Andrea Maria Dusl - Der Provinzpalast
Am Anfang war die Show. Sie war benannt nach dem coolsten Burschen des Universums – Jochen Rindt. Und jedes Wiener Kind war dort, in Dornröschens Messepalast, sah das schnellste Auto der Welt, sah den Lotus, sah die anderen Sportwagen. Und wenn es Glück hatte, sah es ihn selbst, sah Jochen Rindt und seine Prinzgemahlin, Nina Rindt.
Die Jochen-Rindt-Show war besser als ein Beatles-Konzert. Das muss man wissen, wenn man verstehen will, von welcher Liga wir hier sprechen, warum dem Messepalast, dem Museumsqartier, die seltene Eigenschaft innewohnt, als cool zu gelten. Kein anderer Museumsbau in der Stadt ist cool. Nur das Muqua ist es. Und dies ausschließlich deshalb, weil eine Generation von Wienern hier von Jochen Rindt und seiner Show wachgeküsst wurde. Eligibel gemacht für den devianten Palastbesuch.
Das MQ, das Muqua, wie es genannt werden will, um sich in eine Reihe mit dem Moma zu stellen, ist ein Ort, an dem die Internationale auf den staubigen Boden der Provinz kracht. Seine Geschichte ist die Geschichte dieser Einschläge. Mal war es Pferdestall, mal Messehalle, mal Theaterbühne, mal Partyhöhle. Mal war es Autoscheune, mal tote Hose. Jetzt macht es auf Museum.
Ohne Turm, mit Aperol-Spritz. Seit Jochen Rindts Sportautosalon komme ich nicht mehr so oft in den Messepalast. Vielleicht hat das auch ein bisschen mit der verworrenen Geschichte seines Ausbaus zu tun, vielleicht mit der Politik seiner Palastleitung, vielleicht ist mir das alles nicht cool genug. Vielleicht fehlt mir der Turm!
Vielleicht gehen mir die Bobos und die Möchtegernbobos auf den Nerv, die sich hier mit Mojito und Aperol-Spritz imprägnieren, den Nachwuchs im Buggy schaukeln und per Laptop in ihrem Facebook-Profil herumturnen. Vielleicht geht mir auch das Museum des Augenarztes auf den Nerv, es ist ein provinzieller Kasten, der nicht Klimt und Schiele dient(e), sondern dem Ego des Aquisiteurs. Aber es gibt auch Orte im Muqua, die mir gefallen. Das Glacis Beisl gefällt mir, weil es mich an das alte Glacisbeisl erinnert. Die Enzis gefallen mir, wegen ihrer radikalen Form und wegen der Namenspoesie ihrer Jahresfarben, wegen Schwimmbadblau, Freudliegenrot und Fastaustriaviolett. Der Musiktank in der Galerie gefällt mir, wegen der Möglichkeit, dort antiquarischen Ösi-Rock auf CDs brennen zu lassen. Das Milo mag ich, wegen seiner türkischen Fliesen und der Betonziegelwand hinter der Bar. Das Architekturzentrum mag ich, wegen Dietmar Steiner und wegen Jan Tabor. Und Mareks Garage mochte ich. Wer sie kannte, weiß, wovon ich spreche.
Und den Hof mag ich. Wenn er leer gefegt ist, weil es zu kalt ist, oder zu windig, oder zu wenig bobo. Wegen der kleinen Abweichungen vom Pflichtenheft mag ich den Muqua-Messepalast. Und wegen der Jochen-Rindt-Show.
Laurids Ortner - Entrümpeln bitte!
Was als großes europäisches Kulturzentrum angesetzt war, entwickelte sich schließlich zum lebendigen Zentrum der regionalen Wiener Beislszene. Nicht schlecht. Und die 3,8 Millionen Menschen, die an den Eingängen zum Quartier im letzten Jahr gezählt wurden, haben das ja offensichtlich auch genossen.
Dass der größte Teil der Besucher mit Leopold Museum, Museum moderner Kunst, Kunsthalle oder Architekturzentrum bestenfalls von außen in Berührung gekommen ist, zählt allerdings bei einer solchen Quote nur am Rand. Als hätte sich alles wie selbstverständlich entwickelt, als hätte es nicht jahrelang bitterste Auseinandersetzungen gegeben, so sieht das Leben an einem sonnigen Nachmittag hier aus.
Wäre es jetzt nicht an der Zeit, nach dieser zehnjährigen populären Vereinnahmung etwas für die kulturelle Aufrüstung zu tun? Sich nun endlich das verhinderte architektonische Signet für das gesamte Quartier zu gönnen? Der Leseturm wird es wohl nicht mehr sein. Dafür hat die zuständige städtische Magistratsabteilung vorauseilend die genehmigte Widmung gestrichen.
