Bei der Odyssee einer jungen Schwangeren durch Wiener Spitäler ist es an der Universitäts-Frauenklinik der MedUni Wien im AKH "zu keinem medizinischen Fehlverhalten" gekommen. Das sagt Klaus Friese, dem Präsidenten der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, in einem medizinischen Gutachten, das MedUni-Wien-Rektor Wolfgang Schütz und dem Chef der Universitäts-Frauenklinik, Peter Husslein, präsentiert haben. "In meinen Augen ist überhaupt nichts falsch gemacht worden", "alle (Ärzte, Anm.) haben die richtige Entscheidung getroffen", heißt es in der Expertise. Der Wiener Patientenanwalt Konrad Brustbauer sieht das Gutachten skeptisch.
Die 25-jährige Frau ist am 11. Jänner abends wegen Blutungen in der Frühschwangerschaft zunächst in das Krankenhaus "Göttlicher Heiland" in Wien-Hernals gekommen, dort untersucht und für den nächsten Tag zu einer Kontrolle eingeladen worden. Die Frau kam nicht zurück. Die Schwangere ging stattdessen ins AKH, wurde dort an der Universitäts-Frauenklinik weder untersucht noch aufgenommen. Schließlich kam sie in die Wiener Rudolfstiftung, wo sie einen Tag später aufgenommen wurde. Sie verlor kurz darauf ihr Kind.
"Psychologisch ungeschickt"
"Es ist äußerst bedauerlich, dass sie ihr Kind verloren hat, doch ist dieser schmerzliche Verlust nicht auf einen ärztlichen Fehler zurückzuführen", sagte Rektor Schütz. Ein Verlust des Kindes sei in dieser frühen Phase der Schwangerschaft ein häufiges Phänomen, heißt es in dem Gutachten. Bis zur 24. Schwangerschaftswoche gebe es keine medikamentöse Therapie gegen diese Art der Blutungen. Man könne der Patientin nur die Schonung empfehlen und hoffen, dass so die Blutung aufhört.
Frauenklinik-Chef Husslein betonte, dass die Frau an allen drei Krankenhäusern, die sie aufgesucht hatte, gut betreut worden wäre. An der Ambulanz seiner Klinik wären zwei Mängel geschehen: "Es war psychologisch ungeschickt, die Frau nicht anzuschauen." Weiters fehle die Dokumentation des Gesprächs zwischen der Ärztin und der Patientin.
Patientenanwalt bezweifelt "ausreichende Befundlage"
Patientenanwalt Brustbauer hegt Zweifel, dass das Gutachten "auf einer ausreichenden Befundlage" beruhe. Denn schließlich gebe es seitens des AKH keinen Befund, da die Frau nicht untersucht wurde. Zudem dürfe die Rudolfstiftung, welche die junge Frau schließlich aufgenommen hatte, ihren Befund aus rechtlichen Gründen nicht weitergeben.
Der Patientenanwalt kündigte an, das Gutachten in die Prüfung auf möglichen Schadenersatz einzubeziehen: "Wir werden das anfordern." Derzeit liege es ihm noch nicht vor. In den nächsten Tagen sollten zudem die Unterlagen der Rudolfstifung und des Ordensspitals Göttlicher Heiland eintreffen. Die Patientenanwaltschaft will der Frage nachgehen, ob durch eine Aufnahme der Patientin ihr Kind gerettet hätte werden können und je nach Ergebnis, das in einigen Wochen vorliegen soll, Schadenersatz einfordern.
Vorwurf: "Gravierende Fehler" am AKH
Der Umgang mit der Frau hat für Kritik von höchster Stelle gesorgt: Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) und KAV-Direktor Wilhelm Marhold betonten, dass Menschen in Krankenhäusern behandelt werden müssten und die Haltung des AKH, nur für Spitzenmedizin zuständig zu sein, nicht zulässig sei. Marhold erneuerte am Donnerstag seine Kritik, dass die Frau untersucht hätte werden müssen.
Auch die AKH-Spitze räumte Fehler ein. Spitalschef Reinhard Krepler sprach von einer "Fehleinschätzung" der diensthabenden Ärztin, da die Schwangere als Patientin wahrgenommen worden sei, die sich für die normale Geburt in einigen Monaten anmelden wollte. Außerdem habe es Mängel bei der Dokumentation gegeben. Inzwischen hatte die Wiener Patientenanwaltschaft mit Erhebungen begonnen, um mögliche Ansprüche auf Schadenersatz für die Patientin einzufordern. Das Ergebnis wird in einigen Wochen erwartet.
Schneller verlief die Prüfung der Wiener Magistratsabteilung 40 (Sozial- und Gesundheitsrecht). MA-40-Leiterin Renate Christ sprach von "gravierenden Fehlern" im AKH, die vor allem die Kommunikation mit der Hilfesuchenden beträfen. Auch Frauenklinik-Chef Husslein hatte eingeräumt, dass die Kommunikation mit der Patientin "suboptimal" gewesen sei.
(APA)
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