Raumplaner: "Der Wiener Stadtplanung fehlen Konzepte"

07.02.2013 | 18:23 |  von Gerhard Bitzan (Die Presse)

Raumplaner Reinhard Seiß attackiert im "Presse"-Interview die Wiener Stadtplanung: Es fehlten übergeordnete Konzepte, viele Projekte seien urbanistisch absurd und dienten nur den Interessen der Investoren.

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Die Presse: In der Neuauflage Ihres Buches „Wer baut Wien?“ gibt es eine Bilanz der letzten Jahre. Was hat sich geändert? Merkt man eine grüne Handschrift in der Stadtplanung?

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Reinhard Seiß: Eher in der Verkehrspolitik, bei der Parkraumbewirtschaftung oder den Tarifen im öffentlichen Verkehr. Planungspolitik hingegen ist eine langfristige Materie. Da sieht man die zwei Jahre, die Grün in Wien mitregiert, noch nicht immer. Viele Projekte, die jetzt gebaut werden, sind lange vorher beschlossen worden.

 

Aber Sie erwarten Unterschiede zu der Zeit, als die SP in Wien allein regierte?

Man wird die grüne Regierungsbeteiligung vielleicht eher an dem erkennen, was nicht gebaut wird. Vermutlich würde es Projekte wie auf den Komet-Gründen jetzt nicht mehr geben: ein Bauvorhaben, das keine wirtschaftliche Entsprechung hat und reine Spekulation ist, getragen von der Hoffnung, irgendwann einen Fonds zu finden, der es kauft. Man kann hoffen, dass Planungen, bei denen es derart massive Bedenken der Anrainer gibt, nun abnehmen.

Sie haben oft kritisiert, dass in Stadtplanung und Bauwesen viel „Unsauberes“ passiert sei. Könnte sich in Sachen Korruption in Wien nun etwas ändern?

Es gibt jetzt in der Stadtregierung durch den Koalitionspartner ein Regulativ, das umso wichtiger ist, je länger eine Fraktion zuvor allein an der Macht gewesen ist. Denn über die Jahre verkrusten die Selbstreinigungsmechanismen einer jeden Partei. Ich gehe davon aus, dass es deutlich weniger Widmungs- und Bauanträge gibt, die einfach durchgewinkt werden.

In der Stadtplanung haben auch mächtige Beamte viel zu sagen. Welche Rolle spielen die?

Ich denke, viele Beamte haben aufgeatmet, als Maria Vassilakou das Ressort übernommen hat. Unter dem früheren Stadtrat Rudolf Schicker dürfte nicht gerade ein offenes, pluralistisches Klima geherrscht haben. Mitarbeiter mit konträren Ansichten hatten keinen guten Stand. Das dürfte besser geworden sein. Natürlich entwickelt eine Beamtenschaft ein Eigenleben. Aber da sind zuletzt auch personelle Wechsel vollzogen worden.

Schickers Planungspolitik kommt in Ihrem Buch nicht gerade gut weg.

Das ist nicht nur mein Urteil, und es geht nicht um Schicker allein. Wiens Städtebau der letzten 20Jahre steht für eine planungspolitische Gesinnung, die die Interessen von Grundeigentümern und Investoren über das Wohl der Stadt stellte. Deutsche Kollegen kennen auch aus ihrem Umfeld miserablen Städtebau mit dunklen Hintergründen. Aber wenn die die Wienerberg City besuchen, bleibt ihnen die Spucke weg. Schicker hat einige problematische Flächenwidmungen geerbt. Aber in seiner Zeit wurden auch absurde Projekte wie Town Town, Monte Laa oder Wien Mitte, um nur einige zu nennen, durchgeboxt.

Aber es gibt Stadtentwicklungspläne, in denen die Stadt guten Willen zeigt.

