Der Thonet-Sessel kehrt nach Wien zurück

22.02.2013 | 18:46 |  CHRISTINE IMLINGER (Die Presse)

Mitte April eröffnet im Stilwerk ein Thonet-Showroom. Die alte deutsch-wienerische Marke kehrt nach Jahren zurück. Ideen und Erfindergeist Michael Thonets sollen aufleben – auch dank junger, österreichischer Möbeldesigner.

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Wien. Sie gehören zu Wiens Kaffeehäusern wie die Melange. Und doch, seit mehr als zehn Jahren ist Thonet fast aus Wien verschwunden. Man konnte die Klassiker zwar kaufen, bei Prodomo oder bei Vartian, zum Beispiel. Einen eigenen Showroom oder gar einen Flagship-Store aber gab es in der Stadt seit Jahren nicht mehr. Demnächst ändert sich das, am 20.April eröffnet im Wiener Stilwerk am Donaukanal ein Thonet-Showroom auf 350 Quadratmetern.

 

Thonet ist nicht gleich Thonet

Ein Wiener Klassiker kommt damit zurück – wenn auch auf verschlungenen Umwegen. Zwar assoziiert man Thonet stets mit Wien, die Wurzeln liegen aber in Boppard am Rhein. Dort erfand Michael Thonet in seiner 1819 gegründeten Werkstatt neue Holzbiegetechniken und fertigte um 1830 erste Entwürfe aus gebogenem Schichtholz.

Fürst Metternich wurde auf Thonets Kunst aufmerksam, und weil dieser in seiner Heimat Schwierigkeiten mit Patenten hatte, kam er nach Wien und wirkte fortan maßgeblich an der Ausstattung herrschaftlicher Bauten mit – der Palais Liechtenstein und Schwarzenberg zum Beispiel. 1859 schließlich gelang Thonet mit dem „Nr. 14“, dem Kaffeehausstuhl, der Durchbruch in Richtung industrieller Fertigung. Erstmals wurden Stühle standardisiert und arbeitsteilig hergestellt – ein erster Schritt in Richtung Ikea, und Thonets Schlüssel zum Weltunternehmen: 60 Millionen Exemplare des Nr. 14 wurden bisher weltweit verkauft. Und die unzähligen Kopien sind da noch gar nicht eingerechnet.

Heute ist Thonet nicht gleich Thonet. Der österreichische und der deutsche Unternehmenszweig haben sich schon 1976 getrennt, 2001 wurde Thonet Vienna an den italienischen Möbelkonzern Poltrona Frau verkauft. In Italien, so sagt Claudia Uth, die bei Thonet Vienna heute für Vertrieb und Marketing verantwortlich ist, habe sich Thonet nicht durchgesetzt wie erwünscht, also hat Konzernchef Franco Moschini Thonet Vienna zuletzt von Poltrona gelöst, einen eigenen Betrieb gegründet und will nun Thonet als österreichische Marke zurückbringen.

Mit Thonet Deutschland, dem Betrieb am Stammsitz in Frankenberg, der noch von Michael Thonets Nachfahren geführt wird, hat der neue Thonet-Store aber nichts zu tun. „Es gibt viele Trittbrettfahrer“, sagt Percy Thonet dazu – er ist Nachfahre des Gründers in sechster Generation und für den österreichischen Markt zuständig.

 

Wiener Design zum Selbstbasteln

Thonet Vienna wiederum versucht nun dennoch, den Erfindergeist und die Innovationskraft des Michael Thonet aufleben zu lassen. Auch mit der Hilfe junger Wiener Designer, deren Arbeiten im Stilwerk zu sehen und zu kaufen sein sollen. Wobei es nicht das erste Mal passiert, dass heimische Designer mit den Klassikern arbeiten: Das junge Designtrio breadedEscalope hat vor anderthalb Jahren begonnen, mit gebogenem Holz zu arbeiten. Das ist bei Thonet (in diesem Fall Thonet Deutschland) aufgefallen, nun ist daraus die auf drei Jahre angelegte Kooperation „Democratic Furniture“ geworden: Es gehe darum, den Designprozess zu demokratisieren, Entwürfe frei zugänglich und mitgestaltbar zu machen, sodass jeder Tischler sie nachbauen kann. Oder dass eines Tages jeder Kunde leistbare und nachhaltige Thonet-Möbel basteln könne, erklären die Designer. Auch Thonet Deutschland kommt dafür zurück nach Österreich, eine eigene Entwicklungs- und Vertriebsorganisation ist angedacht. Schon bei der vergangenen Vienna Design Week haben breadedEscalope und Thonet Workshops unter dem Titel „Create your own Thonet“ veranstaltet, bei denen aus Ausschussteilen und Halberzeugnissen eigene Möbel gebastelt wurden.

Auch im Stilwerk soll kein Luxus-Shop entstehen, man wolle Stühle im „mittleren Preisgefüge“ verkaufen, so Uth. Der Czech-Stuhl werde etwa um 280 Euro zu haben sein, ebenso werde es eine günstigere Re-Edition des „Postsparkassen-Sessels“ von Otto Wagner, geben. Schließlich, so Uth, war Thonet einst kein Luxusgut. Der Nr.14 war einst um 2,80 Kronen zu haben – dem Wert von drei Dutzend Eiern. Heute erreichen Originale Preise von bis zu 800 Euro.

Die Klassiker werden freilich auch im Stilwerk als Re-Editionen zu kaufen sein. Und so ziehen vielleicht bald wieder echte Nr. 14 in Wiens Kaffeehäuser ein. Heute, sagt Uth, stünden diese bloß im Cafe Sperl und im Sacher. Die anderen seien größtenteils nachgemacht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2013)

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1 Kommentare
0 0

das glaube ich einfach nicht!

ein Erfinder soll nach Osterreich gekommen sein, weil er da Anerkennung und Unterstützung gefunden hat.

Da könnte ich religiös werden.

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