Liesing: Ein Bezirk vor dem Verkehrsinfarkt

Der 23.Bezirk ist wie kein anderer Wiener Stadtteil vom Pendlerverkehr betroffen und träumt von einer U-Bahn bis nach Niederösterreich. Es wird indessen trotz fehlender Infrastruktur kräftig weiter gebaut.

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(c) Clemens Fabry

Wien. Müssten sich die Bewohner von Liesing auf ein kollektives Feindbild einigen, es wären wohl die Pendler. Aus dem wachsenden Speckgürtel im Wiener Umland kommend, verstopfen sie mit ihren Pkw morgens und abends verlässlich die Einfahrtstraßen, von denen Liesing überdurchschnittlich viele hat: Breitenfurter Straße, Altmannsdorfer und Triester Straße.

Keine Frage, der 23.Wiener Gemeindebezirk hat ein Verkehrsproblem. Ein so massives, dass andere Mängel im Bezirk – mit Ausnahme vielleicht des Fluglärms – die Bevölkerung kaum zu stören scheinen. Vor einigen Tagen hat sich die Situation noch einmal verschärft, weil die ohnehin überlastete Park-&-Ride-Anlage an der Endstation der Linie U6 in Siebenhirten wegen eines Umbaus – sie wird von 520 auf 740 Stellplätze ausgebaut – teilweise gesperrt ist. Bis zur Fertigstellung im Oktober reihen sich also noch mehr niederösterreichische Pendler in den Stau Richtung Stadtzentrum ein.

Bezirk, Stadt und Umlandgemeinden beobachten die Verkehrsüberlastung weitgehend taten- und ideenlos. Als ebenso langfristiges wie unrealistisches Allheilmittel wird in schöner Regelmäßigkeit die Verlängerung der U6 bis nach Wiener Neudorf oder Mödling beschworen (siehe Artikel unten). „Das wäre“, sagt der Liesinger Bezirksvorsteher Manfred Wurm (SP), „die optimale Lösung für unser Verkehrsproblem.“ Auch Roman Stiftner, Bezirksparteiobmann der VP, glaubt, dass U-Bahn-Stationen in Niederösterreich inklusive Park-&-Ride-Anlagen dazu führen würden, „dass die Pendler gar nicht erst mit dem Auto nach Wien fahren.“

 

Bauen „auf der grünen Wiese“

Wobei nicht an allem die Pendler schuld sind. Denn der öffentliche Verkehr ist auch für die Liesinger selbst oft keine Alternative. Etwa weil, wie Georg Irsa, Klubchef der Bezirksgrünen kritisiert, „die S-Bahn an Attraktivität verloren hat.“ Der Takt habe sich verschlechtert, die Wieselzüge würden etwa in Atzgersdorf nicht mehr stehen bleiben. Zudem fehlt es an Querverbindungen durch den Bezirk, die Busse verkehren zu selten.

Sofern es sie überhaupt gibt. Denn, so Irsa, oft würden Wohnprojekte „auf der grünen Wiese“ gebaut. Als Beispiel nennt er die geplante Siedlung auf dem Grund des Zementwerks Perlmooser im Dürren-Liesing-Tal. „Rundherum ist da“, sagt Irsa, „eigentlich nichts.“ Sprich: Die nötige Infrastruktur von Buslinie bis Kindergarten fehlt beim Einzug der Menschen oft. Bezirkschef Wurm verweist wiederum auf 15 geplante Kindergartengruppen, die in den nächsten Jahren im Bezirk aufsperren werden. In Atzgersdorf wiederum soll eine neue Ganztagsvolksschule entstehen – bevor dort weitere Siedlungen gebaut werden. Für VP-Bezirkschef Stiftner ist die Raumplanung in Liesing dennoch „ganz schlecht. Es wird überall hingebaut, ohne nachzudenken“.

Dennoch, das räumen auch Kritiker ein, ist die Lebensqualität in Liesing auch dank vieler Grünräume (der Wienerwald macht etwa 14 Prozent der Bezirksfläche aus) recht hoch. Mit dem Wohnpark Alt-Erlaa, in dem rund 10.000 Menschen friedlich (und zufrieden, wie Studien zeigen) zusammenleben, hat man ein prominentes Vorzeigeprojekt im Bezirk.

Weitere sollen dazukommen. Seit Jahren schon entstehen auf den Grundstücken abgesiedelter Industriebetriebe (und derer gab es einige, wie etwa die Inzersdorfer Nahrungsmittelwerke) neue Wohn- und Bürogebäude.

Das prominenteste Beispiel ist zugleich das umstrittenste: Auf den Gründen der Brauerei Liesing entstanden im Vorjahr Wohnungen und das Einkaufszentrum „Riverside“. Der Bau von Coop Himmelb(l)au ist nicht nur optisch umstritten. Kritisiert wurde vor allem, dass die erwünschte Strahlkraft über die Bezirksgrenzen hinaus noch mehr Individualverkehr anziehen würde. Anfängliche Verkehrsprobleme, versichert Bezirksvorsteher Wurm, habe man mittlerweile im Griff.

Noch stolzer ist Wurm aber auf das Jugendparlament „word up! 23“. 100.000Euro macht der Bezirk pro Jahr locker, damit Jugendliche sich in Demokratie üben und Projekte umsetzen können. In der Vergangenheit entstanden etwa Skateranlagen oder wurden Spielplätze neu gestaltet. „Alles, was in der Macht des Bezirks liegt“, sagt Wurm. Maßnahmen gegen den drohenden Verkehrsinfarkt gehören wohl nicht dazu.


Bisher erschienen: Ottakring (19.4), Floridsdorf (22.4), Donaustadt (28.4.), Favoriten (5.5.), Simmering (7.5.), Döbling (13.5)

Der Bezirk

93.628 Menschen leben laut Statistik Austria (Stand 1.1.2011) in Liesing. In der jetzigen Form besteht der 23. Bezirk seit 1954, er wurde seither durchwegs von der SPÖ regiert. Seit 1995 steht Manfred Wurm dem Bezirk vor.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2011)

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