Eine Libelle fürs Museumsdach. Wir haben ein neues Zeichen entworfen: die „Libelle“ auf dem Leopold Museum. Ein gläsernes Raumgebilde auf dem steinernen weißen Sockel des Museums. Für besondere Veranstaltungen – als sichtbares Zeichen zur Stadt, mit einer weitgestreckten Besucherterrasse, der das Kaiserforum und die Innere Stadt zu Füßen liegen. Tagsüber im Licht schimmernd, am Abend funkelndes Feuermal. In neuer Weise könnte dadurch eingelöst werden, was verbitterten Befürwortern von einst immer zu wenig war: die Lesbarkeit des Neuen in all der historischen Hinterlassenschaft.
Und falls darüber hinaus noch ein weiterer Wunsch frei wäre, dann der, doch das gesamte Quartier gründlich zu entrümpeln, von allem, was da so angefallen ist. Von mickrigen Ankündigungskästen, absurden Wegweisern, dem armseligen Shop am Eingang, der toten Electric Avenue, den aufgeplusterten Werbungen der großen Institutionen und dem Wildwuchs der Schanigärten.
Kein Feindesland. Denn Freunde, wir sind ja schon in der guten Stube der Stadt. Ist es da notwendig, dass sich jeder so aufführt, als müsse er in den Krieg ziehen, als wäre rundum Feindesland, in dem man sich erst zu behaupten hat? Mehr Noblesse im Auftritt täte dem Quartier als Ganzes gut. Und, keine Sorge, der urbanen Lebendigkeit hat solche Verfeinerung noch nie geschadet.
Edelbert Köb - Kultur als Störenfried
Sind die zwei so unterschiedlichen Widmungen des MQ als Kulturbezirk und als innerstädtische Freizeit- bzw. Eventzone ein Widerspruch per se, oder könnten sie einander synergetisch ergänzen, zumindest friedlich koexistieren? Die von Anfang an bestehenden Spannungen zwischen MQ-Verwaltung und den Kultureinrichtungen lassen eher auf Unvereinbarkeit schließen, obwohl zweifellos auch die Kultur – nicht nur Touristen, Stadtflanierer, Gastronomen etc. – vom Standort profitiert. Trotzdem ist es nur ein Neben- und kein Miteinander.
Warum aber funktioniert die schöne kulturoptimistische Idee vom Abbau hochkultureller Barrieren, der Verbindung von Kunst und Leben nicht? Wegen der Egoismen der vielen Nutzer oder weil uns hermetische Museumsmonumente – auch wenn sie wie im MQ mitten in den pulsierenden Fluss des Lebens gestellt werden – abweisend bedeuten: „Kunst ist Kunst und alles andere ist alles andere“ (Ad Reinhard)?
Nein, die Potenziale des Areals sind größer als seine Mängel, die kompensiert werden könnten, nur die Organisationsstrukturen sind falsch. Das politische Lenkungsinstrument des MQ – hinter einer weisungsgebundenen Geschäftsführung – ist ein ferner, autokratischer Big-Brother-Aufsichtsrat, der jeden Kontakt zu seiner Klientel, den Kultureinrichtungen, scheut wie der Teufel das Weihwasser. Es ist allzu offensichtlich, dass weder die Kultur noch ihre Proponenten ernst genommen werden, außer als lästige Störenfriede bürokratischer Entscheidungen unter dem Primat der Ökonomie. So verständlich, wie betrüblich. Sollte es jemals eine Vision gegeben haben: so nicht!
Florian Glöcklhofer - Das Protest-Quartier
Verbote und Vorschriften sind ein Paar, das nicht unbedingt der beste Freund von Studenten ist, die ihr erstes Studienjahr genießen wollen. Und so standen wir im Juni 2009, als das Konsumieren von mitgebrachten Getränken im Museumsquartier untersagt wurde, vor der Frage: Was macht man, wenn einem Verbote und Vorschriften einen lieb gewonnenen Ort nehmen wollen?
Für den Anfang erschien es uns hilfreich, möglichst viele Menschen von den mithilfe von Securitys durchgesetzten Verboten wissen zu lassen, Gleichgesinnte zu finden und die Medien aufmerksam zu machen. Eine Facebook-Gruppe war für uns das beste Instrument – „Freiheit im MQ!“, ein Eyecatcher wurde der Gruppenname. Doch als die anfangs rapide wachsende Zahl der Gruppenmitglieder (fast 20.000) ihrem Zenit zustrebte, nahmen auch die Fragen zu: Reicht Protest im Internet, um seine Ziele zu erreichen? Wie lange würde das Medieninteresse anhalten? Der Ruf nach einer Demo vor Ort wurde laut. Wir begannen, auf der Facebook-Seite Ideen zu sammeln, begleitet von der Angst, zu wenige Menschen würden den Schritt vom Klick zur realen Veranstaltung schaffen.
