20.000 Gutverdiener: Wo sind die Reichen im Gemeindebau?

22.03.2013 | 18:32 |  GEORG RENNER (Die Presse)

Vier Prozent der 500.000 Gemeindemieter verdienen monatlich mehr als 2050 Euro. In der Gesamtbevölkerung Wiens sind es zwölf Prozent.

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„Schauen Sie sich um“, erregt sich die alte Dame an der Müllinsel und zeichnet mit der freien Hand einen weiten Kreis im Innenhof des ältesten Gemeindebaus der Stadt. „Wenn sie reich wären – würden sie so wohnen?“ Stimmt schon, möchte man erwidern, ein Palast ist der Metzleinstaler Hof nicht, seines Zeichens der erste „echte“ Gemeindebau des Roten Wien in der Zwischenkriegszeit (dass die unspektakuläre Mareschsiedlung auf der Schmelz zwei Monate zuvor, im Oktober 1920, eröffnet wurde, übergeht die Stadt geflissentlich). Andererseits: Um 4,69 Euro pro Quadratmeter (der aktuelle Gemeindewohnungszins für Wohnungen der höchsten Kategorie) gibt es wohl auch üblere Quartiere als die 252 Wohnungen in der festungsartigen Anlage am oberen Margaretengürtel.

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Bei den Bewohnern des Metzleinstaler Hofes kommt die aktuelle Diskussion, ob „Reiche“ nicht mehr Miete für ihre Gemeindewohnungen zahlen sollten, nicht gut an: „Was ist denn zum Beispiel dann mit Zuwanderern, die vielleicht doch einen guten Job ergattern?“, fragt einer der Metzleinstaler. „Soll man die nicht eher unterstützen als für ihren Aufstieg bestrafen?“ Und außerdem müsse man zunächst einmal die schwierige Frage beantworten, was „reich“ denn genau bedeute. Insgesamt, befindet der Gemeindebaubewohner, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, wirke die ganze Diskussion wie eine Initiative der ÖVP, um SPÖ-Wählern im Gemeindebau „eins auszuwischen“: „Das wird die Schwarzen in Wien noch etliche Stinmen kosten.“

Das ist eine Perspektive – die dadurch relativiert wird, dass etwa die Familie dieses Gemeindemieters „seit fast 100 Jahren“ im Metzleinsdorfer Hof wohnt, die Wohnung wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Sein eigenes Gehalt hat demnach nie eine Rolle gespielt: Denn ob jemand sozial einer Gemeindewohnung bedarf, wird nur bei der ersten Vormerkung überprüft – derzeit heißt das etwa, dass ein Interessentenpaar im Jahr nicht mehr als 62.960 Euro netto (!) verdient und Bedarf nach einer eigenen Wohnung hat.

 

Keineswegs nur Bedürftige

Steigt das Einkommen in der Folge oder übernehmen Nachkommen die Wohnung, bleibt der Vertrag mit der Stadt Wien unverändert. Mit dem Effekt, dass in den Gemeindebauten heute – das sind rund 220.000 Wohnungen, in denen 500.000 Menschen leben, die letzte solche Anlage wurde 2004 in der Liesinger Rößlergasse fertiggestellt – keineswegs nur Bedürftige leben, die sich keine Wohnung auf dem freien Markt leisten könnten.

Eine Ifes-Studie, die im Auftrag der Stadt 2006 unter anderem auch die sozioökonomische Struktur der Gemeindebaubewohner erfasst hat, kam etwa zu dem Schluss, dass 14 Prozent der Mieter dort über ein monatliches Nettoeinkommen von mehr als 1550 Euro verfügen – gerechnet auf ihre Gesamtmenge sind das mehr als 70.000 Menschen. Immer noch vier Prozent – rund 20.000 Gemeindebaumieter – verdienen pro Kopf und Monat sogar mehr als 2050 Euro netto.

