Wie die Hitze Aggressionen schürt

Hitze ist Stress, die Nerven liegen blank, Konflikte nehmen zu. Der Zusammenhang zwischen Temperatur und Aggression ist belegt. In Wien läuft es heuer allerdings anders.

Mann zeigt seine Faust
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Mann zeigt seine Faust
Symbolbild Aggression – BilderBox

Wien. Ist es heiß, brodelt die Stimmung schnell. Ein lautstarker Streit aus der Nachbarwohnung, eine Schlägerei, die mitten in der Nacht auf der Straße ausbricht, das gehört zum Hochsommer. Gastronomen erzählen, dass ab 30 Grad selbst an Badeteichen Gäste auffallend unentspannt sind und weniger Trinkgeld geben. Im Straßenverkehr liegen Nerven blank, mitunter mit erschreckenden Folgen: Am Montag etwa, als zwei junge Männer auf der Ostautobahn ein Schweizer Ehepaar, dessen Fahrstil sie offenbar irritierte, abdrängten, zum Anhalten zwangen und verprügelten.

 

Stress und Kontrollverlust

Dass die Hitze dafür verantwortlich war, ist nur Spekulation. Fakt ist: Sie schlägt sich aufs Gemüt. Die höhere Kerntemperatur des Körpers kurbelt das Herz-Kreislauf-System an, für den Körper eine Stressreaktion, wie Gerhard Blasche vom Institut für Umwelthygiene der Med-Uni erklärt. Diese Reaktion lässt sich, je nach Luftfeuchtigkeit, ab 27 Grad beobachten. Dazu kommt, dass eine erhöhte Umgebungstemperatur oft zu Missstimmung führt. Würde man sich gern im Kühleren aufhalten, kann aber nicht, schafft das ein Gefühl von Kontrollverlust.

„Kommt das zusammen, braucht es nicht viel, um aggressiv zu werden“, so Blasche. Manch einer verliert in einer Situation, die er mit weniger Adrenalin im Blut leicht ertragen hätte, die Nerven. Warum das gerade im Straßenverkehr so oft passiert? Mit steigenden Anforderungen, sprich Konzentration und Kontrolle, steigen Stress und Adrenalin zusätzlich.

Und so verwundert es nicht, dass es bei Temperaturen ab 30 Grad eher zu Unfällen kommt, wie eine Analyse von 12.000 Unfällen durch die deutsche ADAC-Unfallforschung ergeben hat. Und auch auf die Kriminalitätsraten scheint die Hitze Einfluss zu haben: Der US-Psychologe Craig Anderson hat in 50 US-Städten die Kriminalitätsstatistik über 48 Jahre mit der Temperatur verglichen. Fazit: Ab 32 Grad Celsius komme es eher zu häuslicher Gewalt, Beleidigungen und Körperverletzungen.

Auch Polizisten schießen bei Hitze schneller. Und die höchsten Mordraten wurden ebenfalls in sehr heißen Sommern verzeichnet. Eine Studie der kalifornischen Universität Berkeley besagt, dass es, je heißer es war, generell zu mehr Konflikten zwischen Einzelnen, Gruppen und Nationen gekommen ist.

 

Träge Wiener

Die Wiener Polizei aber beobachtet in diesem Sommer noch keine höheren Kriminalitätsraten. Im Gegenteil. Die Wiener scheint die Hitze mitunter träge zu machen – oder sie tragen ihre Konflikte ohne Polizei aus: Während es am Sommeranfang zu einigen spektakulären Fällen gekommen ist – Polizeisprecher Roman Hahslinger nennt etwa die Straßenbahnschießerei am Meiselmarkt –, verzeichnet die Polizei aktuell, auch im Vergleich zu einem gewöhnlichen Sommer, weniger Einsätze. „Als es so extrem heiß geworden ist, ist das plötzlich abgerissen“, sagt Hahslinger. Und vermutet, dass die Leute bei der Hitze eher zu Hause bleiben.

Oder sie akklimatisieren sich. „Am Anfang der Hitzeperiode passiert sicher am meisten“, sagt Psychologe und Psychiater Gerhard Blasche. Hält die Hitze wochenlang an, passt man sein Verhalten an – und vermeidet ganz einfach besondere Stresssituationen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2015)

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