Zwei Väter für Lisa: Schwule Pflegeeltern in Wien

23.02.2013 | 18:37 |  von Eva Winroither (Die Presse)

In absehbarer Zeit sollen schwule und lesbische Paare Stiefkinder adoptieren dürfen. In Wien gehören homosexuelle Pflegeeltern seit 18 Jahren zum Alltag.

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Da ist dieses Kind, und es sieht aus, wie ein unauffälliges Kind im Alter von sechs Jahren eben auszusehen hat. Schlank, mit violett lackierten Fingernägeln, langen braunen Haaren und neugierigen Augen, wenn jemand zur Tür hereintritt. „Lisa“, stellt sie sich vor und reicht einem sofort die Hand.

Von ihren statistischen Eckdaten her gesehen ist Lisa, deren Namen geändert wurde, freilich alles andere als unauffällig. Sie kommt aus einer schwierigen Familie und wurde mit drei Jahren einer Pflegefamilie übergeben. Die beiden Männer, die sich seither um sie kümmern, stehen neben ihr: groß, gepflegt, mit kurzen Haaren, karierten Hemden und Fashion-Löchern in den Jeans. Lisas Pflegeväter Wolfgang A. und Thomas K. leben in einer schwulen Beziehung.

Am Dienstag dieser Woche hat ein Urteil des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofs für Aufsehen gesorgt. Ein lesbisches Paar aus Österreich hatte geklagt; es wollte durchsetzen, dass eine der Frauen das Kind der anderen adoptieren darf – und bekam recht. Nun will Justizministerin Beatrix Karl dieses Urteil so schnell wie möglich umsetzen. Das Adoptieren eines Kindes, das von keinem der Partner abstammt, bleibt aber weiterhin verboten.

In der Praxis gibt es dabei in Österreich schon längst homosexuelle Paare, die nicht leibliche Kinder aufziehen: Pflegeeltern. Schon vor 18 Jahren wurde in Wien das erste Mal ein Kind einem homosexuellen Paar so anvertraut. Mittlerweile gibt es auch homosexuelle Pflegeeltern in Oberösterreich, Tirol und der Steiermark. „Wir haben generell sehr gute Erfahrungen damit gemacht“, sagt Martina Reichl-Rossbacher, Leiterin des Referats für Adoptiv- und Pflegekinder der MA11.

„Gleichgeschlechtliche Eltern sind meist sehr wertschätzend dem Kind gegenüber und haben Verständnis, dass nicht alles im Leben glatt verlaufen kann“, sagt sie. Sie führt es darauf zurück, dass diese selbst erst Hürden bis zu ihrem Outing bewältigen mussten. Die Stadt Wien nimmt auch nur geoutete Personen an. Rund 50 bis 60 homosexuelle Pflegeeltern, sagt sie, gebe es in Wien derzeit. „Wir zählen das nicht.“ Mehr Frauen als Männer seien es aber, weil bei „Männern der Kinderwunsch oft nicht so da ist“. Österreichweit dürften es nicht viel mehr sein. In der Steiermark und Tirol ist laut Kinderorganisationen nur jeweils ein Paar bekannt.

Kaum Negatives. Für Wolfgang A., Lisas Pflegevater, war es „ein Herzenswunsch“, ein Kind aufzuziehen. Er hat vor drei Jahren die Pflege von Lisa als Single übernommen, eineinhalb Jahre später ist sein Lebensgefährte Thomas dazugekommen. „Natürlich hatten wir am Anfang viele Hürden zu überwinden“, sagt Wolfgang A., der als Stylist in Wien tätig ist. Dabei meint er weniger Ressentiments gegenüber seiner Homosexualität, sondern die Tatsache, dass Lisa ein verwahrlostes Kind war. Übergewichtig, schlecht entwickelt, unfähig, längere Zeit zu gehen. Jeden Morgen hat er deswegen mit ihr trainiert, Übungen gemacht, sie in den Sportunterricht geschickt. Später will ihr Thomas K. etwas Italienisch beibringen. Obwohl sie noch nicht in die Schule geht, kann sie lesen, sie macht jetzt regelmäßig Sport – von der schlimmen Zeit sind nur noch viel zu viele Zahnlücken optisch bemerkbar.

„Wir haben eigentlich nicht viel Negatives erlebt“, sagt Wolfgang A. Weder unter Freunden, im Kindergarten noch bei der Anmeldung zur Volksschule habe es Probleme gegeben. Vielleicht, weil sie auch in einem entsprechenden Umfeld leben. Das Patenkind von Thomas K. wächst ebenfalls bei schwulen Pflegeeltern auf, in den eigenen Familien sind sie geoutet, außerdem gibt es noch weitere Pflegekinder im großen Freundeskreis.

Wenn, dann sind es Feinheiten im Alltag, die sie stören. Kommentare einer Freundin, die sagt, dass ein Kind auch eine weibliche Bezugsperson braucht, zum Beispiel. „Gerade um weibliche Bezugspersonen mache ich mir aber keine Sorgen. Im Kindergarten und der Volksschule sind sehr viele Frauen“, sagt Thomas. Einzig in der Pubertät könne er sich vorstellen, dass eine Frau fehlt. „Dann werden wir Freundinnen oder meine Schwägerin zu Rate ziehen“, sagt Wolfgang A.

