Wiens Notarzt-Misere

Mangelnde Wertschätzung, schlechte Bezahlung und kaum Perspektiven – von 78 Planstellen sind lediglich 39 besetzt, was regelmäßig zu dramatischen Versorgungsengpässen führt.

Oest. Rotes Kreuz im Einsatz, Notarztkoffer
Schließen
Oest. Rotes Kreuz im Einsatz, Notarztkoffer
(c) www.BilderBox.com (www.BilderBox.com)

Für ein paar Minuten herrschte Panik in der Leitstelle der Wiener Berufsrettung, der MA 70. Beim Schichtwechsel um sieben Uhr erschien am vergangenen Sonntag wegen Krankenständen kein einziger Notarzt zum Dienst. Was tun? Kurzerhand sprang ein anwesender Oberarzt ein, bis zwei Kollegen aus dem Bett geholt wurden und die Schicht übernahmen – für ganz Wien waren also stundenlang nur zwei statt der vorgesehenen acht Notärzte zuständig. Im Laufe des Tages waren es schließlich sechs, da weitere Mediziner erreicht wurden und aushalfen.

Anfang der Woche bekamen die Medien Wind davon, seither versucht die Stadt zu beschwichtigen, während die Ärztekammer rasche Reformen fordert. Was aber noch nicht an die Öffentlichkeit gelangte: Solche Engpässe sind die Regel, nicht die Ausnahme. So waren sogar in der vergangenen Silvesternacht ebenfalls nur zwei Notärzte im Dienst – wieder wegen Krankenständen, weshalb in der Ärzteschaft sogar der Verdacht aufkam, dass es sich bei den Krankmeldungen um eine Protestaktion der Ärzte handelte. Jedenfalls mussten im Laufe der Nacht mehrere Notärzte aus Niederösterreich einspringen und Einsätze übernehmen. Dadurch waren wiederum dort große Gebiete zeitweise nicht versorgt. Es lässt sich nicht mehr leugnen, das Notarztwesen in Wien ist mittlerweile selbst zu einem Notfall geworden.

„Das Hauptproblem ist die mangelnde Wertschätzung gegenüber Notärzten“, sagt Johannes Steuer. Er ist Chefarzt im Arbeiter-Samariter-Bund Floridsdorf-Donaustadt und Oberarzt in der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin im SMZ Floridsdorf, bildet Notärzte sowie Sanitäter aus und betreut als Notfallmediziner unter anderem Großereignisse wie das Donauinselfest und das Festival Rock in Vienna. Er beklagt die „extrem schlechte Stimmung“ innerhalb der Berufsrettung. Wer könne, gehe in Pension oder verlasse die MA 70. Junge Ärzte ließen sich kaum motivieren, Notarzt zu werden – weswegen auch von den 78 Planstellen in der Wiener Rettung derzeit lediglich 39 besetzt sind. Und es könnten demnächst noch weniger werden, denn die angekündigte Eingliederung der Notärzte in den Krankenanstaltenverbund (KAV) im April ist den meisten Medizinern ein Dorn im Auge.

Viele befürchten, dass sie dann auch Dienste in den Notaufnahmen übernehmen müssen, was zu neuen Arbeitszeiten (12,5-Stundendienste statt 24-Stunden) und einer Umstellung der Lebensgewohnheiten führen würde. Zudem kritisieren sie, dass die Eingliederung über ihren Kopf hinweg entschieden wurde und sie in den Prozess zu wenig eingebunden werden.