Immer nur der Alkohol. Wie wir inzwischen wissen, war die Furcht unbegründet. Außerdem hatte sich MQ-Direktor Waldner, der die Proteste heute herunterspielt, sowohl per E-Mail als auch im persönlichen Meinungsaustausch schon zuvor einsichtig gezeigt – vermutlich auch, um ein weiteres Eskalieren zu verhindern. Insofern war die Veranstaltung für uns letztlich mehr als fröhliche Feier denn als Protest zu sehen. Im Nachhinein ist freilich schwer zu beurteilen, ob das rüde Verhalten der Securitys (später in „Gästebetreuer“ umbenannt), das den Protest auslöste, tatsächlich – wie seitens des MQ betont wird – ein Missverständnis oder doch beabsichtigt war, um der Gastronomie im MQ mehr Umsatz zu beschaffen. Schade finde ich, dass unsere Argumente angesichts der Kritik, es ginge uns bei der Aktion nur um Alkoholtrinken in der Öffentlichkeit, untergingen.
Mein persönlicher Wunsch, eine Debatte über den öffentlichen Raum insgesamt anzustoßen, erfüllte sich nicht. Und viele Frage blieben offen: Warum muss beziehungsweise darf ein im Eigentum von Bund und Gemeinde befindliches, öffentlich zugängliches Areal als Privateigentümer auftreten? Warum muss ein solches Areal einen privaten Sicherheitsdienst anstellen, wo es eine staatliche Exekutive gibt? Und vor allem: Wie weit soll die Kommerzialisierung des öffentlichen Raums voranschreiten? Antworten fehlen mir immer noch. Heute, zwei Jahre danach, bin ich seltener im MQ, es gibt genügend andere schöne Ort in Wien. Hin und wieder, wenn neben dem Studium Zeit bleibt, kann mich aber auch die von manchen mittlerweile dort geortete „boboeske Hipster-Klientel“ nicht davon abhalten, es mir im MQ gemütlich zu machen. Mit ein paar Freunden. Und dem einen oder anderen Bier.
Anna Kim - Ein Dienstagnachmittag im April
Sie räkeln sich an einem Badestrand ohne Meer, dafür unter Palmen und auf Badeliegen, man könnte sie auch als Boote beschreiben, in Rot und Grün mit und ohne Regale, sonnenbaden auf ihnen, die Sonnencreme in den Strandtaschen griffbereit, und irgendwie sehen sie alle so aus, als wären sie miteinander befreundet.
Vielleicht sollte ich meine Beschreibung des (Lebens-)Künstlerquartiers als Badestrand überdenken; ich versuche es lieber mit einer Definition: MQ = Park ohne Grasflächen, dafür mit überdimensionalen Parkbänken im Playmobil-Design, gern und so oft fotografiert, dass es im Grunde keine Fotos ohne Fotografinnen und Fotografen geben dürfte; gern und oft bewandert von Hundegängern aller Größen, die dem Bewegungsdrang ihrer Vierbeiner nicht nachgeben wollen, weil sie eigentlich der Ansicht sind, sie hielten sich Kuscheltiere; ein Ort, an dem Natur geschaffen, eigentlich imitiert wird, nachdem diese abgeschafft wurde; angeblich ein Ort für Kunst, nämlich ein Ort für Kunst, die nicht stört. Nett hält sie sich im Hintergrund, in den eindrucksvollen grauen Gebilden, und wird von den meisten MQ-Besuchern ignoriert, denn an diesem Platz mit all den Cafés, den Sonnenschirmen und dem Kaffeegeruch in der Luft geht es in erster Linie um Gemütlichkeit, Bequemlichkeit, und die beinhaltet Ungestörtheit und Ruhe.
Wenn man sich dann doch etwas Kunst zu Gemüte geführt hat, belohnt man sich neben und rund um den rechteckigen Teich mit einem Caffè Latte, einer Melange oder mit einem Papiertässchen voll Humus, außerdem Weißbrot und Oliven. (Ich gebe zu, dass ich zu den Kaffeeschlürfern gehöre.)
In der Prä-Punschzeit. Im Winter, in der Prä-Punschzeit, stellt sich das MQ ganz anders dar: Das Quartier ist verlassen, nur wenige spazieren zwischen den Museen, die nun als solche erkennbar sind, ohne ablenkende Cafétischchen und -sesselchen, und der Übergang von den Mauern zum Asphalt ist unmerklich, sodass man meinen könnte, man stehe in einem außerordentlich großen Haus, dem das Dach fehlt. Ich ziehe das winterliche Kunstquartier vor – ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass es im Winter ein Kunst-, im Sommer ein Caféquartier ist –, denn ich mag es, wie die winterlichen Temperaturen die Aufmerksamkeit auf die in den Hallen fabrizierten, aus- und dargestellten Künste lenken und die Strenge, man möchte fast sagen: das Abweisende der Architektur, sichtbar machen, dann scheint mir das etwas ernster genommen, was im MQ versucht wird, ob man es nun Kunst nennen will oder nicht.
(Gegen Spaß habe ich nichts, nur gegen Verspaßung.)
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.05.2011)
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