Weiße Wände, ein kleiner Schreibtisch, ein Ikea-Regal. Einzig die Krönchensammlung deutet an, wo man ist. Das Opernballbüro von Desirée Treichl-Stürgkh hat schon so manch neugierigen Besucher enttäuscht. Seit dem Vorjahr ist es zwar innerhalb des Hauses übersiedelt – glamourös ist es aber immer noch nicht. Treichl-Stürgkh klappt den Laptop zu. „Ich bin kaum geschminkt, ist das ein Problem für Sie?“
Ein kleiner Schwarzer, dann geht es hinaus in die Kälte. Noch im Vorjahr wäre die Chance, die Opernballchefin kurz vor dem Ereignis aus ihrem Büro zu locken, gegen null gegangen. Aber erstens bändigt neuerdings der Pressechef der Staatsoper auch die Journalistenanfragen zum Ball, zweitens nimmt Treichl-Stürgkh in ihrem fünften Jahr alles ein wenig entspannter.
Ein gutes Gefühl dafür, wie relativ die täglichen Sorgen mit Baumeistern und Magazincovern über „die Treichls“ sind, bekommt man gleich um die Ecke. Bei den k. u. k. Kammerlieferanten Jungmann und Neffe, Nachbarn des Sacher, taucht man tief in die Vergangenheit ein. Unter der dunklen, holzgetäfelten Decke stapeln sich bis heute die „feinsten Stoffe“. Treichl-Stürgkh, Ex-Modejournalistin, hat etwas Bestimmtes im Sinn: Die alten Auftragsbücher. 1893 findet sich: Pro Auftrag eine Seite, ein bis heute leuchtendes Stück Stoff, ein Name. Gräfin Thun, Gräfin Festetics, Fürstin Kinsky. „Irgendwo“, glaubt Treichl-Stürgkh, „finden wir da sicher auch meine Großmutter.“ Inspirierend finde sie es, hier zu blättern. Und schön, „weil es zeigt, dass es weitergeht. Ich krieg da immer ein bissl Gänsehaut.“
Zum Blättern kehrt sie gern auch ein paar Meter weiter ein. Die Tabaktrafik ist namenlos und so winzig, dass man sie fast übersieht. Früher hat sich die 47-Jährige hier Zigaretten geholt. Seit einer Beschwerde ihres Jüngsten („Mama, du stinkst“) sind die tabu – und wurden (notgedrungenerweise) durch Sport ersetzt: zwei Mal morgendliches Turnen, Tennis, sonntags eine Zumba-Runde. Erlaubt sind in der Trafik weiterhin die Magazine, die es hier in großer, internationaler Auswahl gibt: Economist, Vogue, Elle, das schätzt sie. Eine Ausgabe Vanity Fair wandert mit.
Schräg gegenüber liegt Treichl-Stürgkhs erweitertes Büro. Vor der Übersiedlung ihres Arbeitszimmers war der Tirolerhof noch wichtiger, aber bis heute verlegt sie Termine gern hierher. Ein Unbekannter schüttelt ihr die Hand, wünscht ihr Glück. Sie ordert noch einen kleinen Schwarzen und ein Soda Zitron. Einmal, erzählt sie, habe sie hier ihr Notizbuch vergessen. „Alle meine Telefonnummern, Kooperationen, wer wo sitzt... Ich dachte, wenn das irgendwer in die Hände bekommt, bin ich geliefert.“ Geliefert wurde nur das Buch, vom Kellner.
Wäre es Sommer, wäre der Spaziergang dabei ganz anders ausgefallen. Ihr privates Wien, sagt Treichl-Stürgkh, liege nicht „im Ersten“, sondern im dritten Bezirk. In der Nähe des Schwarzenbergplatzes wohnt die Familie; rund um den Rochusmarkt ist die Mutter von drei Söhnen gern unterwegs. „Da geh ich einkaufen, da ist die Kirche, mein Blumengeschäft, da sind die Leute, die mich beim Namen kennen.“
Ab Ende der Sommerferien kommt sie zwei, drei Mal pro Woche zur Oper, spätestens ab November ist sie täglich da. Dann bleibt mittags oft nur Zeit für einen Sprung zum Bäcker. Zum „Gragger“ beim Dorotheum, der nur mit Sauerteig bäckt. Das Dinkelvollkornbrot hat sie am liebsten, und das Pain d'Epi. Speziell ist auch das Geschäft, in das die „Home“-Herausgeberin als Letztes führt. Bei „Hofeneder Decoration“ gibt es Kaschmir und Lampen, Seife, „schöne Mitbringsel“ – und ein Glas Tee für die Gäste. Gern bleibt Treichl-Stürgkh auch vor der Auslage von Juwelier Köchert stehen. Sie möge, sagt sie, das alte Geschäftslokal. „Das beamt einen ein bissl weg, in eine andere Welt.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2012)
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