Taxifahrer versus Taxifunk: „Die knebeln uns“

Der Wiener Taximarkt wird von zwei Funkzentralen kontrolliert. Diese besitzen keine Fahrzeuge, vermitteln allerdings die meisten Fahrten im Geschäft. Die Fahrer kritisieren jetzt die ungerechten Konditionen.

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Wien. Auf seinem Hof im dritten Bezirk ist der Taxiunternehmer S. schon wieder in Rage. „Freies Gewerbe? Samma des wirklich noch?“ Er schüttelt den Kopf. Gerade wurde einem seiner Fahrer als Strafe der Funkempfang abgestellt, weil dieser sich unhöflich gegenüber einem Fahrgast verhalten haben soll. „Da steht Aussage gegen Aussage. Der Fahrgast war unverschämt. Dann geht es immer gegen die Lenker!“ S. besitzt 40 Taxis, hat Fahrzeuge bei beiden großen Wiener Zentralen angeschlossen. Schon lange ist er unzufrieden: „Die Zentralen knebeln uns – weil sie es können“, seufzt S.

Von den 4500 Taxis in Wien wird gut die Hälfte durch die zwei Zentralen „40100“ und „31300“ kontrolliert. Diese besitzen keine Fahrzeuge, vermitteln aber die meisten Fahrten im Geschäft. Ihre bekannten Telefonnummern machen sie mächtig. Taxiunternehmer wie S., die einen oder mehrere Wagen besitzen, mieten sich in das Netz einer Zentrale ein, um die Aufträge entgegennehmen zu dürfen. Denn über Zentralen machen Taxifahrer den meisten Umsatz. S. überlegt aber seit geraumer Zeit, ob er den Vermittlern dennoch fernbleiben sollte. Einige seiner Wagen fahren funklos. Es gebe Gründe, warum Betreiber von etwa 2000 Taxis auf die Zentralen verzichten. Ein wichtiger: die untypisch hohen Gebühren, die beide Wiener Zentralen verlangen.

 

Teurer als Hamburg

Leo Müllner sieht das anders: Der Chef der Zentrale „40100“, die allein ein Drittel aller Wiener Taxis unter Kontrolle hat, sitzt mit seinem Kollegen Martin Hartmann in seinem Büros im 23. Bezirk. „In Wahrheit sind wir die günstigste Zentrale Europas“, sagt Müllner und zieht den ähnlich großen Hamburger Markt als Vergleich heran. Jedoch zahlen die meisten Taxiunternehmer in Hamburg monatlich 300 bis 400 Euro für die Nutzung einer Zentrale. Bei „40100“ sind es meist 500 Euro oder mehr. „Na ja“, merkt Martin Hartmann an, „wir sind eben schnell. Über 98 Prozent der 4,5 Millionen Anrufe im Jahr wickeln wir innerhalb von 20Sekunden ab.“ Guter Service habe seinen Preis.

Viele Taxiunternehmer interessiert das nicht. „Es wird immer mit der Dienstleistung argumentiert. Wie es uns Taxlern dabei geht, wird ignoriert“, sagt Walter Hindinger, der früher über Funk gefahren ist, aber wegen der „Knebelverträge“, wie er die Vereinbarungen mit den Zentralen nennt, die Zusammenarbeit aufgegeben hat. „Da werden Preise und Konditionen diktiert. Immer zum deutlichen Nachteil der Taxler. Nur der Fahrgast freut sich über guten Service.“

 

Taxi-App als Kündigungsgrund

„Das große Problem ist“, schimpft sogar Müllner, „dass es Lenkern wirtschaftlich nicht gut geht. Durchschnittlich 35.000 Euro Jahresumsatz pro Taxi, minus Steuern und Ausgaben. Aber ohne unsere Vermittlung wäre das noch weniger.“ Die hohen monatlichen Gebühren zu senken, sei aber nicht möglich, wiegelt er ab: „Ein bisschen muss auch für uns bleiben.“ Andererseits, sagt Hartmann: „Wir haben jeden Monat Anfragen von Unternehmern, die unseren Vermittlungsservice nutzen wollen. Das spricht dafür, dass es sich noch rechnet für die Taxler.“ Allerdings nehme man seit Kurzem keine weiteren Unternehmer mehr auf, um die Konkurrenzsituation nicht noch weiter zu befeuern.

Von „Knebelverträgen“ spricht auch der Taxiunternehmer S. Man habe aber kaum eine andere Wahl, als mit den Zentralen zusammenzuarbeiten. Schließlich wollen die Zentralen auf dem duopolistisch aufgeteilten Markt weitere Wettbewerber vermeiden. Schon mehrere Konkurrenten wurden aus dem Markt getrieben oder geschluckt. Müllner verrät wie – und bezieht sich auf die neue App „myTaxi“, durch die Taxibestellungen auch ohne Zentrale möglich sind: „Wer bei uns fährt und gleichzeitig „myTaxi“ nutzt, wird sofort gekündigt. Unsere Verträge verlangen das. Das handhabt „31300“ genauso.“ Das sei ja klar: „Wenn deine Frau dich betrügt, lässt du dich ja auch scheiden.“ Ganz so klar ist das nicht. In Deutschland hat 2009 ein Urteil des Oberlandesgerichts Frankfurt ergeben, dass derartiges wettbewerbsbeschränkendes Verhalten durch Zentralen rechtswidrig ist. Ob dies auch auf Österreich zutrifft, hat noch kein Fall entschieden.

 

Angst zu klagen

„Es traut sich bisher niemand zu klagen“, meint S. Aus diesem Grund will auch er seinen vollen Namen nicht nennen. Wer das Wort erhebe, werde sofort abgestraft, wie die Drohung von Müllner im Zusammenhang mit „myTaxi“ andeutet. Sauer stößt S. auch auf, dass im Ausschuss der Wiener Taxi-Innung, die die Interessen der Taxiunternehmer vertreten soll, mehrere Funktionäre der Zentralen sitzen. Ein Geflecht, meint S., das das Ausbleiben einer Stellungnahme von dieser Seite begünstige – Müllners Kündigungsdrohung wird von der Innung nicht kritisiert. „Wo kein Kläger . . .“, sagt S.

Auf einen Blick

In Wien gibt es etwa 4500 Taxis, die Hälfte wird durch die zwei Funkzentralen kontrolliert, die Fahrten vermitteln und wegen ihrer Bekanntheit den Fahrern Umsatz bringen. Die Fahrer klagen jedoch über „Knebelverträge“: So kündigen die Zentralen Fahrern, die Bestellungen über die „myTaxi“-App entgegennehmen. In Deutschland ist das laut Gerichtsurteil rechtswidrig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2011)

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