Schrieb Ministerium Studie um?

Beamte des Außenministeriums sollen laut „Falter“-Bericht in die Islamkindergartenstudie von Ednan Aslan eingegriffen haben. Aussagen wurden dramatisiert oder negativer dargestellt.

Archivbild: Außenminister Sebastian Kurz und Islamwissenschaftler Ednan Aslan bei einer Pressekonferenz 2015. – Außenministerium/Dragan Tatic
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Archivbild: Außenminister Sebastian Kurz und Islamwissenschaftler Ednan Aslan bei einer Pressekonferenz 2015. – Außenministerium/Dragan Tatic
Archivbild: Außenminister Sebastian Kurz und Islamwissenschaftler Ednan Aslan bei einer Pressekonferenz 2015. – AUSSENMINISTERIUM/DRAGAN TATIC

Die Vorwürfe wiegen schwer. Beamte des Außen- und Integrationsministeriums von ÖVP-Spitzenkandidat Sebastian Kurz sollen die Vorstudie über Islamkindergärten von Ednan Aslan umgeschrieben haben. Das berichtet die Wiener Stadtzeitung „Falter“ in ihrer aktuellen Ausgabe.

Demnach wurden Aussagen der Studie, die im Februar 2016 veröffentlicht wurde, zugespitzt, also dramatisiert, weggelassen oder umgeschrieben. So entstand ein negativeres Bild über die Situation in islamischen Kindergärten als ursprünglich offenbar vorgesehen.

Korrektur-Modus als Quelle

Nachvollziehbar sind diese Änderungen durch den Korrekturmodus im Original-Word-Dokument, das dem „Falter“ aus Wissenschaftskreisen zugespielt wurde. Demnach wurde das Dokument von Ednan Aslan erstellt, aber von zwei Ministerialbeamten der Abteilung VIII.2 („Integrationskoordination“) korrigiert und ergänzt. Auch Sektionschef Stefan Steiner könnte laut „Falter“ davon gewusst haben. Eines der Korrektur-Dokumente heißt „Stefan_final“.

Insgesamt 903 Änderungen nahmen die zwei Ministerialbeamten vor – viele davon seien harmlose Eingriffe, wie Satzstellungen, schreibt der „Falter“, aber nicht alle. Mehr als 20 Mal wurde der Text inhaltlich verändert. Das betrifft just jene Passagen, die ein differenziertes Licht auf die Islamkindergärten geworfen hätten.

Von "respektvoll" zu Schutz vor "Mehrheitsgesellschaft"

In Aslans Erstversion lobte der Wissenschaftler etwa, dass Eltern ihre Kinder in Islamkindergärten „selbständig, respektvoll und liebevoll erzogen“ wissen wollen. Die Beamten, so zeigt der Korrekturmodus des Dokuments, wandelten den Satz ins Gegenteil: Die Eltern wollen ihre Kinder „vor dem moralischen Einfluss der Mehrheitsgesellschaft schützen“.

An einer anderen Stelle wird der Satz, dass muslimische Eltern in den Islamkindergärten für ihre Kinder „Werte wie Respekt, Gelassenheit, Individualität des Kindes, Hygiene, Zufriedenheit der Kinder, Pünktlichkeit, Liebe, Wärme und Geborgenheit, Selbstständigkeit und Transparenz der Regeln“ suchen, in „Besonders wichtig ist ihnen (den Eltern, Anm.), dass den Kindern islamische Werte vermittelt werden“ umgeschrieben.