„Im Vergleich mit der Wiener Gesamtbevölkerung hat der Gemeindebaumieter aber durchschnittlich ein niedrigeres Einkommen, niedrigere Bildungsabschlüsse und eine niedrigere Erwerbstätigkeitsquote“, stellt Politikwissenschaftlerin Sieglinde Rosenberger von der Uni Wien fest, die 2012 ein Forschungsprojekt zu Gemeindebauten geleitet hat: Das sei eben die Folge davon, dass die Zugangskriterien zu Gemeindewohnungen an soziale Bedürftigkeit gebunden sind. So etwa zählen im Gemeindebau nur vier Prozent zu den „Bestverdienern“, die ein Pro-Kopf-Einkommen von mehr als 2050 Euro verzeichnen: In der Gesamtbevölkerung Wiens sind es zwölf Prozent.

Untersucht wurde übrigens auch das Wahlverhalten ausgewählter Gemeindebauten. Das Ergebnis: In seinen historischen Bastionen lebt das „Rote Wien“: Satte 56 Prozent wählten hier bei der Gemeinderatswahl 2010 SPÖ (Wien: 44), 28 FPÖ (26) – die ÖVP existiert hier mit sechs Prozent (14 in ganz Wien) nur als Randerscheinung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.03.2013)

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104 Kommentare
 
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im gemeindebau

wohnen auch Piloten. na und?

besser bißchen Durchmischung als nur Ghetto

Ist eh nicht so schlecht wenn nicht NUR die armen unter sich bleiben, ein bißchen Durchmischung ist durchaus positiv (4%?..geh bitte).

Einfach mehr bauen!!!

Wozu gibt es eine Wiener ÖVP?

Spindelegger behauptet etwas von "Reiche im Gemeindebau" wovon die ÖVP in Wien noch gar nichts gehört hat.

Wir dürfen gespannt sein, welche Maßnahmen Spindelegger nun ergreifen wird. Bisher blieb es immer bei seinen Ankündigungen. Immer mehr Menschen meinen: "Er produziert nur warme Luft". - Aber das kann sich ändern.

Es sollte jedem möglich sein, sein Heim zu erwerben!

. . . Genossenschaften sollten dem Bedarf entsprechend auch Standard-Wohnanlagen schaffen, der Sozialstaat sollte die Wohnungen kreditieren, wobei die Rückzahlung mit 30% des Einkommens zu deckeln wären.

Es ist halt wichtig - wie so oft im öffentlichen Bereich - dass man jemanden kennt, der jemanden kennt

Dann brauchts auch keine Vormerkung oder Wartezeit. Das ist sowieso nur was für Nebochanten und jene die an Gerechtigkeit glauben.

Was glauben Sie, p.t. LeserIn wo viele Kinder der Spitzenfunktionäre von SP und Gewerkschaft mit ihren netto 3000+ Einkommen wohnen? Sie würden staunen wie schnell die zu Ihren sozial geförderten Wohnungen gekommen sind.

Sozial gerecht müssen bei der SP vor allem die anderen sein. Genauso wie die Leistungsträger nur bei der VP zu finden sind oder die Anständigen an sich nur in der FP.

Unsere Politik und deren Auswirkung ist einfach hint und vorn vollkommen verrottet und verlogen. Schei...system in Österreich.

Wählen Sie nächstes Mal anders. Egal was, verfahrener kann es nicht werden.

Wer es noch nicht weiß:

Die SPÖ kämpft für eine gerechtere Welt.

Gerechter ist: Wenn Parteigünstlinge bei der ÖBB ab 50 in Pension gehen können, Leute in der Privatwirtschaft bis 65 oder länger arbeiten müssen.

Höhere Steuern auf Energie und Treibstoffe sind "gerechter"(SPÖ), die ÖVP sagt dazu "ökologischer". Seit wir nun gerechtere und ökologischere Preise zahlen geht es der Umwelt und uns allen gleich viel besser; - oder?

Und schon ist die Erderwärmung gestoppt und wir müssen Ende März noch heizen.....

Wer kann überhaupt ein Kassabuch führen,

geschweige denn die einfachsten Grundlagen der Buchhaltung ("Gewinne!!!") im Kopf bearbeiten? Vermögen von Einkommen auseinander halten, sparen von einnehmen...

Mit solchen Leuten können die Politiker schmähführen - und die Medien Geschäft machen. Und die Banken auch.

