Eisenberg: Muslime machen es sich zu leicht

Nach 33 Jahren geht Paul Chaim Eisenberg als Wiener Oberrabbiner in Pension. Er plädiert in der Flüchtlingsfrage für „Herz und Hirn“ – und schlägt vor, dass man „Allahu Akbar“ nur noch in der Moschee verwenden darf.

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Paul Chaim Eisenberg – Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse: Sie haben vor dem Interview gesagt, Sie möchten nicht zu viel über problematische Dinge reden – warum?

Paul Chaim Eisenberg: Das ist eine gemeine Frage. Zu den Flüchtlingen gibt es einfach schon so viele Aussagen, rechte, linke, gescheite, nicht gescheite, dass ich nichts Neues dazu sagen kann, außer: Das muss man jüdisch lösen. Also mit Herz und Hirn. Und fertig.

Wir fürchten, wir werden trotzdem Ernstes ansprechen. Sie übergeben Ihr Amt in ziemlich unruhigen Zeiten.

Es gibt tatsächlich so viele Probleme, die auch miteinander verbunden sind, etwa die Kriege in Nahost und die Flüchtlinge, dass man gründlich falsch liegt, wenn man glaubt, dass ein Oberrabbiner das alles lösen kann.

Würden Sie Juden in Wien raten, keine Kippa mehr zu tragen, wie es in Marseille der Fall ist?

Jeder muss selbst entscheiden, wie sichtbar er auf der Straße sein will. Aber eigentlich wollen die Leute, die gegen uns sind, ja genau das: dass wir aus der Öffentlichkeit verschwinden.

Mit den Flüchtlingen ist ein Stück Nahost-Konflikt nach Österreich gekommen. Gerade Syrer wurden Israel-feindlich sozialisiert.

Sie laufen weg, weil Moslems Moslems ermorden. Wir brauchen heute keine Angst vor deren Kultur zu haben, es geht eher darum, wie Politik das Problem der Flüchtlinge lösen kann. Mit Herz und Hirn. Aber das habe ich schon vorher gesagt.

In der Community gibt es eine Debatte über Obergrenzen, die auch über „Die Presse“ ausgetragen wurde. Wie ist denn . . .

Für echte Flüchtlinge oder Vertriebene sieht es anders aus als für Wirtschaftsflüchtlinge.

Belastet die Debatte die Community nicht?

Natürlich. Sie belastet alle. Ich sehe nicht, dass die jüdische Community eine spezielle Rolle hätte und dazu etwas sagen muss.

Wie sehen Sie die Position der Islamischen Glaubensgemeinschaft? Deren Vertreter finden, dass sie die Fundamentalismus-Debatte eigentlich nichts angeht.

Ich glaube, sie machen es sich ein bisschen zu leicht. Es gibt ein arabisches Gebet: „Allahu Akbar“, „Gott ist groß“. Ich finde, es sollte ein Aufruf ergehen, dass dieses Gebet nur in der Moschee gebetet werden und nicht als Kampfruf verwendet werden darf. Das wäre eine klare Abgrenzung vom Extremismus. Es ist ja so: Wenn ein Moslem einen Mord begeht, ist er ein privater Mörder. Ruft er dabei „Allahu Akbar“, ist er ein muslimischer Mörder. Wir Juden haben ein ähnliches Gebet: „Sch'ma Israel“. Das haben Juden gebetet, als sie in die Gaskammer gingen. Aber wir sagen es nicht, wenn sie in den Krieg ziehen oder Grausamkeiten verüben. Das sind Gebete, keine Schlachtrufe. Aber ich möchte die Islamische Glaubensgemeinschaft auch verteidigen. Ich glaube, sie haben einfach auch Angst vor den Extremisten.

Fuat Sanaç, der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft, sagt auch, dass man auf diese Leute keinen Einfluss habe, weil man sie gar nicht kenne.

Man muss sich nicht täglich distanzieren, aber nach größeren Anschlägen wäre es nicht schlecht. Das Argument, „die missbrauchen den Islam“, kann angenommen werden, aber genau deshalb sollte der Mainstream sich distanzieren.

Sie haben Erfahrung mit Integration. Es gibt ja eine jüdische Zuwanderung nach Wien.

Ja, und mir ist dabei wichtig: Integration heißt nicht, dass jemand an der Grenze ein Dirndl oder eine Lederhose anziehen und jodeln lernen muss. Integration funktioniert bei uns, weil wir jüdische Schulen haben, in denen man aber sehr gut Deutsch lernt und auch lernt, sich in der nicht jüdischen Bevölkerung zu bewegen. Es geht um die Balance. Und diese gelingt nicht mit dem Holzhammer. Eine Integration mit dem Gefühl: „Wir wissen alles besser, ihr müssen alles so machen wie wir“, funktioniert nicht. Deutsch zu lernen muss sein, aber man soll nicht immer nur belehrend den Finger heben. Man soll sich auch von den neuen Einwanderern bereichern lassen.

