"Bürgermeister Leopold Gratz wünschte sich einen Gemeindebau von Hundertwasser.“ Mit den Erinnerungen von SPÖ-Urgestein Johann Hatzl, 1979 Wohnbaustadtrat und bis 2008 Präsident des Landtages, ist alles gesagt. Wien wollte seinem prominenten Künstler ein Denkmal setzen. Nur ihm. Der eigentliche Architekt des weltberühmten Gebäudes an der Ecke Löwengasse/Kegelgasse wurde jahrelang verleugnet. Bis er sich beschwerte und vor Gericht zog. Der „Presse“ liegen nun die Prozessakten vor. Sie zeigen, dass namhafte Politiker und Mitarbeiter der Stadt vor dem Richter alles taten, um die Bedeutung des Miturhebers Josef Krawina zu leugnen. Letztendlich erfolglos.
Seit November 2008 nämlich heißt das Bauwerk, das jährlich hunderttausende Touristen besuchen, auch offiziell Hundertwasser-Krawina-Haus. Dem Urteil des Wiener Handelsgerichts war ein siebenjähriger Rechtsstreit zwischen Krawina und seinem Geschäftspartner Harald Böhm auf der einen Seite und dem Rechteverwerter von Hundertwasser, der Kunst Haus Wien GmbH, auf der anderen Seite vorangegangen. Thema: Anerkennung des Architekten im Sinne des Urheberrechts und Beteiligung an den millionenschweren Tantiemen, die beim Verkauf von Fotos, Postern und anderen Hundertwasser-Devotionalien anfielen. Dem Kunst Haus, das inzwischen über die Wien Holding der Stadt gehört, drohen Nachzahlungen in beträchtlicher Höhe.
„Verschwundene“ Pläne
Ob das die Zeugen bei der Befragung durch Richter Rainer Geißler im Jahr 2004 schon ahnten? Bewiesen wurde das nie. Fest steht, dass einige alles versuchten, um Krawinas Bedeutung herunterzuspielen. Der anerkannte Architekt, der heute zurückgezogen in Kärnten lebt, war dem Genie Hundertwasser laut ihrer Darstellung als eine Art Ghostwriter zur Seite gestellt worden. Eigenständig geleistet habe er nichts, und als er gegenüber Hundertwasser aufsässig wurde, habe ihn die Stadt auf Wunsch des Künstlers vom Auftrag entbunden.
Rudolf Kolowrath etwa, 2010 verstorben und zur Zeit des Baus Chef der MA19, gab an, dass Krawina „auftragswidrig nie einen Vorentwurf abgeliefert“ habe. Richter Geißler wollte das prüfen, forderte bei den Magistratsabteilungen 19, 24 und 37 die Unterlagen zum Bau an. Schriftliche Antwort aus dem Rathaus: Ein Wasserschaden habe alles zerstört.
Die glatte Unwahrheit. In Wahrheit waren Krawinas Entwürfe noch vorhanden und tauchten erst später über Umwege auf. Aus ihnen geht hervor, dass der gesamte Baukörper des Hauses hauptsächlich aus seiner Feder stammte.
Als „objektiv unrichtig“ bezeichnet Richter Geißler auch Kolowraths Aussage, dass man nach Krawinas Rauswurf „von null wieder angefangen“ habe. Tatsächlich wurde Krawinas Baukörper nahezu unverändert von der MA19 übernommen und dort vom damaligen Magistratsbeamten Peter Pelikan weiter bearbeitet. Pelikan gab bei seiner Zeugenbefragung an, zu diesem Zeitpunkt, also Anfang der 1980er-Jahre, Architekt mit Ziviltechnikerprüfung gewesen zu sein. Was die Kammer der Architekten bestreitet. Die stellte schriftlich fest, dass Pelikan erst zehn Jahre später, nämlich am 25.4.1990, Mitglied der Standesvertretung wurde, wofür die Ablegung der Ziviltechnikerprüfung Voraussetzung ist.
Derselbe Pelikan erlebte später übrigens ein ganz ähnliches Schicksal wie Krawina, wird doch sein Name im Zusammenhang mit der Errichtung des Arik-Brauer-Hauses in der Gumpendorfer Straße nur sehr selten erwähnt.
Laut Richter ebenfalls „objektiv falsche“ Angaben soll Johann Hatzl gemacht haben. Er sagte aus, dass ihm Hundertwasser „schon im Mai oder Juni 1979 Skizzen zeigte“, die in der Grundstruktur mit dem späteren Gebäude ident waren. Skizzen, die im Zuge des Verfahrens nie auftauchten und die aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte gar nicht vom Künstler stammen konnten. Zumindest sah es das Gericht so.
Hatzls Wahrnehmung ist bis heute eine andere. „Ich habe damals bestimmt keine Gefälligkeitsaussage für Hundertwasser gemacht.“ Krawinas Auftrag sei es gewesen, das zu tun, was der Künstler von ihm wollte. „Hätten wir ein Krawina-Haus gewollt, hätten wir das auch gesagt.“
„Gigantische Arbeit“
Und der Wunsch nach Hundertwasser kam von ganz oben. Nicht nur Gratz wollte den am 19. Jänner 2000 Verstorbenen als Namensgeber für einen prestigeträchtigen Gemeindebau, auch Bundeskanzler Bruno Kreisky hielt den Wunsch in einem Brief an den Wiener Bürgermeister fest. Für einen anerkannten Architekten und Universitätsprofessor, der im Zuge der Arbeiten begann, ein kreatives Eigenleben zu entwickeln, war in der sozialdemokratisch geprägten Bau- und Kulturpolitik einfach kein Platz. Auch nicht vor Gericht.
Dabei stand Krawinas Leistung bei der Planung des Gebäudes bis zum Bruch zwischen den beiden selbst für Hundertwasser außer Streit. In einem Brief an Kolowrath im März 1980 schrieb er: „Krawinas bisher geleistete Arbeit ist gigantisch.“ Kurze Zeit später war davon nichts mehr zu hören.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2011)
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