Die Presse: Sie sind soeben zum Radbeauftragten der Stadt Wien ernannt worden. Ist das nicht ein Titel ohne Mittel?
Martin Blum: Es wird eine Radagentur geben, die aus drei Personen besteht (neben Blum Ex-Bezirksvorsteherin Susanne Reichhard und Peter Eschberg), und es gibt ein kleines Budget (900.000 Euro inkl. Personalkosten). Wenn große Projekte in Angriff genommen werden, ist es Aufgabe der Radagentur, sich das Budget dafür zu organisieren. Wichtige Aufgabe ist die Vernetzung der zuständigen Stellen der Stadt Wien, dass es Rückenwind für Radverkehr gibt.
Da werden Sie aber angesichts der Ausstattung der anderen Magistratsstellen eher auf verlorenem Posten stehen.
Ziel der Radagentur ist es ja zu zeigen, dass der Radverkehr in Wien wichtig ist. Wir wollen den Radverkehrsanteil (derzeit fünf Prozent) bis zum Jahr 2015 verdoppeln.
Was konkret werden Sie tun, wie wollen Sie die Stellen genau miteinander vernetzen?
Ich habe erst Montagabend erfahren, dass ich unter den 470Bewerbern ausgewählt wurde. Ich möchte mich noch ein wenig einarbeiten, bevor ich konkret...
Aber Sie werden doch bei Ihrer Bewerbung konkrete Vorhaben formuliert haben.
Entscheidungen, die das Radfahren fördern oder auch behindern können, werden derzeit in Wien auf vielen verschiedenen Ebene getroffen: in den Bezirken, in den einzelnen Magistratsabteilungen et cetera. Jetzt geht es darum, zu schauen, wie man Entscheidungen treffen kann, die insgesamt dem Radverkehr förderlich sind, überall den Radverkehr mitzudenken. Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass es eine Bewusstseinsbildungskampagne für das Radfahren gibt. Es gilt, ein Miteinander im Verkehr zu erreichen statt eines Gegeneinanders, das es derzeit oft gibt: dass man Rücksicht nimmt, dass man Fehler verzeiht, dass man sich bedankt, alles das, was man macht, wenn man einen guten Freund trifft.
Arbeiten Sie auch an dem angekündigten Radfahrer-Knigge mit?
Ich nehme an, dass wir da auch mitarbeiten werden.
Braucht es neue Gebote, Verbote?
Ich glaube nicht, dass es an Regeln mangelt. Es ist wichtig, eine Verkehrskultur der Rücksichtnahme in Wien zustande bringen.
Wer ist im Verkehr rücksichtsloser: Autofahrer oder Radfahrer?
Es gibt Situationen, in denen es bei allen beteiligten Rücksichtslosigkeiten gibt. Natürlich wird Rücksichtslosigkeit umso gefährlicher, mit je mehr Kilo man unterwegs ist.
Sie erleben Rücksichtslosigkeit schon auch bei Radfahrern?
Auch bei Radfahrern.
Wie radfahrfreundlich ist denn Wien derzeit?
Wien ist auf einem guten Weg. Es hat eine starke Zunahme des Radverkehrsanteils gegeben.
Wien soll Kopenhagen werden – wo es Probleme mit zu vielen Radfahrern gibt?
Die Probleme dort sind nicht so gravierend, wie das zuletzt dargestellt wurde.
Eine Verdoppelung in vier Jahren wollen Sie ohne Zwang oder Bestrafung von Autofahrern tatsächlich schaffen?
Zwang wird nicht zum Ziel führen. Wir wollen die Wienerinnen und Wiener einladen, das Rad in die Hand zu nehmen und damit eine Positivspirale in Gang setzen. Was sich gezeigt hat, ist, dass Radverkehrspolitik wie ein Puzzle funktioniert, das sich zusammenfügt. Ein Puzzleteilchen muss in das andere passen. Wenn man die zusammenfügt, ergibt dies das Bild eines hohen Radverkehrsanteils.
Sind Sie heute bei Regen und Wind mit dem Fahrrad in Ihr Büro gefahren?
Ich bin heute mit dem Fahrrad ins Büro gefahren. Ich fahre ganzjährig mit dem Fahrrad; es gibt ganz wenige Tage, an denen ich die Öffis nehme oder zu Fuß gehe.
Sollte über eine Verteuerung der Parkgebühren Anreiz für Radfahren geschaffen werden?
Parkgebühren gehören nicht zu den Aufgaben eines Radbeauftragten.
Martin Blum leitet (noch) im Verkehrsclub Österreich (VCÖ) die Abteilung Verkehrspolitik. Der 35-jährige DI (Kulturtechnik an der Boku Wien) ist verheiratet und Vater von drei Kindern. [APA]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2011)
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