Wie viel Parallelgesellschaft ist denn in Ordnung?

Wenn sie sich an die – österreichischen – Gesetze hält, dann darf eine Gesellschaft nicht nur parallel sein, sondern auch diametral. Es ist nicht immer alles so einfach, man muss differenzieren.

In Deutschland gibt es eine Debatte über Hitlers „Mein Kampf“. Das Urheberrecht ist erloschen, nun gibt es eine kritisch kommentierte Fassung. Sie entzweit die jüdische Community. Auf welcher Seite stehen Sie?

Ich erzähle Ihnen dazu eine Anekdote: Es hat in einer Synagoge einen Streit über ein Gebet gegeben, nämlich, ob man es stehend oder sitzend sagt. Und weil man sich nicht einigen konnte, fragte man einen sehr alten Juden, wie es denn früher war: sitzend oder stehend? Und dieser antwortete: „So war es früher auch, wie heute.“ Sie fragten noch einmal „Also wie?“ Und er sagte: „Es war schon früher eine Streitfrage.“ Was ich sagen will: Ich verstehe oft beide Seiten. Das geht mir oft so. Manche legen mir das so aus, dass ich kein Rückgrat hätte. Aber ich bin eben ein Moderater, deshalb halte ich Meinungen auf beiden Seiten aus – bis zu einer gewissen Grenze. Zu dem Buch: Ich bin klar gegen einen unkommentierten Neudruck, aber bei dem kommentierten weiß ich es nicht.

Beide Seiten zu verstehen ist immer hilfreich. Wiens jüdische Community ist ziemlich heterogen. Warum hören Sie überhaupt auf? Es gab ja sogar eine Petition, dass Sie noch bleiben sollen.

Ich will nicht mehr jeden Tag mit Problemen belastet werden, die ich nicht lösen kann. Ich will weniger Zeit für das Bürokratische und mehr für das Spirituelle verwenden. Und ich gehe ja nicht in Pension, sondern nur in Halbpension sozusagen – denn ich bleibe ja Oberrabbiner von Österreich. Als solcher werde ich künftig viele kleine Gemeinden besuchen, die noch mehr meine Hilfe brauchen. Wien ist eh ganz gut aufgestellt. In Summe hoffe ich, dass mein Alltag weniger belastend wird. Aber vielleicht irre ich mich auch total.

Auf einem Porträt von Hannah Feigl haben Sie zwei Handys. Eins am Ohr, eins in der anderen Hand. Wird es so weitergehen?

Es gibt dann nur mehr ein Handy.

Was sagt denn Ihre Frau zu Ihrer bevorstehenden Halbpension?

„You will be home too much.“ Derzeit ist das Schloss in der Tür zu meinem Office in unserer Wohnung abgeklebt, künftig wird man die Tür zusperren können. Aber im Ernst, es ist gut, dass Rabbiner verheiratet sind und eine Frau haben, die ihnen sagt, wenn sie Fehler machen. Das macht meine Frau nicht selten.

Ihr Nachfolger wird der Belgier Arie Folger. Wir hätten mit Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister gerechnet. Sie auch?

Er wäre der natürliche Kandidat gewesen, weil er schon lang da ist. Es ist gut, dass Folger und Hofmeister zusammenarbeiten werden. Allein schafft das keiner.

Haben Sie einen Rat an ihn?

Wir haben einen großen Bogen von Ultraorthodoxen bis total Liberalen. Ich bin ganz wenig rechts in der Mitte. Man muss versuchen, mit beiden eine Basis zu finden und ihnen ihre Räume zu lassen. Oder wie der Wiener Oberrabbbiner einmal formulierte: So orthodox wie nötig und so offen wie möglich.

Und Ihr Rat an sich?

Es gab einen Rabbiner, der wollte auf der ganzen Welt Frieden schaffen. Dann hat er gedacht: Das wird schwer. Er reduzierte seinen Plan auf Wien, dann auf meine, äh, seine Straße, auf seine Familie und dann auf sich selbst. Frieden wird es nur dann geben, wenn die Menschen Frieden mit sich haben und verstehen, dass sie immer nur teilweise recht haben.

Sind Sie im Frieden mit sich?

Sicher noch nicht.

ZUR PERSON

Paul Chaim Eisenberg wurde 1950 geboren, sein Vater war seit 1948 Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde. Eisenberg folgte ihm 1983. Dienstagabend bedankte sich die IKG-Wien in Anwesenheit von Bürgermeister Michael Häupl mit einer Dankfeier im Rathaus für seine Dienste. Nachfolger Arie Folger soll im Sommer nach Wien übersiedeln und im September sein Amt antreten. Am 28. Februar führt Eisenberg im Muth durch die Veranstaltung „Ritschert, Schnitzel und gefilte Fisch“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2016)

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