Ihr Beruf hat sie schon oft hierher gebracht. Nach Ottakring, an den Brunnenmarkt, den Yppenplatz und die Gassen dazwischen. Denn früher, erzählt Silvana Meixner, hätten sie und ihre Mitarbeiter aus der Minderheitenredaktion des ORF beinahe jeden Drehtermin in Ottakring gehabt. „Das war damals der Bezirk mit den meisten Zuwanderern, vor allem aus dem damaligen Jugoslawien und der Türkei.“ Damals, das war 1989. Vor knapp mehr als 20 Jahren, im April, ging „Heimat, fremde Heimat“ erstmals on air. Da war die Kroatin Meixner knapp zwei Jahre in Wien, lernte gleichzeitig Deutsch und Türkisch, um auch die türkische Moderation der Sendung sprechen zu können – was ihr noch heute hilft, wenn sie beim türkischen Käsehändler am Brunnenmarkt französischen Vacheron (ihren Lieblingskäse) bestellt.
Ottakring, jung und weiblich. Auch wenn sie sich, wie man merkt, am Brunnenmarkt ganz gut zurechtfindet, privat ist Meixner nur mehr selten hier. Vor langer Zeit lebte sie einige Jahre in der Lerchenfelder Straße, da war der Weg nicht weit; heute wohnt sie in der Innenstadt, da sind andere Märkte näher. Die Drehtermine in Ottakring bleiben zwar nicht gänzlich aus, sind aber deutlich weniger geworden. Zuwanderer leben mittlerweile in der ganzen Stadt – gedreht wird also überall. Und gerade nach Ottakring ziehen vermehrt junge Österreicher, weniger Migranten. Trotzdem leben noch 27Prozent Zuwanderer im Bezirk, der überdurchschnittlich weiblich und jung ist. Der Altersschnitt liegt bei rund 40 Jahren, erzählt Meixner.
Viel verändert hat sich gerade im Grätzel rund um den Yppenplatz, vor allem durch Ulla Schneider und ihr Festival „Soho in Ottakring“, das gestern, Samstag, in die zwölfte Saison gestartet ist. Lange leer stehende Geschäfte bekamen neue Mieter, so wie das Geschäft am Yppenplatz Nr. 5, das seit diesem Wochenende die Galerie „Anika handelt“ beheimatet. „Anika“ ist eine Mixtur aus den Vornamen der zwei Galeristinnen Angelika Reinthaler und Monika Obermeier, die sich auf soziale Dokumentarfotografie spezialisiert haben. Derzeit zeigen sie Reisefotos des Vorarlberger Fotografen Christoph Lingg (bis 13.Juni), die mit Haikus von Friederike Mayröcker betextet sind. Fotos, die Meixner sofort gefallen. Wirklich interessiert ist sie aber daran: „Was war hier früher einmal drin?“ „Ein Balkangrill“, sagt Reinthaler.
Und nebenan, wo Designerin Cloed Baumgartner soeben mit „Lila“ ihr zweites Geschäft (gleich neben dem „Yippig“) eröffnet hat, war einmal ein Wettbüro. Das „Muskat Buch & Café“ genau gegenüber (früher: ein Fischgeschäft), das Ursula Stahrmüller seit März führt, will Meixner gleich ausprobieren. Auch wenn sie zumindest eine Sache an dem kleinen Lokal mit Bioküche, täglich wechselnden Speisen und Bücherecke auszusetzen hat: das Rauchverbot. Ein Manko für die Raucherin Meixner, die seit 20 Jahren die Minderheitenredaktion im ORF leitet. Für die Sendung, die heute, Sonntag, um 13.30 Uhr (ORF2) ausgestrahlt wird, war sie im Jugendzentrum „Back on Stage“ ums Eck und interviewte Jugendliche der sogenannten zweiten Generation. Einen Kaffee (und eine erlaubte Zigarette) gönnt sie sich im umgebauten Café „An Do“ nur wenige Schritte weiter. Die geräumige Holzterrasse, an der einige Bauarbeiter tüfteln, soll am Sonntag (so das Wetter mitspielt) das erste Mal benützbar sein. Der Betreiber, ein Türke, lädt Meixner nach ein paar Worten Smalltalk auf den Kaffee ein.
Ein bisschen abgelegen von den Trampelpfaden rund um Brunnen- und Yppenmarkt liegt die „Glasfabrik“, ein Fundus für Antiquitätenfans auf 2000 Quadratmetern. Und ein Ort in Ottakring, den Meixner oft besucht. Genauso wie die „Villa Aurora“ am Wilhelminenberg oder die Kuffner Sternwarte. Es zog und zieht sie also auch in andere Teile des 16.„Hiebs“. Doch dann, auf ihren Wohnort im sechsten Bezirk angesprochen, bekommt sie richtig leuchtende Augen und sagt: „Aber der Naschmarkt ist immer noch meine Number one.“ Nicht Ottakring, aber auch ein Markt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2009)
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