Fechten wie im Mittelalter: Historisches Event in Wien

Dieses Wochenende findet in Wien Europas größtes historisches Fecht-Event statt. Der Sport, bei dem historische Gewänder getragen werden, boomt. An schlagenden Burschenschaften will man aber nicht anstreifen.

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(C) Dreynschlag

Wien. Sie tragen historische Kostüme, Ritterrüstungen oder improvisierte Fantasiegewänder und kreuzen ihre (stumpfen) Klingen. Dieses Wochenende findet im Wiener TGM in der Brigittenau das Dreynevent, Europas größte Veranstaltung für historisches Fechten, statt. 180 Sportler treffen sich hier, die Veranstaltung war binnen 15 Stunden ausverkauft. Der Name lässt zwar anderes vermuten, aber historisches Fechten ist ein junger Sport. Die Fechter versuchen, alte Techniken aus den Jahrhunderten 13 bis 19 möglichst realitätsgetreu zu rekonstruieren.

Europaweit sind derzeit etwa 4000 historische Fechter aktiv. „Den großen Zulauf beobachten wir seit dreieinhalb, vier Jahren“, sagt Martin Lauter vom Verein Dreynschlag/Die Liechtenauer Fechter. Er selbst ist seit drei Jahren Trainer, seit sieben Jahren betreibt er den Sport. Zuvor hat er Karate betrieben und war auf der Suche nach europäischem Kampfsport. „Und natürlich war da die Faszination der Geschichten von Robin Hood, Prinz Eisenherz oder der Sandalenfilme.“

Wie ihm geht es offenbar vielen Sportlern, der Zulauf zum historischen Fechten ist mittlerweile größer als jener zum modernen Sportfechten. In Wien, schätzt er, seien – Anfänger ausgenommen – etwa 200 historische Fechter aktiv, in ganz Österreich seien es rund 600. Der Verein Sportunion – Die Liechtenauer Fechter, der Veranstalter des Dreynevent, habe dabei eine Vorreiterrolle, er ist einer der ältesten Vereine der Sportart weltweit. In Österreich wird der Sport seit rund zehn Jahren professionell betrieben. In den USA, so Lauter, sei historisches Fechten schon viel weiter verbreitet. Schließlich sei dort das Reenactment, das Nachstellen historischer Ereignisse, schon lange beliebt.

 

50 Prozent sind Frauen

„Zu uns kommen Sportstudenten, Leute aus der Reenactment-Szene, Rollenspieler, historisch Interessierte wie Archäologie-Studenten oder Hobbysportler“, sagt Lauter. Die Akademikerquote sei hoch, die Frauenquote liegt bei mehr als 50 Prozent. Und bei vielen bleibt es nicht beim Fechten. Da die Tradition aus dem Mittelalter nicht ungebrochen überlebt hat, müssen alte Schriften studiert, übersetzt und interpretiert werden. Die durchwegs eher jungen Fechter publizieren zum Thema, erstellen Expertisen für die Hofjagd- und Rüstkammer im Kunsthistorischen oder für das Heeresgeschichtliche Museum.

Schließlich gehe es darum, die alten Techniken möglichst detailgetreu zu praktizieren. Und weil Fechten im Mittelalter nicht nur Schwertkampf, sondern jede Art des Zweikampfes bezeichnet hat, beinhaltet der Sport etwa auch den Kampf mit dem Dolch, mit Messer, Stange – oder waffenloses Ringen.

Vom studentischen Schlägerfechten, dem Sport der Burschenschaften, grenzen sich die historischen Fechter ab. „Wir wollen da nicht anstreifen, schließen Menschen aus Studentenverbindungen auch dezidiert aus“, sagt er. Und der Schmiss, die Narbe als Erkennungszeichen schlagender Burschenschafter, „der ist definitiv unerwünscht.“

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.dreynschlag.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2013)

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