Ausbildung der Sanitäter.
„Ein weiteres Problem ist die Ausbildung der Notfallsanitärer“, sagt Steuer. Denn während diese in Ländern wie Großbritannien, Frankreich und den USA eine dreijährige Ausbildung absolvieren müssen, dauert sie in Österreich nur ein halbes bis ein Jahr. Mit der Folge, dass die österreichischen Sanitäter deutlich weniger Kompetenzen haben und viele Eingriffe nicht vornehmen dürfen – etwa Schmerzmittel verabreichen. Eine Verbesserung der Ausbildung ist insofern schwierig, als das Notarztsystem in Österreich zu einem beträchtlichen Teil (bis zu zwei Drittel) von ehrenamtlichen Sanitätern aufrechterhalten wird und eine dreijährige Ausbildung (mit verpflichtenden Praktika in Spitälern) für Freiwillige einen enormen, praktisch unzumutbaren Aufwand bedeuten würde. Eine geplante Novelle des Ausbildungsgesetzes kommt daher seit Jahren nicht vom Fleck.

Nicht zuletzt ist auch die im Vergleich schlechtere Bezahlung der Notärzte ein Grund dafür, warum junge Mediziner diesen Zweig meiden – vor allem angesichts der körperlich und psychisch anstrengenden Arbeit. Was auch die MA 70 nicht negiert. „Die Bezahlung liegt unter der von Spitalsärzten“, sagt ein Sprecher auf Nachfrage. Konkret liegt das Einstiegsgehalt bei rund 5300 Euro, nach 20 Dienstjahren bei 6800 Euro. Das ist um etwa 30 Prozent weniger als bei Spitalsärzten.

„Zudem fehlen die Möglichkeit des beruflichen Aufstiegs sowie die Perspektive einer Klinikkarriere“, meint der Sprecher und betont, dass derzeit Gespräche geführt würden, „um die notärztliche Versorgung in Wien neu zu strukturieren und langfristig sicherzustellen.“ Mit einem Ergebnis sei noch in diesem Frühjahr zu rechnen. Als Sofortmaßnahme wurde Anfang 2017 im AKH ein zweiter Rettungswagen in Betrieb genommen, der von dort mit einem Arzt und einem Notfallsanitäter zu Einsätzen fährt. Ein Wagen ist schon seit Juni 2016 dort stationiert. Allerdings sind diese Fahrzeuge werktags und nur tagsüber im Einsatz.

Eine „Knappheit an Notärzten“ räumt auch das Büro von Gesundheitsstadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ) ein. Die notärztliche Versorgung in Wien sei aber „nach wie vor sichergestellt“. Diese Neuaufstellung des Notarztwesens sei „weit gediehen, aber noch nicht ganz fertig“.


Jahrelange Versäumnisse. Gemeint sind mit den Maßnahmen unter anderem eine Aufstockung des Ärztefunkdienstes (141) und eine zusätzliche Gesundheitshotline, über die medizinisches Personal am Telefon entscheiden soll, welche Hilfe bei welchem Notfall die geeignetste ist – damit also nicht immer die Notrufnummer 144 gewählt wird und Notarztwagen losgeschickt werden, obwohl sie nicht notwendig wären. Für Steuer sind diese Maßnahmen nicht weitreichend genug. Ohne eine massive Aufwertung der Notärzte sowie Sanitäter werde sich die Situation nicht entscheidend ändern.

Rückendeckung bekommt er von Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres, der „bessere Rahmenbedingungen“ für Notärzte fordert, damit es wieder mehr Bewerber gibt. Die jetzige Notsituation habe sich schließlich nicht von heute auf morgen entwickelt. „Und die Versäumnisse der vergangenen Jahre rächen sich jetzt.“

Fakten

Planstellen. Von 78 Notarztstellen der Wiener Berufsrettung sind derzeit lediglich 39 besetzt. Junge Mediziner meiden diesen Zweig, weil die Arbeit hart und die Bezahlung schlecht ist. Die Stadt arbeitet an einer Neustrukturierung des Notarztwesens. Mit einem Ergebnis sei noch im Frühjahr zu rechnen.

Versorgung. In der vergangenen Silvesternacht waren in Wien nach kurzfristigen Krankmeldungen nur zwei Notärzte im Dienst. Im Laufe der Nacht mussten Kollegen aus Niederösterreich einspringen, weshalb wiederum dort stundenlang große Gebiete nicht versorgt waren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2017)

Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Wiens Notarzt-Misere

    Schließen

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.