Muss Wien stärker gebremst werden?

Stadträtin Maria Vassilakou will noch mehr 30er-Zonen – die durchschnittliche Geschwindigkeit für Autos liegt schon heute darunter. Trotzdem ist nur die U-Bahn schneller.

Stau in Wien
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Stau in Wien
Stau in Wien – Clemens Fabry

Wien. Die jährlich wiederkehrenden Versuche zur Entschleunigung des Wiener Straßenverkehrs machen wieder die Runde. Planungs- und Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou fordert via ORF die lückenlose Ausweitung von Tempo-30-Zonen auf alle Wohngebiete. Bereits zur Wochenmitte hatte sich der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) für diese Idee starkgemacht. Doch ist das Potenzial dafür überhaupt noch da?

Seit Ende der 1980er-Jahre drücken Stadtregierung und (fast alle) Bezirke kräftig auf die Bremse. Die Grafik zeigt es deutlich: Das gelernte Tempo 50 im Ortsgebiet ist längst die seltene Ausnahme, nicht mehr die Regel. Letzte Trutzburg der alten Schule ist das noble Döbling mit seinem betont autofreundlichen Bezirksvorsteher Adi Tiller (ÖVP). Straßen, auf denen Tempo 30 gilt, sind selten. Insgesamt jedoch heißt es in Wien inzwischen auf zwei Drittel der insgesamt 2800 Straßenkilometer: runter vom Gas. Davon ausgenommen sind eigentlich nur für den Durchzugsverkehr wichtige Verbindungen mit entsprechend hohem Verkehrsaufkommen.

Tatsächlich ist es eine gern von Umweltschützern verwendete Mär, dass niedrigere Geschwindigkeiten die Kapazität von Straßen automatisch erhöhen. „Tempo 30 ist jedenfalls geringer als jene Geschwindigkeit, mit der man auf einer Straße im Ortsgebiet den höchsten Fahrzeugdurchsatz erreicht“, sagt Dietmar Bauer, der sich am Austrian Institute of Technology (AIT) mit der Optimierung von Verkehrssystemen beschäftigt. Jene Geschwindigkeit, bei der auf einer Straße möglichst viele Fahrzeuge möglichst schnell vorankommen, hängt jedoch von derart vielen Faktoren ab, dass es das „ideale“ Tempolimit für eine ganze Stadt nicht gibt. Laut Bauer spielen u.a. Verkehrsdichte, die Zahl der Fahrstreifen, die Fahrstreifenbreite, Steigung/Gefälle und vor allem das Wetter eine Rolle. Er sagt allerdings auch: „Tempo-30-Zonen nutzen vor allem den Anrainern.“

Messungen zeigen, dass an stark befahrenen Straßen Verbesserungen um zwei bis drei Dezibel möglich sind. Angesichts von Belastungen um 75 Dezibel ist das objektiv wenig, subjektiv nimmt das menschliche Gehör auf diesem Lärmniveau entsprechende Verringerungen aber als deutliche Entlastung wahr.

 

Vorteil: Bessere Luft

Die Vorteile für Anrainer gehen – günstige Ampelschaltungen vorausgesetzt – noch weiter. Bei Tempo 30 verringert sich auch die Schadstoffbelastung deutlich. In Österreich ist das vor allem wegen des hohen Anteils an Dieselfahrzeugen relevant, die ein Problem mit dem Ausstoß von Stickstoffoxiden haben. Bei niedrigen Geschwindigkeiten (also weniger Last) werden die Motoren weniger warm und blasen weniger NOxaus. Der Feinstaubausstoß verringert sich – wenn nicht ohnedies ein Partikelfilter vorhanden ist – zwar nur geringfügig, allerdings wird auch weniger Staub von der Straße aufgewirbelt.

Trotzdem sind Wiens Bezirksvorsteher skeptisch, ob eine weitere Ausdehnung der Tempo-30-Zonen überhaupt sinnvoll ist. Raum dafür – siehe Grafik – gibt es aber ohnehin nicht mehr viel.

Die durchschnittliche Geschwindigkeit von Autos in Wien liegt zudem ohnehin schon darunter. 25 km/h klingen nach wenig, sind im Vergleich zu vielen anderen Verkehrsmitteln aber immer noch besser, als es die öffentliche Diskussion über Dauerstau, Baustellendschungel und Verkehrsinfarkt vermuten lässt. Mit 32 km/h noch schneller ist in der Stadt nämlich nur die U-Bahn. Auf den Plätzen: Bus (18 km/h), Straßenbahn (16 km/h), Rad (15 km/h) und die eigenen Beine (2,1 km/h).

 

Radfahrer auf den Ring?

Schnelle Radfahrer sollen künftig übrigens noch schneller fahren können. Die MA46 (Verkehrsorganisation) prüft derzeit, ob es sinnvoll ist, die Benützungspflicht für den Ring-Radweg aufzuheben und Radfahrern die Benutzung der Fahrbahn zu gestatten. Verkehrsstadträtin Vassilakou war schon einmal für diese Idee. Sie betont allerdings, dass sie sich bei der Umsetzung strikt an die Vorschläge der Experten halten werde.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2013)

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