Wien: Mord auf offener Straße

Der Besitzer des Innenstadt-Lokals Scotch-Club wurde in der Leopoldstadt hingerichtet. Schießereien auf offener Straße nehmen zu, häufig sind Serben beteiligt.

WIEN: MANN AUF STRASSE IN WIEN-LEOPOLDSTADT ERSCHOSSEN
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WIEN: MANN AUF STRASSE IN WIEN-LEOPOLDSTADT ERSCHOSSEN
(c) APA/ALEXANDER FECHTER

Wien. Es war Freitag, ein Uhr morgens, als Davud D. (49) aus seinem erst vor Kurzem erworbenen Lokal Scotch Club (Innere Stadt) in Begleitung eines Freundes nach Hause in die Kafkastraße (Leopoldstadt) kam. Als er aus dem VW-Golf stieg, feuerte ein Unbekannter mehrmals auf ihn – der Baumeister Davud D. erlitt mehrere Kopfschüsse und starb an Ort und Stelle vor seinem Bauingeniersbüro, das sich im selben Gebäude befindet. Sein Begleiter konnte sich zwischen parkenden Autos verstecken, der Täter konnte entkommen.

Die Mordkommission ermittelt nun, warum der gebürtige Serbe nach Mafia-Methoden hingerichtet wurde. Vermutet wird, dass es etwas mit Schutzgelderpressungen zu tun haben könnte. Seit Davud D. das Lokal in der Innenstadt vor Kurzem erworben hatte, soll er immer wieder Probleme mit tschetschenisch-serbischen Schutzgelderpressern zu tun gehabt haben.

Die Methode: Wer ein Lokal neu eröffnet, bekommt meist Besuch von Erpressern, die dann im Lokal randalieren – und anbieten, das zu unterlassen, sofern dafür bezahlt wird. Davud D. soll vor zwei Wochen verprügelt worden sein, soll sich aber geweigert haben, Schutzgeld zu bezahlen – er selbst hatte schon drei Jahre im Gefängnis verbracht. „Die Presse“ recherchierte erst vor Kurzem umfangreich zum Thema Schutzgelderpressungen – und immer wieder wurde der Scotch Club als Brennpunkt mafiöser Machenschaften genannt.

 

Schießereien nehmen zu

Die Straftaten in Zusammenhang mit Schusswaffen sind österreichweit in den vergangenen Jahren angestiegen. Laut Sicherheitsberichten des Bundeskriminalamts wurden im Jahr 2006 österreichweit 560 Straftaten verzeichnet – 117 Mal davon wurde auch ein Schuss abgegeben. Im Jahr 2015 waren es schon fast doppelt so viele Taten – nämlich 1093. Abgefeuert wurde 342 Mal. 12 Mal führte das zu Mord, 66 Mal zu Körperverletzung. Auffallend ist in Wien auch die Häufung von Schießereien auf offener Straße – an der zumindest im vergangenen Jahr fast immer serbische Staatsbürger beteiligt waren. Dass es vor allem die Balkan-Community ist, die im Wiener Waffen- und Drogenhandel involviert ist, ist bekannt.

Am 26. Dezember wurde ein Tschetschene vor dem Club Viva in der Nordwestbahnstraße in Wien-Brigittenau angeschossen, er erlitt einen Unterschenkeldurchschuss. Der Täter entkam unerkannt – auch hier soll die Tat in Zusammenhang mit Schutzgelderpressungen stehen. Wenige Tage zuvor kam es zu einem Schusswechsel in Wien-Währing. Grund: Eine Auseinandersetzung im Suchtgiftmilieu. Ein 30-Jähriger Serbe erlitt einen Durchschuss am Arm, ein anderer Mann musste wegen eines Bauchschusses notoperiert werden.

Im Oktober 2015 kam es in der Yppengasse in Ottakring in Folge eines Streits zwischen drei serbischen Männern zum Waffengebrauch – ein 34-Jähriger erlitt eine Kopfverletzung, wurde mit Lebensgefahr ins Spital gebracht.

In Wien Brigittenau fielen im Juli vergangenen Jahres Schüsse an einem Sonntagvormittag auf offener Straße. Ein unbeteiligtes Kind erlitt einen Bauchschuss. Das Motiv: Ein länger zurückliegender Streit zwischen Serben.

Und nicht zuletzt starb im Mai 2015 ein 28-jähriger Albaner nach einer Schießerei in der Straßenbahn in Rudolfsheim-Fünfhaus. Ein 24-jähriger Serbe hatte nach einem jahrelangen schwelenden Streit auf ihn geschossen. Er wird von Interpol gesucht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2016)

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