Für die sechsjährige Lisa scheint das Leben mit den beiden Männern jedenfalls völlig normal zu sein. Sie ist aufgeweckt und schmiegt sich zutraulich an die beiden. Vor allem an Wolfgang A., der ihre primäre Bezugsperson ist. „Daddy“ nennt sie ihn, Thomas ist „Tom“. Das passt so, findet der, weil er später dazugestoßen sei. Lisa selbst weiß, dass sie bei homosexuellen Pflegeeltern aufwächst. Die beiden Männer haben es ihr immer wieder erklärt. „Sie kennt es gar nicht anders.“ Nur einmal sei sie im Kindergarten darauf angesprochen worden. „Du hast ja gar keine Mama“, hat ein Junge gesagt. „Die wohnt nur woanders“, ist die Standardantwort, die sie darauf liefert. In ihrem Zimmer steht ein Bild von ihr mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern. Letztere trifft sie regelmäßig. „Uns ist wichtig, dass sie ihre Wurzeln kennt.“

Außer Konkurrenz.Das ist auch für Reichl-Rossbacher vom Jugendamt wichtig. Ihr sei aufgefallen, dass besonders homosexuelle Pflegeeltern den Kontakt mit den leiblichen Eltern forcieren. Diese wiederum hätten weniger Probleme mit homosexuellen als mit heterosexuellen Pflegeeltern, weil sie diese nicht als Konkurrenz sehen würden. „Das hat uns selbst überrascht“, sagt Reichl-Rossbacher. Es kämen auch nur Kinder zu Homosexuellen, deren Eltern nicht als konservativ gelten. „Man muss nicht etwas verschärfen.“

In der Praxis funktioniert das freilich etwas anders. Lisas leiblicher Vater, zu dem sie manchmal Kontakt hat, und ihre Geschwister wissen gar nicht, dass die beiden Männer schwul sind. Zumindest nicht offiziell. Weder die Geschwister noch der Vater hätten jemals nachgefragt. „Beim Vater hat unsere Betreuerin auch empfohlen, nichts zu sagen“, sagt A. Weil der Vater streng religiös erzogen wurde. „Sollte er es aber ansprechen, werden wir ihn nicht anlügen“, fügt Wolfgang A. hinzu. Es ist eine Grundhaltung, die die beiden für sich beschlossen haben. „Je weniger es thematisiert wird, desto normaler ist es.“

Pflegekind

Vor 18 Jahren wurde in Wien das erste Pflegekind einem homosexuellen Paar gegeben. Seit 2007 wird in der Bundeshauptstadt aktiv dafür Werbung gemacht.

50 bis 60 homosexuelle Pflegeeltern gibt es laut Jugendamt schätzungsweise in Wien. „Wir zählen das nicht“, sagt Martina Reichl-Rossbacher vom Jugendamt. Insgesamt gibt es 723 Pflegeeltern in der Bundeshauptstadt.

Drei bis sechs Monate dauert der Vorbereitungskurs für Pflegeeltern der MA 11 (Jugendamt). Weiters gibt es eine Eignungsbeurteilung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2013)

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5 Kommentare

...sehr gut...

besser zwei Schwule als saufende Prolos...

Re: ...sehr gut...

Fragen Sie doch einmal das Kind ob es nicht lieber Vater und Mutter hätte statt der Beiden .

Mangel an Pflegeeltern

Vor kurzem gab es in Wien eine Plakatkampagne, um Pflegeeltern zu finden. Daher scheint es weniger zu geben,als benötigt. Daher finde ich diese Lösung besser, als die Kinder in Heime oder betreutes Wohnen abzuschieben. In sehr vielen Fällen wird das Kind dort besser aufgehoben sein, auch wenn die Pflegeeltern schwul sind. Da wird , denke ich, dem Kindeswohl eher genüge getan
Aus gesellschaftspolitischen Gründen bin ich aber weiterhin gegen Adoption durch Schwule, in welcher Konstellation auch immer.

Generationenfolge

Dass Homos/Lespen u. U. auch liebevoll mit Kindern umgehen können, möchte ich nicht bestreiten, aber darum allein geht es nicht. Westliche Gesellschaften sind alle von demographischer Stagnation, wenn nicht Kollaps bedroht. In dieser Situation ist es fatal, Elternschaft beliebig zu machen. Vernünftig wäre es vielmehr, jene Verhältnisse in denen Leben entsteht (Mann/Frau), gesetzlich ganz besonders zu privilegieren, damit die für jede Gesellschaft essentielle Generationenfolge erhalten bleibt.
Auch wenn im konkreten Fall, die Entscheidung des EGMR durchaus akzepiert werden kann, ist ihre Verallgemeinerung als gesellschaftlicher Irrweg abzulehnen.

Re: Generationenfolge

?
Welches Privileg meinen sie denn? Die Abschaffung ist ja ohnehin nur als positive im Gespräch, sprich, es wird auf andere Lebensgemeinschaften ausgedehnt.
Was für einen Einfluss soll das auf die Generationenfolge haben?

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