Dort sind zwar hehre Grundprinzipien enthalten, etwa: Wir wollen eine durchmischte Stadt, wir wollen weniger Autoverkehr, wir wollen qualitätvolle öffentliche Räume. In der Praxis sah dies aber meist anders aus. Am Monte Laa wurde etwa ein urbaner Stadtteil versprochen, realisiert wurde ein Wohnquartier ohne nennenswerten öffentlichen Verkehr. In Town Town entstand ein reines Büroviertel, das zu allem Überfluss vom Markt gar nicht nachgefragt und erst durch Magistratsabteilungen gefüllt wurde. Das ist ein Verstoß nicht nur gegen planerische, sondern auch gegen ökonomische Prinzipien. Die Politik rettet so die Immobilienbranche vor Spekulationsverlusten auf Kosten der Steuerzahler.

Also gibt es bei Büroimmobilien viele Fehlplanungen und -investitionen?

Wien hat seit Jahren einen beträchtlichen Leerstand an Büroflächen, dennoch werden immer neue errichtet. Etwa der Perrault-Turm in der Donau City. Dort entstehen neben einem Hotel vor allem Büros, die wohl noch länger leer stehen und irgendwann mit Mietern, die zum Teil von anderswo abgeworben werden, gefüllt werden. Wenige Meter daneben stehen im Saturn Tower seit Jahren Büroetagen leer. Das ist ein hoch spekulatives Business, das meiner Meinung nach der Steuerung seitens der Planungspolitik bedürfte. Dasselbe gilt auch für den großflächigen Einzelhandel. Der Wiener Stadtplanung fehlen für all das aber Konzepte. Generell gibt es keine wirksamen Instrumente für eine übergeordnete Stadtplanung.

Es gibt den Stadtentwicklungsplan...

Der Step gibt ja nur die grundsätzliche Stoßrichtung der Stadtentwicklung vor. Darunter gibt es keine Planungsebene mehr bis hin zum Flächenwidmungs- und Bebauungsplan. Der ist aber so detailliert, dass er nicht dazu angetan ist, über den Tellerrand eines einzelnen Projekts hinauszuschauen. Dazwischen fehlt etwas. So entstehen eben sechs-, acht- oder zehngeschoßige Großbauten neben kleinen Einfamilienhäusern. Der Aufschrei der Anrainer ist logisch, wenn dies übergangslos, ansatzlos und mangels übergeordneter Pläne scheinbar willkürlich geschieht.

Zur Person

Reinhard Seiß studierte Raumplanung und Raumordnung an der TU Wien, er arbeitet als freier Fachpublizist und Autor zum Thema Raumplanung. Das Mitglied des Beirats für Baukultur im Bundeskanzleramt gilt als heftiger Kritiker der Wiener Stadtplanung. [Clemens Fabry]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2013)

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38 Kommentare
 
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Immolobby

Die Grünen füttern via Zuzug die immolobby und treiben die wohnpreise in Wien. Selbst wohnt man billig und verkehrsgünstig im 7. Auf Friedenszins. DANKE wir merken uns das.

der moderne Staat dürfte keine politischen Grenzen kennen

. . . somit wär' mal die die modernste Infrastruktur vom Burgenland bis Vorarlberg zu verwirklichen, Handel und Gewerbe einzubinden, Büros und Verwaltungen übers Land zu verstreuen, um Shopping-Centern, Ghettosiedlungen, Wolkenkratzer und Verkehrschaos gar nicht aufkommen zu lassen.
Dazu müsste aber das Land digital an den Vordermann gebracht werden. Handel und Gewerbe sollten dem Fachmann, wie dem Konsumenten eine umfassende Datenbank und modernste Logistik bieten, um der Internetmafia das Handwerk zu legen.

Re: der moderne Staat dürfte keine politischen Grenzen kennen

rischtich!
Ganz ösiland verütteln;
jeder kriegt ne'karre zur einschulung und nen'heimplatz zur pensionierung-dass isch modern und frei(heitlich)!

