Heumarkt: Rechtlicher Kampf gegen den Turm

Die Initiative Denkmalschutz will rechtlich gegen das geplante 73-Meter-Hochhaus beim Eislaufverein vorgehen. Die Investoren hingegen präsentieren in Kürze ihre Detailpläne.

So könnte das geplante Hochhaus im Stadtbild aussehen: Blick vom Belvedere in Richtung Innenstadt. (Visualisierung)nen.
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So könnte das geplante Hochhaus im Stadtbild aussehen: Blick vom Belvedere in Richtung Innenstadt. (Visualisierung)nen.
Martin Kupf

Wien. Es ist ein sehr langer offener Brief, den der Wiener Bürgermeister, die für die Stadtentwicklung zuständige Stadträtin, Maria Vassilakou, alle Gemeinderäte, aber auch die beiden Präsidentschaftskandidaten, Hofer und Van der Bellen, erhalten haben.

Auf 20 Seiten legt die Initiative Denkmalschutz – beziehungsweise die von ihr beauftragte Rechtsanwaltskanzlei List – dar, wieso sie „sämtliche zulässigen Rechtsbehelfe und Rechtsmittel ergreifen werde“, um das geplante Hochhaus beim Eislaufverein zu verhindern. Auch die Europäische Kommission wurde mit der Bitte, eine mögliche Vertragsverletzung durch die Republik Österreich zu prüfen, von der Kanzlei eingeschaltet.

Der Hauptgrund für den Widerstand: Durch den seit Jahren umstrittenen Wohnturm, der neben dem Hotel Intercontinental entstehen soll, werde der Unesco-Weltkulturerbe-Status der Wiener Innenstadt gefährdet. Unter anderem, weil der 73 Meter hohe Turm die historisch bedeutende Sichtachse – den Canaletto-Blick vom Schloss Belvedere auf die Innenstadt – verstellen würde (siehe Visualisierung oben). Im schlimmsten Fall könnte die Unesco der Wiener Innenstadt ihren Weltkulturerbe-Status aberkennen, so die Befürchtung der Initiative Denkmalschutz.

Tatsächlich hat sich die Unesco – die in der Causa Wohnturm am Heumarkt bei ihrer nächsten Sitzung im Sommer befinden wird – bereits kritisch geäußert. Auch der Internationale Rat für Denkmalpflege (Icomos), der die Unesco berät, hat sich mehrfach gegen die Hochhauspläne ausgesprochen.

 

Schlechte Durchlüftung

Zudem könnte – ein bisher noch nicht gehörtes Argument – die „eklatant vergrößerte Baumasse“ des Projekts die „Funktion als Frischluftschneise der Stadt“ empfindlich stören. Schon 1964 sei der Bau des Hotel Intercontinental von 50 auf 44 Meter Bauhöhe reduziert worden, weil „ein derart hoher Baukörper die Durchlüftung des benachbarten Stadtparks verhindert“ hätte. Dieser „Tatbestand“ gelte noch heute.

Der geplanten Wohnturm, den die Firma Wertinvest im Zuge der von ihr finanzierten kompletten Neugestaltung des Heumarktareals errichten möchte, stehe auch exemplarisch für die – aus Sicht der Initiative Denkmalschutz – verfehlte Hochhauspolitik: Da das Hochhauskonzept keine „Ausschlusszonen für Hochhäuser“ mehr vorsehe, sei der historische Architekturbestand Wiens generell in Gefahr.

Rechtlich sei Österreich aber per Welterbekonvention verpflichtet, Maßnahmen zur Erhaltung der historischen Kulturgüter zu setzen. Außerdem, so vermuten die Denkmalschützer, könnte die Wiener Bauordnung nicht EU-rechtskonform sein – konkret im Bereich der strategischen Umweltprüfung (SUP), die im Zuge der Umwidmung der Flächen notwendig sein könnte. Hier sei – salopp formuliert – die Öffentlichkeit, etwa durch NGOs, nicht ausreichend einbezogen, was dem EU-Recht widersprechen könnte. Im Büro der zuständigen Vizebürgermeisterin Vassilakou reagiert man auf den langen Brief äußerst kurz: Man werde ihn lesen und beantworten, so ein Sprecher.

 

Planungen schon konkret

Bei der Firma Wertinvest, die 210 Mio. Euro in die Neugestaltung des Heumarkts stecken will, ist man ungeachtet der möglichen negativen Äußerung der Unesco schon in den Detailplanungen: Anfang Juni wird man die Öffentlichkeit im Rahmen einer Ausstellung im Intercontinental informieren: Wie wird der Eislaufverein neu aussehen? Wo wird es die Wege über das Areal, die künftig den ersten mit dem dritten Bezirk besser verbinden sollen, geben? Wo werden die Sportflächen entstehen? All das sei, sagt Sprecherin Daniela Enzi, in Absprache mit den Beteiligten (Konzerthaus, Eislaufverein etc.) und den Magistratsabteilungen schon sehr konkret.

All diese Details (etwa die auf 99 Jahre garantierte Pacht für den Eislaufverein) werden demnächst in einem städtebaulichen Vertrag zwischen Wertinvest und Stadt fixiert. Damit sei die öffentliche Nutzung „für alle Ewigkeit“ fixiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2016)

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