[WIEN] Hätte die Apotheke am Wiener Naschmarkt Sonntagsdienst gehabt, so mancher Läufer der Marathon-Elite hätte womöglich um Beruhigungstropfen gebeten. Denn genau vor ihrer Eingangstür und somit nach nur zwölf Kilometern hatte der zwei Minuten später gestartete Weltrekordhalter Haile Gebrselassie die Spitze des Hauptfeldes bereits eingeholt. Der Äthiopier setzte sein unfassbares Tempo unbeeindruckt fort, schüttelte die verdutzt wirkenden Läufer ab und eilte zur Hofburg ins Ziel.
Nach nur 60:18 Minuten hatte er die 21,1 Kilometer bewältigt, den Halbmarathon souverän gewonnen und damit sein Rekordversprechen eingelöst. „Ich musste schnell sein, mit einer tollen Zeit aufzeigen. Auch musste ich alle einholen. Und, seht ihr: Haile Gebrselassie ist nicht kaputt!“
Gemma Haile schauen!
60:18 Minuten ist die schnellste je in Österreich gelaufenen Zeit über diese Distanz. Und der Eindruck, dass der Äthiopier sein erstes langes Rennen nach der verletzungsbedingten Aufgabe beim New-York-Marathon im vergangenen November vollkommen genossen hatte, täuschte nicht. Denn noch nie drängten sich so viele Zuschauer neben der Strecke.
Frei nach dem Motto „Gemma Haile schauen“ und dank optimaler Wetterbedingungen war die Prater Hauptallee dicht gesäumt. Die gleichen beeindruckenden Bilder boten sich auf dem Schwedenplatz, vor der Oper oder auch auf der Mariahilfer Straße, wo sich die Zuschauer um die besten Plätze drängten. „Das war unglaublich“, staunte Gebrselassie, der mit 2:03:59 Stunden der aktuelle Weltrekordhalter ist und heute 38 Jahre alt wird. „Wien ist eine tolle Stadt. Es ist so sauber, so eine tolle Stimmung vor all diesen historischen Gebäuden. Für mich ist Wien neben Berlin das beste Rennen.“
Obgleich heute in Zürich ein Arzttermin wartet und er sich auf ein 10.000-Meter-Rennen in Birmingham, den Berlin-Marathon und das Olympialimit konzentrieren wird, ließ der Äthiopier nach der Siegesfeier mit einer Aussage aufhorchen, die sowohl Veranstalter Wolfgang Konrad als auch Ausrüster Adidas hellhörig werden ließen. „Ich kenne nur die erste Hälfte der Strecke, aber das war nicht hart. Auch der Asphalt ist toll. Ich halte hier im Marathon eine Zeit von 2:05 Stunden für möglich.“ Eine Rückkehr des Weltstars nach Wien und ein Start über die volle Distanz von 42,195 Kilometer ist also nicht ausgeschlossen.
Der jüngste Sieger aller Zeiten
Während sich Haile Gebrselassie auf dem Heldenplatz von den Zuschauern bereits feiern ließ und geduldig Interviews gab, warteten auf die von ihm zuvor überholten Läufer noch weitere 21 Kilometer. Und da bestimmten einzig und allein drei Kenianer Tempo und Taktik. John Kiprotich, 22, führte einen Dreifachsieg an und kürte sich in 2:08:29 Stunden zum jüngsten Wien-Sieger aller Zeiten. Den Streckenrekord von 2:07:39 Stunden verpasste er allerdings deutlich. Favorit Patrick Ivuti musste sich um elf Sekunden geschlagen geben, Evans Kiplagat wurde Dritter. Bester Österreicher wurde der 36-jährige Kärntner Roman Weger als 21. in 2:18:24 Stunden.
| Ergebnisse ''Vienna City Marathon'' | |
| 1. John Kiprotich (KEN) | 2:08:29 |
| 2. Patrick Ivuti (KEN) | 2:08:41 |
| 3. Evans Kiplagan (KEN) | 2:09:22 |
| 4. Isaac Macharia (KEN) | 2:09:43 |
| 5. Joseph Maregu (KEN) | 2:10:29 |
| 6. Nicholas Chemilo (KEN) | 2:10:48 |
| 7. Augustine Ronoh (KEN) | 2:10:53 |
| 8. Paul Kirui (KEN) | 2:11:54 |
| 9. Henry Szost (POL) | 2:12:45 |
| 10. Tsegaye Bekele (ETH) | 2:12:57 |
| 21. Roman Weger (AUT) | 2:18:24 |
Bei den Damen gewann erstmals eine Äthiopierin. Fate Tola, 23, siegte in 2:26:21 Stunden vor der Portugiesin Ana-Dulce Felix. Für größeres Aufsehen aber sorgte die 21-jährige Tanja Eberhart, die ihren ersten Marathon bestritt und in 2:44:17 Stunden als beste Österreicherin 14. wurde.
Am Sonntag fand auch der London-Marathon statt. In der Olympiastadt 2012 gewann der Kenianer Emmanuel Mutai, 26, mit Streckenrekord in 2:04:39 Stunden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2011)
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