Merkt man eine grüne Handschrift in der Stadtplanung?..

zum glück nicht! sonst wäre nämlich schon ganz kaisermühlen umgewidmet und mit wohnsilos zugepflastert.

weniger ist mehr

Das Problem ist die grune Gigantomanie. Wien wird sinnlos aufgeblasen und zubetoniert! Mit etwa 1.4 Mio Einwohnern könnte Wien lebenswert sein!

Fehlplanung auch in Asparn

Auch der neue Stadtteil in Aspern ist eine mehr als nur riesige Fehlplanung. Man braucht sich doch nur mit offenen Augen den Plan und die Bilder davon ansehen. Ein überdimensionales zukünftiges Ghetto, und häßlich dazu. Das einem in der Gegend aber auch nichts bietet, weil alles zu weit Weg trotzdem ist. Man könnte auch dazu Schlaf City sagen. Denn zu mehr kann es nicht dienen. Obwohl auch diese Begriff fehl am Platze wäre, da die Stadt niemals den kompletten Stadtteil mit Bewohnern vollmachen könnte. Es sei denn in ganz Wien werden keine Wohnungen mehr errichtet in denn nächsten Jahren.

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Recht hat er!

Bsp Wien 23:
Dort "plant" Rot-Grün im Bereich ostwärts der Erlaaerstraße insgesamt etwa +900 Wohnungen.

Gesamtbeurteilung gibt´s keine, da sonst offensichtlich wäre, dass die Infrastruktur nicht da ist (Kindergärten, Schulen, Shoppen etc.) bzw die U6 dann außerhalb ihrer Kapazität ist.

Lösung Rot-Grün:
Da die Gesamtbeurteilung politischen Sprengstoff birgt, lassen die das halt weg, "bauen mal los" und sitzen die Sache aus - komme da was wolle und "der Bürger wird sich´s scho richten"

Re: Recht hat er!

Sind Sie dieser Bezirksvorsteher aus Wien 23? 900 Wohnungen, die U6 außerhalb ihrer Kapazität [sic!]?

Wenn dort dann 2000 Leute wohnen und die ALLE gleichzeitig mit der U6 fahren wollen, sind das die (eher locker belegten) Plätze von ca. 4 Zügen. In der ab Philadelphiabrücke ohnehin schütter besetzten U6.

Es ist eine stadtplanerische Sünde, dass diese Gegend an der U-Bahn so locker genutzt ist!

Re: Re: Recht hat er!

Da ist wohl jemand schon länger nicht U Bahn gefahren , und wenn doch dann wohl nicht zu den Hauptverkehrszeiten...

Re: Re: Recht hat er!

keine angst. dort wird noch alles früh genug zugebaut. wer sichs auch nur halbwegs leisten kann, verlässt diese stadt ohnehin.

Anregung an die Presse:

Lieber Presse-Redakteur,
wie wäre es mit einem moderierten Streitgespräch zwischen Herrn Seiß und dem Planungsdirektor des Magistrats Herrn Madreiter ?
Das gäbe vielleicht eine fruchtbare Auseinandersetzung, zumal ja beide Herren durchaus kompetetn und konfliktfähig sind und sich - zumindest aus früherer Zeit - kennen.
Gruß,
ZB

Re: Anregung an die Presse:

Glauben Sie ernsthaft, der Madreiter würde da mitspielen? Überhaupt jetzt nach seinem Aufsteig an die Rechte Gottes?

Der Artikel ist aber nicht zufällig...

...eine Grün - Werbung?

Re: Der Artikel ist aber nicht zufällig...

.. . oder Werbung für die Erste Bank ?

Die besten Voraussetzungen

Für die Olympiade von der Rot Grün träumt, um ihre mangelnden Fähigkeiten zu konservieren!

Ein Stadtplaner ohne Erfahrung in der Stadtplanung !

.
Ein typischer Absolvent der Fakultät für Architektur und Raumplanung der TU Wien, wo Trockenschwimmer Trockenschwimmer heranbilden.