Häupl

Ersuche um dringende Aufklärung: Wohnt Bm Häupl nicht auch im Gemeindebau ( und nimmt Bedürftigen einen Platz weg).

Wenn ja, wie groß ist die Wohnung ( er ist ja solo) und was zählt er??? Vielleicht eine kleine Pilz Nachfolge in der Diskussion.

Übrigens, ist der grüne Vorzeigedemokrat in diesem Fall schon ziemlich lange auf Tauchstation und die rot gefärbte Journaille verdächtig ruhig (ORF etc.)

Re: Häupl

ich glaube zu wissen, Häupl ist verheiratet

Re: Häupl

ich glaube zu wissen, Häupl ist verheiratet

Re: Re: Häupl

:- ) sehr gut und wie oft wissen sie auch?

Re: Häupl

Wahrscheinlich

HOCHGEFÖRDERTER GENOSSEN(schafts)BAU!

Bei dem Einkommen, das man haben darf,

kann von sozialer Bedürftigkeit als Voraussetzung keine Rede sein. Wenn man beispielsweise als Einzelperson 3000 netto verdient, kann man - wenn ein Vormerkgrund vorhanden ist - um eine Gemeindewohnung ansuchen. Das ganze Vergabesystem wäre meiner Meinung nach zu überdenken. Jemand, der nur 1000 netto verdient und keinen der Vormerkgründe erfüllt, bekommt keine Gemeindewohnung. Ist das sozial?

Bin dafür den "Reichen" die Pendlerpauschale zu streichen.

Wer gut verdient, und freiwillig nach Ebreichsdorf, Mödling, Hinterbrühl oder Klosterneuburg zieht, kann sich die Fahrt in die Arbeit auch selbst zahlen.

Re: Bin dafür den "Reichen" die Pendlerpauschale zu streichen.

Na Sie sind ja ein Radikaler.

Auch wenn Sie recht haben. Das dürfen Sie ja nicht sagen. Sonst geht ja die Illusion der sozialen Gerechtigkeit verloren.

Und: Wie kämen denn sonst die Besserverdienenden subventioniert mit Ihren SUVs und Mittelklasselimousinen zu den von den Speckgürtelgemeinden geförderten Einfamilienhäuser?

Diese sozialen Härten müssen unbedingt abgefedert werden: Die Strapazen des täglichen Einpendelns, die Schikanen durch die Parkbeschränkungen, der Terror der Ölmultis.

Sie sind ein Defätist!


Das kennen wir doch alles schon!

"Die Reichen" sollen für ihr Sparbuch zahlen" verlangte die SPÖ. Wenig später waren wir alle "reich" und zahlen seither für unser bereits versteuertes Geld noch einmal 25% KEST.

Re: Das kennen wir doch alles schon!

Die Pendlerpauschale gehört sowieso abgeschafft.

Der völlig falsche Weg!

SPÖ+ÖVP erfinden immer wieder neue Gesetze und Vorschriften womit sie möglichst viele Parteigünstlinge in der Verwaltung beschäftigen können.

Dazu zählt auch die Pendlerpauschale.

Ein weiteres Beispiel: Vor Jahren benötigte man in NÖ für die Wohnbauförderung 4 Seiten. Derzeit sind es etwa 70 Seiten und es werden jedes Jahr mehr. Nur logisch, dass man für den gestiegenen Verwaltungsaufwand auch mehr Personal benötigt.

naja...

...wenn es nur so wenige sind - dann kann man ja nichts dagenen haben, dass man das auch umsetzt ;-)))))

...aber ich denke mal, da wird hier sehr geschickt mit zahlen herumgespielt (mal nachdenken beim durchlesen!), um das jeweils gewünschte bild zu erzeugen...

Ich fänds absurd, wenn ...

... bei Überschreitung des Maximalverdiensts ein automatischer Verlust der Gemeindewohnung verordnet würde. Besser eine Erhöhung der Miete. Denn ansonsten verkämen Gemeindebauten zu reinen Armen-Ghettos.
Soziale Durchmischung ist eines jener Rezepte, die den Frieden zwischen versch. sozialen Schichten erhält.

