Unternehmen: Der Kampf ums süße Wien

09.02.2013 | 18:21 |  von ERICH KOCINA (Die Presse)

Die Insolvenz von Niemetz hat gezeigt, dass auch traditionsreiche Unternehmen in Gefahr geraten können. Gerade auf dem Süßwarensektor sind in Wien nur mehr wenige der klassischen Unternehmen übrig.

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Die meisten Dinge lernt man erst zu schätzen, wenn man sie verloren hat. Oder auch schon, wenn man kurz davor steht, sie zu verlieren. Nicht anders ist es zu erklären, dass die Firma Niemetz in der vergangenen Woche einen regelrechten Ansturm erlebt hat. Da das Unternehmen Insolvenz anmelden musste, besannen sich die Wiener plötzlich darauf, wie gern sie Schwedenbomben schon immer gehabt haben – und kauften die Regale leer. Mehr noch, die Süßigkeit aus Eischnee und Schokolade wurde geradezu als elementarer Bestandteil der Wiener Identität erkannt.

Tatsächlich ist das in die Krise gerutschte Familienunternehmen einer der letzten traditionellen Wiener Süßwarenhersteller, die noch nicht zusperren mussten oder einem internationalen Konzern einverleibt wurden. Von den süßen Marken sind neben Niemetz nur mehr Manner und Heindl in österreichischer Hand. Immerhin, einige der süßen Wiener Klassiker haben trotz veränderter Besitzverhältnisse bis heute überlebt.

Das Wiener Zuckerl zum Beispiel, ein mit Fruchtmark gefülltes Bonbon in der charakteristischen blau-weißen rechteckigen Packung, gibt es heute noch. Die Firma dahinter allerdings schon lange nicht mehr. Die Heller Zuckerlfabrik, 1891 gegründet, war über Jahrzehnte ein fixer Bestandteil des Wiener Lebens. Mit ihren Fruchtkaramellen und Fondantbonbons hatten sich die Brüder Gustav und Wilhelm Heller sogar zu Hoflieferanten emporgearbeitet. Doch nach einer bewegten Geschichte, allem voran der Arisierung durch die Nationalsozialisten und dem Neustart nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde das Unternehmen 1971 verkauft. Zunächst an Victor Schmidt & Söhne – von dieser Firma wird später noch zu lesen sein. 1994 folgte ein Zwischenspiel bei Nestlé, ehe Heller im Jahr 2000 von Manner gekauft wurde. Das Wiener Zuckerl allerdings wird heute von Englhofer produziert – die Marke, zu der auch die Firn-Bonbons gehören, ist wiederum Teil des deutschen Süßwarenkonzerns Storck. Abgesehen vom Zuckerl bleibt aber noch eine weitere Erinnerung: Die 1899 erbaute Heller-Fabrik in der Favoritner Davidgasse wird derzeit zu einem Pflegewohnhaus umgebaut.


Nougatwürfel und Schnitten. Eine weitere Fabrik, in der einst Schokolade hergestellt wurde, befindet sich in der Simmeringer Geiselbergstraße. Heute residiert hier ein Businesscenter, früher wurden an dieser Stelle Schokolade und Konfekte von Victor Schmidt & Söhne gefertigt – bekanntestes Produkt ist der Nougatwürfel Ildefonso. 1995 ging das Unternehmen an den Schweizer Nestlé-Konzern – allerdings holte Manner im Jahr 2000 die Marke wieder nach Österreich. Nicht erst seit damals ist Manner der größte rein österreichische Süßwarenhersteller. Zu diesem wurde er schon 1970, als Manner mit den Marken Napoli (Dragee Keksi) und Casali (Schokobananen und Rum-Kokos-Kugeln) fusionierte.

Gerade die Manner-Fabrik in Hernals ist dann auch eine der wichtigsten Stationen für die heimische Süßwarenidentität – was auch mit dem Geruch zusammenhängt. Den richtigen Wind vorausgesetzt, kann man weit über die Wilhelminenstraße hinaus die Schokolade riechen. Abgesehen davon produziert das Unternehmen mit den Manner-Schnitten auch jene Süßware, die wohl am stärksten mit Wien in Verbindung gebracht wird.

Gestartet mit einem kleinen Geschäft am Stephansplatz, in dem Josef Manner 1890 Tafelschokoladen und Feigenkaffee verkaufte, ging es bald auf Expansionskurs. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der die Expansionspläne bremste, stellten schon mehr als 3000 Mitarbeiter in der Fabrik in Hernals Tafelschokolade, Schokoladenbonbons und „reinen Cacao“ her. Nach den Weltkriegen ging das Wachstum weiter. Den größten Coup landete man 1960 mit der aromasicheren Verpackung – die Doppelaluminiumfolie mit dem roten Aufreißfaden bescherte den Schnitten eine längere Haltbarkeit und Manner Rekordumsätze.

