Ein Ballhaus ist hundert – und jung wie nie

Paartanz für jedermann gab es früher überall. Clärchens Ballhaus in Berlin hat den Krieg, die DDR und die Wende überlebt. Nächsten Freitag feiert es Geburtstag. Bei Hochbetrieb, denn es es beliebter denn je.

Woher kommt der Glanz? Die Tanzfläche ist voll, die Paare wiegen und schieben sich im Takt des Tangos. Manche können das, viele weniger, aber alle fügen sich lächelnd der sanften Macht der Klänge. Langsam – langsam, schnell – schnell – langsam? Der Parkettboden, über den sie gleiten, ist abgewetzt. An den Wänden, über der Holztäfelung, hängen lange, silberne Lamettafäden, durchsetzt von knallbunten Neonröhren. Flinke Kellner im Gilet bringen Bier und Sekt an die langen Holztische.

Es gibt hier würdige Witwen und amüsierte Studenten, Arme und Reiche, Berliner und staunende Fremde. Der ruhige Abend wird zur rauschenden Nacht, auf halbem Weg zwischen Etikette und Ekstase, Opernball und Feuerwehrfest. Das ist Clärchens Ballhaus. Und der Glanz? Er kommt aus den Augen der Gäste.

Hunderte Ballhäuser gab es zur Kaiserzeit in Berlin, nur eines wird hundert: Kommenden Freitag feiert Clärchens Geburtstag, die ganze Woche darf gefeiert werden. Das Etablissement hat Nazis, Krieg und Kommunismus überlebt. Es wirkt wie aus der Zeit gefallen und hat doch mehr Zukunft als Vergangenheit. In einem Ballhaus steht der gepflegte Paartanz im Mittelpunkt. Bei Clärchens wird alles gespielt: Nostalgisches, Schlager und Rock, aus der Konserve und von der Kapelle.

Schnitzel, Sekt und Disco. Das Rahmenprogramm: Schnitzel unter alten Bäumen im Vorgarten, viel trinken und Freistildisco zum Ausklang. Jederist willkommen. Wie beim Heurigen oder im Biergarten sind soziale Grenzen aufgehoben. Doch von der Institution Ballhaus, früher in ganz Europa verbreitet, bleiben nur wenige Relikte.Auch Clärchen hätte es fast erwischt. „Es hing am seidenen Faden“, erinnert sich Betreiber David Regehr an 2004, als er mit Kompagnon Christian Schulz die desolate Immobilie im schicken Scheunenviertel inMitte mietete. Seit der Wende war es bergab gegangen. Am Ende hatte der Laden nur noch an zwei Abenden der Woche geöffnet und stand am Rande der Pleite.

Die beiden Theaterleute aus München, heute Anfang 40, stürzten sich „leichtsinnig“ in das Abenteuer – und machten doch instinktiv alles richtig: Statt die „rüstige Greisin mit den vielen Falten im Gesicht“ einer entstellenden Schönheitsoperation zu unterziehen, renovierten sie nur das Nötigste. Sie beließen dem Haus seine Patina und der grauen Fassade ihren bröckelnden Putz. Dennoch wehte ein neuer Wind. Und dann geschah, worüber die Pächter „selbst nur staunen“ können: Plötzlich war das nostalgische Ballhaus in aller Munde, stand bald in jedem Reiseführer und gehört heute zum Fixprogramm vieler Berlin-Touristen.

„Ohne die alte Mannschaft hätten wir das nicht geschafft“, räumt Regehr demütig ein. Familie Schmidtke ist die Seele des Hauses. Ihr Anführer Günter ist 79, ein Original mit Zwirbelbart und Berliner Schnauze. Seit 1967 arbeitet er hier als Garderobier. „Kindchen, wenn du willst, quatsch' ich dir dein ganzes Heft voll.“ Was hat er nicht alles erlebt! Das „strenge Regiment“ des alten Clärchens, der namengebenden Wirtin. Die DDR-Mädchen, die mit „Petticoats, Handtaschen und hochhackigen Schuhen“ warteten, bis sie ein Bauarbeiter im sauber geflickten Anzug mit einem höflichen „Darf ich bitten?“ erlöste. Die Stasi-Spitzel, die das Treiben in dem systemfremden „privatkapitalistischen“ Betrieb bei Cola-Selters an der Bar misstrauisch beäugten.

Exotik fürs Partyvolk. Mit Schaudern erinnert sich Schmidtke an das Musikdiktat der SED-Diktatur: 70 Prozent der Beschallung mussten Ostschlager sein. Oft genug endete das Tanzvergnügen mit Raufereien. Aber die Polizei erfuhr nichts davon: „Das haben wir selbst geregelt.“ Dafür stimmte die Adjustierung: „Ohne Schlips oder ohne Strümpfe kam niemand durch die Tür.“ Doch die Zeiten ändern sich. Clärchens Ballhaus ist heute auch bei jungen Partytouristen beliebt. Die stehen sonst mitten in der Nacht vor riesigen Clubs wie dem Berghain stundenlang Schlange, davor zitternd, dass der Türsteher sie mangels Coolness und Style gnadenlos aussiebt. Sie tanzen zu hämmernden Techno-Rhythmen – allein, irgendwie, aber sicher nicht Hand in Hand. Und dann kommen sie, einem schrägen Einfall folgend, auch einmal in das Ballhaus – und staunen, weil man hier schon um zehn Uhr abends tanzt, unter noch schwachem Einfluss von Alkohol und ohne Drogen.

Auch für Wien? Der stets korrekt gewandete Schmidtke klagt über das neue Publikum: „Wie die aussehen!“ Vor Kurzem hat da ein Spanier Tango getanzt, „in Gummilatschen, kurzen Hosen und behaart wie ein Gorilla“. Die Mädchen tragen „statt Handtaschen Rucksäcke, als wollten sie zum Camping“. Aber natürlich freut er sich, dass endlich wieder „der Deibel los ist“. Lang sind die Nächte bei Clärchens geworden.Am Wochenende, wenn Schmidtke die Garderobe macht, ist erst um sechs Uhr früh Schluss.

Zu Hause noch „Kreuzworträtsel, Kamillentee und zwei Kekse“, dann nur fünf Stunden Schlaf: „Ich hab nicht mehr viel Zeit, die verpenn ich doch nicht.“ Schmidtke ist Witwer, seine Frau arbeitete auch im Ballhaus. „58Jahre waren wir verheiratet, ich brauch keine mehr.“ Dabei war er immer ein großer Freund der Frauen: „Jede ist schön, auf ihre Weise – eine Geste, ein Zug im Gesicht.“ Man muss sie nur mit einem galanten Spruch zum Lächeln bringen. Und das kann er, bis heute.

Seine Tochter Ilka managt den prächtigen Spiegelsaal im ersten Stock, Enkel Max hilft in der Garderobe. Die Betreiber bringen derweil Menschen anderswo zum Tanzen. „Vor zwei Jahren“, erzählt Regehr, „waren wir drauf und dran, das Wiener Moulin Rouge zu übernehmen.“ Gern würden sie niedrigschwellige Tanzlokale zum Trend machen: „Das kann man nicht designen.“ Es braucht das Ambiente, das ein wenig billig wirkt und doch „sehr kostbar“ ist. Und so wird alle Welt weiter zu Clärchens Ballhaus pilgern – vielleicht für noch einmal hundert Jahre.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2013)

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