Sichtachsen: Wie Wien den freien Blick schützt

''Wien, vom Belvedere aus gesehen''. Gemälde von Canaletto, 1758.
''Wien, vom Belvedere aus gesehen''. Gemälde von Canaletto, 1758.APA
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Vielen Hochhausprojekten gehen intensive Diskussionen voraus, ob der Neubau nicht den Blick auf die Innenstadt beeinträchtige. Wie Wien seine Sichtachsen zu schützen versucht.

Wien. Viel wird derzeit über sie geredet, weil zwei von ihnen durch geplante Neubauten als gefährdet gelten: die historischen Sichtachsen in Wien. Derer hat Wien einige, die meisten dieser Blickachsen führen von historischen Punkten (etwa Gloriette, Riesenrad) auf das Zentrum Wiens, den Stephansdom.

Die wohl berühmteste dieser Sichtachsen ist jene vom Schloss Belvedere auf die Innenstadt, die der Maler Bernardo Bellotto unter seinem Künstlernamen Canaletto um 1760 in einem Gemälde verewigt hat. Ebendieser Canaletto-Blick gilt durch den geplanten 73 Meter hohen Wohnturm auf dem Heumarkt-Areal („Die Presse" berichtete) als gefährdet.

Ebenfalls beeinträchtigt könnte eine weitere Sichtachse von der Josefstadt auf den Stephansdom sein, wenn jenes Büro- und Geschäftsgebäude errichtet wird, das in der Rathausstraße 1 am Standort des ehemaligen Rechenzentrums der Stadt entstehen soll.

Weil „schöne Aussicht" aber ein eher schwierig zu definierender Begriff ist, hat sich die Stadt Wien in jüngerer Vergangenheit daran gemacht, genau festzulegen, welche Sichtachsen nun tatsächlich schützenswert sind. In einer Beilage zu den städtebaulichen Leitlinien zum Hochhausbau in Wien hat der Gemeinderat im Wesentlichen zwei Typen festgelegt, die nicht beeinträchtigt werden sollen:

  • erstens den Ausblick von erhöhten Aussichtspunkten (wie dem Kahlenberg oder dem Donauturm, siehe Grafik unten). Nicht alle haben übrigens eine lange Geschichte: Mit dem Blick vom Donauturm, der in den frühen 1960ern gebaut wurde, gilt auch eine relativ junge Sichtachse als schützenswert.
  • Und zweitens sind auch „Stadtveduten" schützenswert, historische Anblicke Wiens, wie sie sich von historischen Bauten - etwa vom Belvedere aus - bieten.

Jurys beraten über Widmung

Unmittelbare Konsequenzen für Bauherren in diesen Sichtachsen sollte deren Schutz aber nicht haben - er muss vielmehr bereits im Widmungsverfahren beachtet werden, wenn Expertenjurys entscheiden, für welche Höhe bestimmte Baugebiete freigegeben würden. „Es geht darum, dass besondere Eigenheiten der Blickbeziehung in den Gebieten beibehalten werden", sagt Franz Kobermaier, Leiter der MA 19 für Architektur und Stadtgestaltung. Ein Beispiel sei etwa der Bau des Sofitel am Donaukanal - dieser Grund steht unmittelbar in der Sichtachse von der Reichsbrücke auf die Innenstadt mit Stephansdom; wäre hier ein höherer Hotelturm als das letztlich errichtete Gebäude gebaut worden, wäre die „Blickbeziehung" der Sichtachse gestört worden. Die Abwägung obliege im Einzelfall Jurys, die zumindest zur Hälfte aus Experten wie Architekten und Beamten der Stadt Wien bestehen.

Wirklich intensiv geführt wird die Debatte um die historischen Sichtachsen in Wien - auch wenn sie schon davor Thema waren, etwa beim umstrittenen Bau des Hotels Intercontinental Anfang der 1960er - seit der Neugestaltung des Bahnhofs Wien-Mitte. Der ursprüngliche Plan des renommierten Architekten Laurids Ortner (dem Wien auch das Museumsquartier zu verdanken hat) Anfang der 1990er sah mehrere Bürotürme vor - der höchste war mit 97 Metern Höhe geplant.

Hochhäuser am Rande der historischen Innenstadt, die noch dazu den Canaletto-Blick beeinträchtigen würden - das rief nicht nur Bürgerinitiativen, sondern schließlich auch die Unesco auf den Plan, die der Innenstadt im Jahr 2001 den Status „Weltkulturerbe" verliehen hatte. 2002 war deswegen sogar der Direktor des Unesco-Welterbekomitees in Wien zu Gast, um sich ein Bild der Lage zu machen.

Canalettos Fluch

Auch der internationale Rat für Denkmalpflege (Icomos), der die Unesco berät, sprach sich gegen den Bau der Türme aus. Der Rest ist bekannt: Der Bauherr musste seine Turmpläne ad acta legen, um den Weltkulturerbe-Status nicht zu gefährden. Der bauliche Kompromiss stieß bei seiner Eröffnung im Vorjahr dann aber erst recht auf wenig Begeisterung.

Nach der Diskussion um das Wien-Mitte-Projekt habe man begonnen, auch andere Sichtbeziehungen zu untersuchen und einzutragen. Die Diskussion, ob und inwieweit die historisch gewachsenen Sichtachsen zu bewahren sind, ist aber, wie Icomos-Präsident Wilfried Lipp sagt, „bis heute nicht ausgestanden".

("Die Presse", Print-Ausgabe, 4. März 2014)

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