercity springen kurz nach der Abfahrt vom Westbahnhof aus den Schienen. Verletzt wird niemand.
20. Juni 2011: Beim Westbahnhof kollidieren eine Verschublok und eine Lok mit einer Garnitur leerer Waggons. Zwei Verschubmitarbeiter werden verletzt.
9. Oktober 2009: Eine Schnellbahn stößt beim Matzleinsdorfer Platz mit einem Oberbauzug auf demselben Gleis zusammen. Ein ÖBB-Mitarbeiter des Baufahrzeugs wird schwer verletzt.
30. April 2007: Am Südbahnhof kommt es zur seitlichen Kollision zweier Verschubzüge. Ein ÖBB-Mitarbeiter wird schwer verletzt.
28. September 2006: In der Oswald-Schleife im Bereich Schöpfwerk-Tscherttegasse auf der Verbindungsstrecke zwischen West- und Ostbahn stößt ein Schnellzug aus Ungarn mit einer Draisine zusammen. Vier ÖBB-Arbeiter werden verletzt, drei von ihnen schwer
27. Februar 2002: Zwei Güterzüge prallen in Simmering aufeinander. Beide Lokführer werden verletzt.
18. Februar 1993: Drei Menschen kommen ums Leben und rund 30 werden verletzt, als in Penzing in der Nähe des Bahnhofs Hütteldorf ein Regionalzug und eine Schnellbahngarnitur frontal zusammenstoßen. Ein Zug aus Neulengbach prallt mit rund 30 km/h gegen eine etwa 60 km/h schnelle S-Bahn-Garnitur.
9. November 1991: Nahe der Haltestelle Süßenbrunn an der nordöstlichen Stadtgrenze sind drei Schnellbahngarnituren in einen Unfall verwickelt. Vier Menschen sterben, 30 erleiden teilweise schwere Verletzungen.
17. August 1981: Menschliches Versagen ist die Ursache dafür, dass ein Pendlerzug im Südbahnhof auf einen Prellbock fährt. Drei Menschen sterben, 140 werden verletzt.

--

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22. Jänner 2013)

 
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115 Kommentare
 
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Denker
22.01.2013 10:50
1

Passieren kann immer was,

aber dass bei einem ÖBB Investitionsvolumen von jährlich zwischen 2 und 2,5 Milliarden € es nicht möglich erscheint eine eingeleisige Strecke samt Kopfbahnhof und modernsten Sicherungsanlagen um insgesamt etwa 70 Mill. € zu sanieren, ist bedenklich. Immerhin benützen diese Strecke an Arbeitstagen etwa 15.000 (wenn nicht mehr) Fahrgäste. Was nützen Generalverkehrpläne, europäische Eisenbahnkorridore usw. wenn der (in den letzten Jahren ach so wichtige) Nahverkehr "unter die Räder" kommt. Verzögert sich halt die Fertigstellung eines Großprojektes um 2 Wochen.

Wäre nicht ein Rücktrittsangebot der zuständigen ÖBB-Vorstände angebracht?

kumpfus
22.01.2013 10:01
2

Systemisches Versagen

Immer heißt es dann "Menschliches Versagen" - wenn die automatischen Systeme versagen und die menschlichen Systeme für diesen Fall nicht genügend trainiert sind - wahrscheinlich aus Kostengründen.

Antworten fefe2
22.01.2013 10:41
1

Re: Systemisches Versagen

Ich nehme an, dass jemand für die Aufgabe dort beschäftigt ist und der hat seine Arbeit nicht richtig gemacht. Der wird ja bezahlt dafür. Mit Kostengründen kann das nichts zu tun haben; vorhanden war er ja.

Michael H.
22.01.2013 08:58
0

Vielleicht könnte man die Steuerungssoftware so modifizieren,

dass sie auch von Menschen vorgenommene manuelle Korrekturen überprüft und ggf. davor warnt.

Widderpumpe
22.01.2013 00:04
3

polemik

also bei derstandard.at kann man unter dem Artikel einiges lernen und sich Informationen holen, wie das passieren konnte...

hier ist das ja ein trauerspiel... vielleicht haben die linksextremen gutmensxhen doch mehr drauf, als den Presse FPÖ kampfpostern recht sein wird!

Antworten doctork
22.01.2013 10:01
2

Re: polemik

dann bleib doch beim standard, und gib einen frieden.

Antworten Antworten Widderpumpe
24.01.2013 00:18
0

Re: Re: polemik

quod erat demonstrandum quasi ;)

Freie-Meinung
21.01.2013 23:45
16

Ich hoffe einfach nur, dass alle Verletzten wieder vollständig genesen

und danke Gott dafür, das nichts schlimmeres passierte.
Wo Menschen arbeiten, passieren nun einmal Fehler.

