Die sauberste Baustelle der Welt

Bevor das alte Zollamt im dritten Bezirk abgerissen werden kann, wird es von Asbest befreit. Wie viel Asbest es generell noch gibt, weiß man nicht. Die Entfernung ist aufwendig.

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Bauleiter Detlef Stahl mit einem Arbeiter in Schutzanzug vor der Umkleidekabine auf der Asbestbaustelle. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. „Asbest-Baustellen sind die saubersten Baustellen der Welt. Die Arbeiter duschen alle zwei Stunden, und wir hinterlassen die Baustelle staubfrei“, sagt Detlef Stahl, Projektleiter bei der Strabag. Er muss es wissen, immerhin ist der gebürtige Deutsche seit rund 25 Jahren mit Asbestsanierungen beschäftigt. „Ich war schon beim Palast der Republik in Berlin dabei. Jetzt mach ich eben in Wien sauber“, sagt Stahl, während er durch die Baustelle in der Schnirchgasse 9 im dritten Wiener Bezirk führt.

Dort wird dieser Tage das alte Zollamt von Asbest befreit, bevor es drei je 100 Meter hohen Wohntürmen Platz macht („Die Presse“ berichtete). Asbest wurde hier im Keller eingesetzt: im Zolllager sowie im Heiz- und Kesselraum. „Wir haben den Keller in neun Sanierungszonen unterteilt, wo überall Spritzasbest zum Einsatz kam“, so Stahl. Asbest, ein natürliches, fasriges Mineral, wurde hier als Wärmedämmung und Brandschutz, aber auch für Dichtungen verwendet.

Gesundheitlich gefährlich ist Asbest dann, wenn seine feinen Fasern freigesetzt werden, da diese eingeatmet und vom Körper nicht abgebaut werden können. Das kann eine Staublunge, Brust-, Bauch- oder Rippenfellkrebs verursachen. Besonders gefährlich ist es, wenn Asbest unsachgemäß bearbeitet wird (siehe Artikel links).

Auf der Baustelle beim alten Zollamt wird jener Bereich, in dem gerade mit Asbest gearbeitet wird, hermetisch abgeriegelt. Er heißt Schwarzbereich und darf im Gegensatz zum ungefährlichen Weißbereich nur von geschultem Personal, niemals allein sowie nur mit Schutzanzug über eine Schleuse betreten werden. Detlef Stahl bittet einen Mitarbeiter, den Anzug vorzuführen. „Darunter trägt er nur Einwegunterwäsche, die genauso wie der Anzug entsorgt wird.“ Die Atmung funktioniert über ein eigenes Gerät inklusive Filter und Atemmaske. Nach zwei Stunden muss der Arbeiter den Schwarzbereich verlassen, wieder durch eine Schleuse. „Dort muss er duschen, der Anzug wird entsorgt, und er kommt nackt wieder heraus. Dann hat er 20 Minuten Pause“, sagt Stahl im Umkleideraum der Baustelle, in dem es ungewöhnlich warm ist. „24 Grad, das schreibt das Arbeitsinspektorat vor. Sie wollen es ja auch warm haben, wenn Sie aus der Dusche kommen.“

 

Als Zement auf die Deponie

Innerhalb dieser Zweistundenschicht entfernen die insgesamt 25 Arbeiter den Asbest. Dieser wird wieder verfestigt, sprich mit Wasser und Zement gebunden, und dann auf einer Deponie separat gelagert. „Er kommt wieder dorthin, wo er hergekommen ist, in die Erde“, sagt Stahl. Ist ein Raum asbestfrei, muss er mit Spezialstaubsaugern und anderen Gerätschaften penibel gereinigt werden. Die kontaminierte Luft wird ebenfalls durch ein eigenes Filtersystem gereinigt.

Die bereits sanierten Räume sind tatsächlich ungewöhnlich sauber und staubfrei. Hat Stahls Team eine Zone erledigt, wird diese von Ziviltechnikern überprüft und erst dann freigegeben. „Wir überprüfen die Bauarbeiter, und die Behörden überprüfen uns bei Stichproben, ob wir korrekt geprüft haben“, sagt Heinz Kropiunik von der Firma Aetas, die die Bauaufsicht der Schadstoffsanierung übernommen hat.

Die Baustelle im alten Zollamt ist mit einer asbestbelasteten Fläche von 4000 Quadratmetern eine der größeren Asbestbaustellen des Landes, allerdings eine, die wegen des stillgelegten Betriebs und der Art, wie Asbest hier vorkommt, eine einfachere Baustelle ist, wie Stahl versichert. „Bei der UNO-City haben wir neun Jahre gebraucht.“

Wie viel Asbest es in Österreich noch gibt, lässt sich nicht mehr eruieren. Laut Umweltbundesamt wurden zwischen 1947 und 1990 rund 870.000 Tonnen Asbest in Österreich zum Einsatz gebracht. Ein Großteil davon wurde bereits abgebaut. Wobei man sich dabei bisher auf den Bau konzentriert hat. Umweltgeologe Stephan Krämer von der Uni Wien meint dazu: „Eine große Unbekannte ist Asbest im Boden. Im Gegensatz zum Bau stehen wir da erst am Anfang.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2016)

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