Wien. Schwitzen, strampeln, laufen – bei den eisigen Temperaturen ist das vielen im Freien zu mühsam. Das merkt man unter anderem in den Fitnesscentern, die im Winter besonders stark frequentiert sind. Aber auch abseits des Wetters werden die Studios in Österreich immer beliebter: 2010 (aktuellere Zahlen gibt es noch nicht) besuchten 450.000 Menschen in Österreich ein Fitnesscenter – das sind 5,5 Prozent der Bevölkerung.
Und die Indoor-Sportbegeisterten werden von Jahr zu Jahr mehr: Trotz Wirtschaftskrise nimmt ihre Zahl laut Wirtschaftskammer (WKÖ) jährlich um vier Prozent zu. „In den vergangenen sechs Jahren wuchs die Zahl der Fitness-Mitglieder um knapp 100.000“, sagt Gerhard Span, Obmann des WKO-Fachverbandes für Sport- und Freizeitbetriebe. In Wien finden sich die meisten Fitnessstudiogänger, in ländlichen Gebieten ist das Schwitzen in den vier Wänden weniger beliebt – weil sich mehr Sportmöglichkeiten in der freien Natur anbieten.
Starke Segmentierung
Allerdings: Obwohl die Mitgliederzahlen steigen, entstehen nicht mehr Fitnessstudios – im Gegenteil, sie werden sogar weniger. Noch vor acht Jahren gab es zwischen Wien und Vorarlberg fast 50 Studios mehr als heute. Aktuell kommen im Bundesschnitt rund sechs Fitnessstudios auf 100.000 Einwohner.
Und doch entsteht vor allem in Wien der Eindruck, dass die Studios nur so aus dem Boden schießen. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Diskont-Anbieter – erst am Mittwoch hat etwa ein neues Fitinn-Studio bei der Friedensbrücke eröffnet. Sie gehören zu den größten Gewinnern des Fitness-Booms. Billigketten wie Fitinn bieten eine Mitgliedschaft um weniger als 20 Euro pro Monat an. „Die Geräte werden um 2000 bis 3000 Euro geleast und dem Kunden zur Verfügung gestellt“, sagt Martin Becker, Berufsgruppensprecher der Wiener Fitnesscenter. Zusatzleistungen wie Duschen oder Getränke werden extra bezahlt. Und das Konzept scheint aufzugehen: Das österreichische Unternehmen rund um die Fitnesskette Fitinn preist sich selbst als Marktführer mit über 65.000 Mitgliedern an. Auch die deutsche Kette McFit expandiert in Österreich.
Auf der anderen Seite des Spektrums stehen Premium-Studios, die mit dem sogenannten All-in-Konzept arbeiten. „Den Gästen werden großflächige Multifunktionsstudios angeboten, in denen von Fitnesstraining über medizinische und therapeutische Beratung bis hin zu Wellnessangeboten alles zu finden ist“, sagt Spartenobmann Span. Diese Anbieter legen Wert auf Beratungsqualität und individuelle Trainingsprogramme. Doch dieses Service hat seinen Preis: Im Premium-Fitnesscenter Manhattan Fitness in Wien beträgt die Einschreibungsgebühr ganze 1200 Euro, im Monat zahlen Mitglieder noch mal zwischen 80 und 137 Euro dazu. Und dennoch – auch die hochpreisigen Angebote finden ihre Kundschaft, können vom Fitness-Boom profitieren. Auf der Strecke bleiben vor allem jene Betriebe, die zwischen diesen beiden Polen angesiedelt sind.
Abgetrennte Damenbereiche
Ein möglicher Ausweg für sie ist die zunehmende Spezialisierung auf klar definierte Zielgruppen. Dazu gehören etwa spezielle Angebote für Frauen. „Noch Anfang der 1990er-Jahre war die Fitness-Branche ein männlich dominiertes Feld. Speziell Krafttraining für Frauen war verpönt“, sagt Span. Jetzt würden immer mehr Frauen in den Studios trainieren. Die Preisklasse spielt dabei allerdings eine kleinere Rolle: Billige Studios haben oft abgetrennte Damenbereiche, andere Ketten wie Mrs. Sporty spezialisieren sich völlig auf die weibliche Kundschaft, verlangen dafür aber auch einen höheren Preis.
Und noch in einem weiteren Segment gibt es ein großes Wachstumspotenzial: bei älteren Menschen. Denn auch Pensionisten zieht es immer öfter ins Fitnessstudio: „Jedes vierte Mitglied ist Rentner“, sagt Spartenobmann Span. Und während die Zahl der Mitglieder bis 39 schrumpfe, sei jene der 50-plus-Mitglieder in den vergangenen Jahren stark gewachsen.
Angst vor der Billigkonkurrenz
In der Branche zeigt man sich über die aktuellen Entwicklungen nicht nur glücklich. Viele Kleinbetriebe hätten Angst vor der Billigkonkurrenz. Und auch bei der Qualität der neuen Studios gebe es Grund zur Sorge: „Jeder, der eine leere Halle besitzt, kann derzeit ein Fitnesscenter eröffnen“, sagt der Wiener Berufsgruppensprecher Martin Becker. Es sei ein freies Gewerbe, ohne Befähigungsnachweise, ohne Qualitätskriterien. „Und deshalb weiß ich selbst nicht genau, für wen ich eigentlich der Sprecher sein soll.“
Fitnessstudios werden in Österreich weniger – die Mitgliedszahlen steigen allerdings an. Etwa 750 Studios gibt es österreichweit, 147 davon allein in Wien.
Segmentierung: Diskonter- und Premiumbetriebe sind die Gewinner, so wie Betriebe mit Fokus auf Frauen und Senioren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2012)
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