Stärker als der Denkmalschutz. Welchen großen Einfluss Manner auf Wien hat, wurde 2005 deutlich: Damals dachte das Bundesdenkmalamt darüber nach, die Manner-Fabrik unter Denkmalschutz zu stellen. Als Manner daraufhin mit Absiedlung drohte, folgte ein Aufschrei aus der Politik. Man könne doch, so der Tenor, ein so traditionsreiches Wiener Unternehmen nicht durch Denkmalschutz gefährden. Die Pläne waren schnell wieder vom Tisch. Doch trotz des hohen Renommees ist auch Manner nicht frei von Sorgen. Die hohen Rohstoffpreise bereiten Probleme, das Werk im oberösterreichischen Perg muss 2016 geschlossen werden – und zuletzt verließ mit Josef Manner, dem Enkel des Firmengründers, das letzte Familienmitglied den Vorstand des Konzerns.

Noch fest in der Hand der Familie ist der dritte rein österreichische Player auf dem Süßwarenmarkt: Die Heindl Confiserie, die unter anderem Sissi-Taler und Mozart-Herzen herstellt, wurde 1953 von Konditormeister Walter Heindl gegründet, 1987 wurde der Betrieb von seinen beiden Söhnen Walter und Andreas übernommen. Zuletzt erweiterte man das Werk in Liesing – unter anderem auch, um die Produktion von Pischinger einzugliedern. Das Traditionsunternehmen, das für Klassiker wie Oblatentorte und Mandel- bzw. Haselnussecken bekannt ist, hat man schon 2006 übernommen.

Zu kämpfen haben die heimischen Süßwarenunternehmen unter anderem auch damit, dass sie vor allem beim älteren Publikum punkten, die Jugend aber kaum erreichen. Manner zog daraus bereits Konsequenzen und nahm mit Produkten wie der „Pausenschnitte“ und den „Picknick Sticks“ eine jüngere Zielgruppe ins Visier. Und auch Niemetz wird aus den Ereignissen der vergangenen Tage wohl einiges gelernt haben. Dass nämlich Tradition allein kein Geschäft garantiert. Dass man aber mithilfe junger Medien wie des Internets schön auf der Traditionsklaviatur spielen kann. Aber auch, dass Menschen Dinge oft erst dann zu schätzen wissen, wenn sie zu verschwinden drohen.

Die Bombe im Internet

Schwedenbomben.Als Anfang Februar der Süßwarenhersteller Niemetz Insolvenzantrag stellte, entstand auf Facebook eine Initiative zur Rettung des Unternehmens. Bisher sind mehr als 40.000 Menschen beigetreten – und der Aufruf auf der Plattform, Schweden-bomben zu kaufen, bescherte Niemetz einen kurzfristigen Höhepunkt im Verkauf.

Unternehmen. Von den traditionsreichen Wiener Süßwarenherstellern sind nur noch Niemetz, Manner und Heindl in österreichischer Hand. Allerdings haben Heindl mit Pischinger und Manner mit Casali, Napoli, Victor Schmidt und Heller klassische Wiener Marken in ihr Sortiment aufgenommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2013)

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8 Kommentare

schwarz weiß

sollen auch zum Beispiel nur die hellen oder Dunkeln verkaufen ! ich würde zb mehr kaufen wenn ich nur die weisen in Karton bekommen würde

linksstaatliche abzocke und betriebliche auflagen (gesetze/verordnungen) im übermass bringen auch ehemals florierende unternehmen um.


Und wer produziert jetzt eigentlich

die Wiener Krachmandeln?
Die haben früher so herrlich nach gerösteten Mandeln und Karamel geschmeckt - jetzt schmeckt man nur noch Bittermandel-Aroma!
Grauslich!

Was wurde eigentlich aus ...

den "Schokli", das waren so kleine Zuckerln, linsenförmig, außen harte Schale mit Pfefferminzgeschmack, innen eine Schokoladehüllung. Gibt´s die noch bzw. wer hat die hergestellt - Manner vielleicht?

Die Insolvenz von Niemetz hat gezeigt, dass auch traditionsreiche Unternehmen in Gefahr geraten können.

Dieser Satz ist in meinen Augen eine Beleidung der Intelligenz der Leser. Gibt es irgendeinen plausiblen Grund warum traditionsreiche Unternehmen nicht in Schwierigkeiten geraten können? Eben.

das nahezu irre Verhalten der Wiener

macht mir Angst.

Das Unternehmen

wird nicht überleben, weil sie von den 3 Produkten alleine nicht mehr überleben können.

Erst recht nicht, wenn der Schuldenstand hoch, die Probleme groß und das Produktionssystem veraltet ist.

Schade um die Schwedenbombe.

Re: Das Unternehmen

doch geht schon!!!!!

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