"im Jahr nicht mehr als 62.960 Euro netto (!) verdient "

Da gehört man ganz schnell zu den sozial Schwachen, die da immer wieder mißbräuchlich zitiert werden.
Eine Sauerei ist das, und einer wie der Grünpilz findet gar nichts dabei.

Eine Frechheit!

"Steigt das Einkommen in der Folge oder übernehmen Nachkommen die Wohnung, bleibt der Vertrag mit der Stadt Wien unverändert."

Das ist eine Riesenfrechheit! Bei der Wohnbauförderung wird alle 5 Jahre überprüft, ob man noch ein Recht darauf hat. Wieso hier nicht?

Mich wundert es nicht, dass man in Wien jahrelang auf eine Gemeindewohnung wartet, obwohl man sämtliche Kriterien erfüllt, wenn lauter Menschen da wohnen, die eigentlich gar kein Recht auf eine Gemeindewohnung hätten.

Wenn man das so beibehalten möchte, ok - aber dann müssen auch wieder neue Gemeindewohnungen für wirklich Bedürftige gebaut werden und nicht nur Genossenschaftswohnungen, für die man Eigenmittel hinblättern muss. Man braucht ja nur mal auf die Website des Wohnservice Wien schauen, wo man sich für Genossenschaftswohnungen voranmelden kann. Unter 10000 EUR an Eigenmitteln findet sich da gar nichts außer den Wiedervermietungen, für die es aber nur 10 Wartelistenplätze gibt.

Als ich noch in Wien wohnte, stand ich auf allen möglichen Wartenlisten, flog aber aufgrund der hohen Anzahl an Anmeldungen auch oft wieder heraus. Bis eine passende Wohnung parat gewesen wäre, hätte es Jahre gedauert. So lange wollte ich nicht waren, deshalb bin ich dann letztendlich nach Niederösterreich gezogen - in eine privat vermietete Wohnung.

Re: Eine Frechheit!

übernimmt ein nachkomme eine wohnung erspart er sich lediglich eigenmittel, die JEDER mieter bei bezug einer neuen gemeindewohnung bezahlen muss!!
mieten werden jedes jahr erhöht. kostete beispielsweise eine 60 m2 wohnung einst knapp 2000 ös muss man heute dafür über 400 € hinblättern, egal ob nachkomme oder nicht.

wo ist da jetzt bitte die frechheit?

Re: Re: Eine Frechheit!

Sorry, vergleichen Sie mal die Preise mit dem freien Markt: 400 EUR Miete für 60 qm sind ein absolutes Schnäppchen. Was erwarten Sie denn - Gratiswohnen? Auch Gemeindebaumieter müssen Miete bezahlen, aber vergleichsweise wenig.

Ich habe 2003 in Wien Margareten für 44 qm (Altbau, Einzimmerwohnung ohne Balkon etc, und mit Kochnische) 600 EUR bezahlt. Bald darauf bin ich aus Wien weggezogen, weil mir Wien auf Dauer einfach zu teuer geworden ist. Selbst mit der Jahreskarte für die Öffis bin ich jetzt günstiger dran.

Würde ich mir heute eine Genossenschaftswohnung in Wien nehmen, müsste ich für eine Neubauwohnung mind. 10000 EUR Eigenmittel hinblättern + einer Miete von mind. 700 EUR (für zwei bis drei Zimmer, in etwa 70 qm). Und das nennt sich Sozialwohnung? Das ist ein schlechter Scherz!

Re: Re: Re: Eine Frechheit!

eine bekannte hatte für 1 untermietzimmer!!! mit badbenützung vor vielen, vielen jahren in der quellenstrasse bereits 600 ATS/miete bezahlt.

ältere genossenschaftswohnungen sind zum teil sogar kostengünstiger als gemeindewohnungen und auch ohne ablöse zu haben! man muss nur bekanntgeben, was man sich vorstellt und auch leisten könnte.

wer auf neu pocht muss auch mehr bezahlen.


Die richtige Frage wäre:


Wieviele gibt es überhaupt, die über 2050 Euro im Monat verdienen!


 
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