Tremian
21.01.2013 23:43
10

wie real solche Zusammenstöße sind,

merkt man ja doch erst wenn sie de facto vor der Haustüre passieren. ich denke man ist -gerade in diesen Tagen - viel zu abgestumpft.

ich hoffe alle betroffenen erholen sich wieder vollständig, damit man zumindest mittelfristig von einem glimpflichen Ausgang reden kann!

wosmenschelt
21.01.2013 23:29
3

Was tut der wiener bürgermeister?

?

Antworten So Ren
22.01.2013 11:01
0

Re: Was tut der wiener bürgermeister?

Was soll er Ihrer Meinung nach tun? Einen Gedenkstein aufstellen?

Antworten Antworten wosmenschelt
22.01.2013 20:05
0

Re: Re: Was tut der wiener bürgermeister?

- für seine bürger auch erkennbar dasein/handeln ebenso gilt das für die zuständigen "eliten" von den öbb u. ministerien!

Antworten kanel
22.01.2013 00:00
12

Re: Was tut der wiener bürgermeister?

A achterl GV bestellen?

Antworten Antworten zutrag
22.01.2013 07:19
4

Re: Re: Was tut der wiener bürgermeister?

was den sonst!!!!!!

unicornat
21.01.2013 22:20
4

Eine

Weiche fiel aus?? Ja wie kann das sein?? Hat man nicht doch immer erzählt, dass alles von einem staatlichen Unternehmen betreut werden muss weil nur ein staatliches Unternehmen so toll ist und investiert im gegensatz zu einem pfui-gack-privaten Unternehmen? Also wenn man diesen Unfall nimmt, die vielen Verspätungen und Störungen im U. und S-bahn bereich plus die diversen Rohrgebrechen, dann muss man sagen: Diese Behauptung ist schlicht und einfach FALSCH! Den SO schlimm wie es derzeit ist, dazu brauch ich kein Staatsunternehmen!

Antworten oldwald4tler
21.01.2013 22:50
1

Wiederverstaatlichung

Ein Tipp: Suchwort Wiederverstaatlichung

Antworten Antworten cookingwaiter
21.01.2013 23:53
3

Re: Wiederverstaatlichung

Danke! Ich wollt den Poster oben grad an den Zustand der British Railways erinnern als diese Privat geführt wurden...

Antworten Antworten Antworten Sand1
22.01.2013 11:02
0

Re: Re: Wiederverstaatlichung

Ich kann mir denken, dass viele Stockholmer und alle gut informierten Poster unter diesem Artikel der Meinung sind, Arriva, welche die Saltsjöbahn betreibt, privat geführt werde. Dabei ist Arriva nichts anderes als eine 100%ige Tochter der 100%igen deutschen staatlichen DB.

hw007
21.01.2013 20:16
2

Systemfehler

Wir entwickeln sicherungsroutinen, weil man glaubt, der Faktor Mensch ist ein hohes Risiko und weil dieser kosten verursacht. Nun, fallen diese Einrichtungen aus, muss der Mensch als fallback herhalten. Das kann eigentlich gar nicht gutgehen, da die Technik den Menschen plötzlich in eine Situation bringt, die er nicht überblicken kann.

Antworten fefe2
22.01.2013 10:43
0

Re: Systemfehler

Leute, die ihre Arbeit nicht überblicken sind halt falsch am Platz. Das ist doch keine Entschuldigung.

cannery row
21.01.2013 20:11
5

unzuverlässig..

und manchmal lebensgefährlich. ein klares angebot an die pendler.

Antworten fefe2
22.01.2013 10:44
1

Re: unzuverlässig..

Das ganze Leben ist manchmal lebensgefährlich. Bei der Bahn ist die Wahrscheinlichkeit aber am kleinsten.

Antworten Grünschimmel
21.01.2013 21:32
16

Re: unzuverlässig..

logo, weil beim autofahren passiert ja nie etwas

Antworten hw007
21.01.2013 20:17
11

Re: unzuverlässig..

Wichtig ist das man was schreibt, auch wenn's Blödsinn ist!

raskolnikov
21.01.2013 19:46
8

...

Irgendwie würde ich gerne die postings ausdrucken, in die jeweiligen Krankenhäuser fahren und sie den Angehörigen vorlesen...

Angefangen mit postings von Persil und co., unsere "wahren Österreicher", die sobald sie Zug, Beamte oder Asyl ect. hören momentan zu denken aufhören und eigenartige Reflexe sie zum posten bringen..


Antworten So Ren
22.01.2013 11:10
0

Re: ...

Ich kann Ihnen leider nur einmal Grün geben. Sie sprechen mir aus der Seele

 
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