Re: Ein Stadtplaner ohne Erfahrung in der Stadtplanung !

ja herr anton, das kann man ihnen ja nicht vorwerfen! :-)

"wer baut wien" hat mehr für wien geleistet als die ganze "famile" der investoren, parteien und baufirmen, die sich in dieser statt gegenseitig unser geld in die taschen schieben.
wenn eine universtität kritsches denken und eine analytische betrachtung vermitteln kann, dann seien uns deren absolventen auch als autorenund nicht nur als planer willkommen!

Re: Re: Ein Stadtplaner ohne Erfahrung in der Stadtplanung !

.
... und als Heißluftgebläse !

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Re: Re: Re: Ein Stadtplaner ohne Erfahrung in der Stadtplanung !

Sind Sie blind? Gehen Sie nie durch Wien? Monte Laa ist eine Katastrophe und erfüllt nicht einmal primitive gesetzliche Voraussetzungen wie Kinderspielplatz, öffentl. Anbindung etc.
Die Art der Plattenbebauung an der Donau ist schon aus rein klimatischen Gründen (Winde) ein Verbrechen, schon aus diesem Grund kein öffenlicher Raum! Von ästhetischen oder sozialen Aspekten ganz zu schweigen.
Die Lasallestrasse eine vertane Chance.
Von den hässlichen Dachausbauten gar nicht zu reden.

Re: Re: Re: Re: Ein Stadtplaner ohne Erfahrung in der Stadtplanung !

.
Der Befund hat umso mehr Gewicht, je mehr der Gutachter möglichst eigene Musterbeispiele vorlegen kann.

Man kann Kritiker ja auch kritisieren, ohne das Kritisierte zu loben, oder ? Und gerade bei Rudolf "Rudi" Schicker käme mir Lob nicht im entferntesten in den Sinn, dazu kenne ich sein "Wirken" zu genau.

Re: Ein Stadtplaner ohne Erfahrung in der Stadtplanung !

Aus Ihrer Reaktion kann man sehen dass bei Herrn Seiss viel Wahrheit drinsteckt, ja unliebsamen Kritikern und Journalisten wirfst man in Wien gern vor dass sie selbst nix geleistet haben.
"Nix geleistet fürs Vaterland, unediger Beil, nix geleistet" aus Karl Kraus - Ein Betrunkener in der Badner Bahn

Re: Re: Ein Stadtplaner ohne Erfahrung in der Stadtplanung !

.
Ich "werfe niemandem etwas vor", sondern stelle fest, dass der Autor keine Erfahrung in der Raum- und Städteplanung hat.

Re: Re: Re: Ein Stadtplaner ohne Erfahrung in der Stadtplanung !

Ihr Spruch ist das dümmste was ich bisher gelesen habe ! Nur weil man keine persönliche praktische Erfahrung hat, ist man automatisch nicht unwissend. Oder muß ein Soldat im Krieg gewesen sein um Soldat zu sein. Oder ein Profiler oder Polizist automatisch auch Verbrechen begehen ? Selbst ein Laie also ein normaler Bürger kann Stadtplanung als gut oder schlecht beurteilen wenn er in der Stadt lebt und die er beurteilt.

Re: Re: Re: Re: Ein Stadtplaner ohne Erfahrung in der Stadtplanung !

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Wie geschrieben : ein Trockenschwimmer !

Re: Re: Re: Ein Stadtplaner ohne Erfahrung in der Stadtplanung !

Wieso erinnern ihre Argumente so an die Banker, die auch nach der Lehmanpleite noch immer meinen niemand dürfe sie kritisieren und sich weiter ihre Boni auszahlen?

Re: Re: Re: Re: Ein Stadtplaner ohne Erfahrung in der Stadtplanung !

.
Das weiß ich nicht. Aber fabulieren ist immer leichter als tun.

 
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