Aslan: "Stehe hinter Studie"

Sätze wie „Sprache und Sprachförderung ist manchen Eltern das Allerwichtigste im Kindergarten“ wurden gestrichen. Auch die Passage eines Kindergartenbetreibers, der von den exzellenten Qualifikationen muslimischer Kinderpädagoginnen berichtet, die aus Deutschland nach Österreich kämen, findet keinen Platz. Dafür: „Aus Mangel an in Österreich ausgebildeten PädagogInnen werden häufig PädagogInnen aus den neuen EU-Staaten beschäftigt. In diesem Bereich klagen z.B. Eltern, dass dieses Personal die deutsche Sprache nicht gut beherrscht.“

Konfrontiert mit den Vorwürfen, zeigte sich Ednan Aslan gegenüber dem „Falter“ zunächst überrascht, er hätte nicht gewusst, dass in die Studie so massiv eingriffen worden sei. Über das Wochenende und nachdem er Kontakt mit dem Außenministerium hatte, stellte er sich allerdings hinter die Studie. „Ich stehe hinter dem Bericht bis auf den letzten Punkt“, sagte er am Dienstag. Die Änderungen seien von ihm angeordnet worden.

Warum korrigerte man im Ministerium?

Offen bleibt allerdings, wieso dann im Integrationsministerium die Änderungen eingegeben wurde. Dem „Falter“ erklärt man, man sei  „zu dritt am Computer gesessen“ und Aslan habe die Änderungen „telefonisch durchgegeben“. Man habe ihn vor Klagen islamischer Verbände schützen wollen.

Integrationsminister Kurz meinte am Dienstag, dass alles in der Studie „die Handschrift Aslans“ trage. Wenn jemand glaube, nun die Problematik schön färben zu können, halte er das für falsch.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Aslan-Studie für Kritik sorgt. Bereits bei der Präsentation des Zwischenberichts der „Vorstudie“ im Dezember 2015 sprachen Aslan und Kurz von Parallelgesellschaften, die sich in Kindergärten entwickeln würden, von Curricula wie in der „Koranschule“, die man gefunden habe. Eine Liste mit den Namen potenziell gefährlicher Kindergärten konnten die beiden allerdings nicht vorlegen. Dafür kritisierten Experten die schlechte methodische Durchführung der Studie und fehlende Belege für Behauptungen.

Nachgeholte Untersuchung

Das zeigte sich eben auch beim Endbericht der Vorstudie, der nun in der Kritik steht. Während Aslan für den Zwischenbericht angab, nur mit fünf Kindergärten und neun Eltern persönlich Kontakt gehabt und 24 weitere Kindergärten und -gruppen anhand von Flyern und Aussagen analysiert zu haben, wurden für den Endbericht der Vorstudie Daten von 127 Kindergärten und -gruppen analysiert. Das legt den Schluss nahe, dass drei Viertel der Kindergärten und -gruppen erst nach Veröffentlichung des Zwischenberichts untersucht wurden.

Ausgelöst durch die Aslan-Studie ist derzeit eine umfassende Kindergartenstudie der Stadt in Kooperation mit dem Integrationsministerium in Auftrag. Aslan ist Teil davon. Die Studie soll im Herbst 2017 präsentiert werden. Der für Kindergärten zuständige Wiener Stadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) wollte zum Thema noch nicht viel sagen, aber: „Wenn das auch nur im Ansatz stimmt, bin ich ehrlich bestürzt.“

Prüfung angekündigt

Die Universität Wien kündigte als Reaktion auf die Vorwürfe ein "wissenschaftliche Prüfung" der Aslan-Studie an. "Die Universität Wien sammelt alle Fakten zu den medial erhobenen Vorwürfen zur sogenannten Kindergartenstudie. Auf dieser Grundlage wird eine Prüfung des Sachverhalts erfolgen, um festzustellen, inwieweit die Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis eingehalten wurden", heißt es auf der Homepage. Weiters: "Zur Untersuchung von Hinweisen und Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens hat die Universität Wien eine Kommission eingerichtet. Diese Ombudsstelle zur Sicherung der guten wissenschaftlichen Praxis ist beauftragt, die Berechtigung der im Zusammenhang mit der Studie erhobenen Vorwürfe zu prüfen. Die Kommission berichtet an den Rektor der Universität Wien. Die Ergebnisse der Prüfung werden zeitnah erwartet. Wann dies genau sein wird, gibt die Universität nach der ersten Sitzung der Kommission bekannt."

(win)

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