Klimawandel: In Österreich wird es um 3,5 Grad heißer

Der neue Klimabericht ist die umfassendste Wetterprognose in der Geschichte der Republik: Bis 2100 soll es in Österreich um 3,5 Grad heißer werden. Die Wissenschaftler fordern „radikale“ Maßnahmen.

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THEMENBILD: WETTER – HITZE / Bild: (c) GEORG HOCHMUTH / APA / picturede (GEORG HOCHMUTH)

Es wird heißer in Österreich. Um rund 3,5Grad. Diese Zahl stammt aber nicht aus einem x-beliebigen Wetterbericht, gilt auch nicht für die kommenden Tage – sie gilt für dieses Jahrhundert. Bis 2100, so das Ergebnis des ersten umfassenden Klimaberichts für Österreich, wird die durchschnittliche Temperatur in der Alpenrepublik um 3,5 Grad steigern – und zwar, wenn in Sachen CO2-Ausstoß weiter „businessasusual“ herrsche. Damit steige die Temperatur in Österreich rascher als global, wo mit einer Erwärmung von 2,7 Grad zu rechnen sei.

Was angesichts eines verregneten Spätsommers im Jahr 2014 vielleicht wünschenswert klingen mag, könnte aber drastische Folgen für Umwelt und Tourismus haben, heißt es in dem „Sachstandsbericht zum Klimawandel 2014“, der am Mittwoch in Wien von Umweltminister Andrä Rupprechter vorgestellt wurde. Der 1000-Seiten-Bericht ist der erste dieser Art in Europa und lehnt sich in Gestaltung und Inhalt an den IPCC-Klimabericht der UNO an. Mehr als 240 heimische Klimaforscher haben drei Jahre lang unter der Leitung von Helga Kromp-Kolb (Boku), Nebojsa Nakicenovic (TU Wien) und Karl Steiniger (Uni Graz) an dem Dokument gearbeitet.

Das Ergebnis ist ernüchternd – und zwar auf mehreren Ebenen. Denn laut Kromp-Kolb sei Österreich aufgrund seiner alpinen Lage und der Entfernung zum kühlenden Meer stärker von der Erderwärmung betroffen als andere Länder. So sei die Temperatur in Österreich seit 1880 um fast zwei Grad gestiegen, global im selben Zeitraum aber nur um 0,85 Grad.

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Kyoto-Erfolg wurde erkauft

Außerdem hätten die bisher ergriffenen Maßnahmen zur Reduzierung der Treibhausgase keinen Erfolg gebracht. So sind die nationalen CO2-Emissionen in Österreich seit 1990 gestiegen, obwohl sich Österreich unter dem Kyoto-Protokoll eigentlich zu einer Reduktion um 13 Prozent bis 2012 verpflichtet hatte. Um das Ziel wenigstens formal zu erreichen, hat die Regierung laut Bericht „mindestens 500Mio. Euro“ an Steuergeldern ausgegeben, um Emissionsrechte im Ausland zu kaufen. Dieser von der EU organisierte Markt für Luft hat aber nie wirklich funktioniert, der Preis für CO2-Zertifikate ist in den vergangenen Jahren kollabiert: auf weniger als drei Euro pro Tonne. Die von Österreich gekauften Zertifikate würden die Steuerzahler heute weniger als die Hälfte kosten.

Hier zeigt sich die Krux bei der Bekämpfung des Klimawandels: Selbst im besten Fall einer hundertprozentig erfolgreichen heimischen Klimapolitik ist noch nicht viel erreicht, denn mit 80 Millionen Tonnen CO2–Ausstoß pro Jahr ist das kleine Land gerade einmal für 0,2666 Prozent des weltweit in die Atmosphäre geblasenen Kohlendioxids verantwortlich. Die internationale Kooperation in Klimafragen steht aber seit der Klimakonferenz von Kopenhagen 2009 still. Damals haben China und Indien den Verhandlungstisch verlassen. Dazu kam die Finanzkrise. Diese hatte zwar einen positiven Effekt für das Klima, weil die Industrie für den Großteil der Emissionen verantwortlich ist. In der Krise sank die Nachfrage und damit die Produktion – allerdings nur vorübergehend.

Langfristig aber bleiben die Sorgen der Bürger um die Wirtschaft und Arbeitslosigkeit. Vor dem Klimawandel fürchtet sich aber kaum noch jemand. So sehen nur acht Prozent der Österreicher in der globalen Erwärmung eine wichtige Herausforderung für die EU. In Schweden sind es zumindest ein Viertel der Menschen, in Italien dagegen überhaupt nur ein Prozent.

Minister Rupprechter zeigt sich dennoch „vorsichtig optimistisch“ für die kommenden Klimagipfel und will die Empfehlungen des Berichts umsetzen: vom Ausbau erneuerbarer Energien bis zur E-Mobilität. Die „Transformation Österreichs in eine emissionsarme Gesellschaft“ erfordere aber „teilweise radikale strukturelle und technische Umbaumaßnahmen“, so die Wissenschaftler.

Unterstützung kommt unverhofft vom neuen UN-Friedensbotschafter Leonardo Di Caprio. Der Schauspieler sieht im Klimawandel die „wichtigste Angelegenheit“ unserer Zeit, sagte er am Dienstag in New York. „Ich spüre eine moralische Verpflichtung, in diesem entscheidenden Augenblick der Menschheitsgeschichte meine Stimme dazu zu erheben“, so Di Caprio.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2014)

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